Wetterfrosch und Unwetterästhet: Sven Plöger

Sven Plöger, geboren 1967 in Bonn, ist der Deutsche Wetterfrosch schlechthin. Seine regelmäßigen Auftritte haben ihn zu einer bekannten Person gemacht und im Gespräch merkt man ihm sehr schnell an, dass er für sein Thema, das Wetter und dessen komplexe Zusammenhänge, förmlich brennt. Und vor allem auch, dass er ein Talent hat, die wissenschaftlichen Details in eine Form zu bringen, die es dem Durchschnittsbürger ermöglicht, auf interessante Art in die Thematik einzusteigen. Das Telefonat mit ihm war unkompliziert, unterhaltsam und enorm informativ, bis es dazu kam, war es aber ein langer Weg. Mehrfach musste das Interview verschoben werden, weil ihm sein Metier einen Strich durch die Rechnung gemacht hat: gestrichene Flüge, verspätetet Züge und durcheinandergewirbelte Zeitpläne. Es war nicht leicht, sich ausführlich mit Sven Plöger zu unterhalten, aber das Warten hat sich gelohnt. Er muss oft in zwei Minuten auf den Punkt kommen, er kann aber viel länger – im Februar kann man sich bei der Lesung in Ellwangen selbst ein Bild machen.

XAVER: Herr Plöger, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit fürs Interview nehmen und sie jetzt vor allem auch haben – das war gar nicht so einfach …
Sven Plöger: Ja, das war wirklich eine außergewöhnliche Woche. Nach unserem letzten kurzen Telefonat gab es dann auch noch einen angeblichen Brandalarm im Tower des Düsseldorfer Flughafens. Das stellte sich zwar später als Fehlalarm heraus, der Flieger ging dann aber natürlich nicht pünktlich. Und der Zug heute hatte „nur“ 70 Minuten Verspätung – Stellwerkstörung – und ich bin seit vier Minuten zu Hause …
X: Einen typischen Tag im Leben des Sven Plöger gibt es also wohl eher nicht, oder?
SP: Nein, durch die viele Reiserei gibt es immer viel Abwechslung. Normalerweise klappt das auch alles gut mit viel Bahn und selten Flieger, aber wenn dann mal etwas in die Grütze geht, wie man so schön sagt, dann wird’s schnell nachhaltig anstrengend! (lacht) Aber ich mag ja auch diese Abwechslung, so ein Nine-to-five-Trott wäre für mich tödlich, da würde ich schnell die Krise bekommen. Dieses Leute treffen und über mein Thema sprechen, das ist schon genau das, was
ich machen will.

X: Geboren sind Sie ja in Bonn, wohnhaft aber in Ulm und gefilmt wird meist in München – warum haben Sie sich denn für den Wohnort Ulm entschieden?
SP: Stimmt, die Wettersendungen werden in München gemacht und mein Leben findet in Ulm statt, denn da arbeitet meine Frau. Für längere Drehphasen, wenn ich also in München länger am Stück wettere, wie ich immer so gerne sage (lacht), habe ich dort dann noch eine Wohnung.

X: Das Wetter der vergangenen Tage war ja recht wild, so einen Sturm wie Friederike haben wir auch nicht alle Tage. Heißt das dann auch immer Ausnahmezustand für Sie und Ihre Kollegen?
SP: Spannend war ja auch, dass Friederike auf den Tag genau elf Jahre nach Kyrill da war. Und zu solchen Anlässen klingelt bei mir dann schon den ganzen Tag über das Telefon. Ich hatte jetzt das Glück, dass ich selber keine Sendungen hatte. Bei Kyrill hatte ich die und dann ist es natürlich wirklich Ausnahmezustand. Wenn der Wetter-Tag sonst so gegen 15.00 Uhr startet und bis 23.00 Uhr dauert, haben wir bei Kyrill morgens um 08.00 Uhr begonnen und bis nachts um 04.00 Uhr gearbeitet und in dieser Zeit 22 Wettersendungen produziert! Die allermeisten davon live und da muss man natürlich auch entsprechend konzentriert bei der Sache sein. Bei Friederike bin ich selbst mit der Bahn unterwegs gewesen und dann in Münster gestrandet. Dort wurde dann das Dach eines Bahngebäudes durch den Sturm abgedeckt und landete ausgerechnet vor unserer Nase auf der Oberleitung. Kurzschluss. Strom weg und damit tragischerweise auch die WC-Spülung. Und die Heizung. Nach drei Stunden Wartezeit war es dann schon recht frisch. War also alles ein großes Vergnügen (lacht), aber mein Telefon klingelte alle Nas’ lang und der ein oder andere Mitreisende war begeistert, dass ausgerechnet bei ihnen im Waggon der Wetterfrosch saß. Da hat’s schon sehr gemenschelt!
X: Sie haben also gar kein Problem damit, in der Öffentlichkeit erkannt und angesprochen zu werden?
SP: Nein, eigentlich nicht. Wetter gibt es jeden Tag und da ich seit 19 Jahren auf dem Schirm bin, haben sich die Leute selbst an mein Gesicht gewöhnt (lacht). Da ich an jedem Arbeitstag neun Wettersendungen mache, sind mittlerweile über 20.000 Auftritte zustande gekommen. Man wird also oft angesprochen, aber – und das freut mich sehr – immer freundlich! Es gehört einfach dazu und wenn man das nicht ertragen kann, dann muss man eben nicht zum Fernsehen gehen und hat seine Ruhe. Der ein oder andere Schauspieler hat mit schon erzählt, wie lästig es ihm ist, ständig angesprochen zu werden. Dann rate ich immer, doch einfach mit der Schauspielerei aufzuhören – das wollten sie dann aber auch nicht! (lacht)
X: Für manche Schauspieler, Stars oder Sternchen ist es wohl fast noch schlimmer, wenn sie nicht erkannt werden!

X: Sie haben eben selbst von sich als Wetterfrosch gesprochen. Können Wetterfrösche überhaupt irgendwas in Sachen Wettervorhersage?
SP: Nein! Aber es gibt natürlich lustige Geschichten, wie Tiere das Wetter „vorhersagen“. Man sagt zum Beispiel, dass das Wetter schlecht wird, wenn die Schwalben tief fliegen. Das hat aber gar nichts mit der Prognosefähigkeit der Schwalbe zu tun, das liegt einfach daran, dass die Vögel Hunger haben. Und ihr Futter, die Insekten, gehen, wenn ein Tief aufzieht und das Wetter in höheren Regionen unruhiger wird, in gemäßigtere, tiefere Regionen. Wenn ich so ein kleines Insekt bin und spüre, dass das jetzt aber sehr ungemütlich hier wird, dann gehe ich eben tiefer, wo es ruhiger ist. Für die Schwalben gibt es also weiter oben plötzlich deutlich weniger Futter, dann fliegen sie natürlich auch tiefer!

X: Vorhin hatten wir es ja schon davon, dass Sie die Abwechslung schätzen, dann sind Sie doch bestimmt auch kein Fan von schnödem Sonnenschein – haben Sie ein Lieblingswetter?
SP: Ja, da haben Sie recht! Ich steh schon auch mal einen sonnigen Tag durch, aber ich habe eigentlich zwei Lieblingswetter: Wenn ich mit dem Gleitschirm unterwegs sein will, dann ist freundliches Wetter mit kleinen Quellwolken toll, weil die eben die Thermik signalisieren. Das andere Wetter ist, wenn richtig was los ist. So mit Schauer, Gewitter und Hagel und all sowas. Es soll natürlich niemand zu Schaden kommen, aber ich finde schon, dass es so etwas wie eine „Ästhetik der Unwetter“ gibt. Es gibt darauf spezialisierte Fotografen und die machen fantastische Unwetterfotos!

X: Ihr aktuelles Buch ist Ende November 2017 erschienen und beschäftigt sich mit dem Wind. Was fasziniert Sie so am Wind, dass daraus gleich ein Buch, beziehungsweise eine mehrteilige Dokumentation entstand?
SP: Wetter bemerken wir eben vor allem durch die Luft, die sich bewegt. Warum gibt es Wetter? Weil die Energie von der Sonne auf unserem Planeten unterschiedlich verteilt ist. Und das versucht die Natur auszugleichen. Und wir in Deutschland haben Luftmassen aus allen Regionen dieser Welt. In den Tropen ist es immer heiß oder am Polarkreis immer kalt, aber bei uns ist richtig viel los. Wir bekommen so viele verschiedene Lagen mit; mal die Hitze aus dem Süden, manchmal sogar mit Saharastaub, dann von Westen die Feuchtigkeit vom Atlantik und selbst in Zeiten des Klimawandels kommt von Nordosten immer wieder mal eisige Kälte. Für die Dokumentation und das Buch wollten wir also schauen, wo wir welche Luftmassen finden, die dann zu uns kommen. Und wir wollten uns vor allem die Menschen anschauen, die in diesen Regionen leben. Jemand in Lappland lebt nun mal anders als jemand in Marokko oder Sibirien.

X: Stichwort Klimawandel: Fakten und Wissenschaft reichen ja heute kaum noch, um das Volk von etwas zu überzeugen; selbst Herr Trump leugnet den Klimawandel und auch bei uns herrscht nicht gerade wilde Entschlossenheit, das Klimaruder schnellstmöglich herumzureißen. Ein Immobilienkauf an der niederländischen Küste ist aber eher keine schlaue Investition, oder?
SP: Weiß ich nicht. Die Niederländer tun ja eine ganze Menge und haben sich mit entsprechenden Anpassungsmaßnahmen ganz gut hervorgetan. Nicht zuletzt seit dem großen Hochwasser 1953, auch wenn das schon ein paar Tage her ist. Aber klar, die Niederlande sind – wie der Name schon sagt (lacht) – ziemlich niedrig. Und man muss halt wissen, wenn der Meeresspiegel weltweit nur einen Meter steigt, dann sind 75 Millionen Menschen akut gefährdet, weil sie dann im Wasser stehen. Und 75 Millionen Menschen sind fast so viele, wie derzeit in Deutschland leben! Über Herrn Trump zu sprechen, lohnt sich kaum, denn wie der tickt, erlebt man jeden Tag. Was ich aber viel interessanter fand, ist: Als Amerika aus dem Klimaabkommen von Paris ausgestiegen ist, hat das irgendein anderes Land nachgemacht?
X: Nö!
SP: Genau! In der Wissenschaft ist es auch ganz klar, dass es den Klimawandel gibt, und zwar mit einem menschengemachten Anteil und einem Natur-Anteil. Also es ist nicht die Frage, ob der Mensch ODER die Natur den Klimawandel verursachen, sondern hier gehört ein UND dazwischen. Unser Einfluss kommt obendrauf auf den natürlichen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass etwa 50 bis 75 Prozent der derzeitigen Veränderungen auf den Menschen zurückgehen. Die Anzahl der Klimaskeptiker, die sagen, es gibt gar keinen Klimawandel, ist mittlerweile quasi null – weil es ja offensichtlich ist. Viele Skeptiker änderten darum ihre Haltung und behaupten nun, dass es wohl einen Wandel gibt, aber dass er eben nichts mit dem Menschen zu tun hat. Die Zahl dieser Kritiker nimmt zwar leicht ab, aber wer felsenfest daran glaubt, dass es keinen menschengemachten Beitrag zum Klimawandel gibt, lässt sich durch Fakten ungern umstimmen. Man beharrt oft auf seit zig Jahren widerlegte „Argumente“ und wiederholt sie gebetsmühlenartig – zumindest, wenn niemand in der Nähe ist, der sich wirklich mit dem Thema auskennt. Der großen Masse, und da meine ich auch viele Unternehmen – ich spreche da jetzt aber nicht zwingend von der deutschen Autoindustrie – ist mittlerweile bewusst, dass sie etwas ändern muss. Schwierig ist halt, dass auf der großen politischen Bühne zwar oft Ziele vereinbart werden – beispielsweise hat sich Deutschland bis 2020 eine Reduktion von 40 Prozent als Klimaziel gegeben – und man dann bemerkt: „Huch, 2018 ist ja gar nicht mehr so weit weg von 2020!“ Dann wird so was eben schnell weggewischt und auf 2030 verschoben. So werden wir natürlich kein gutes Ergebnis erzielern. Das große Thema Energiewende ist aber ein schwieriges und komplexes, das wird ein Generationenprojekt, was uns auch in 30 Jahren noch intensiv beschäftigt! Und die Mobilität? In China werden derzeit jeden Monat (!) zwei Millionen Autos zugelassen. Und die chinesische Politik hat deshalb jetzt beschlossen, dass da bis 2020 ein großer Anteil elektrisch sein muss. Ich bin bestimmt kein Verfechter chinesischer Politik, aber in dieser Beziehung hilft nun mal eine sehr klare Ansage. Letztendlich ist das für die Industrie sogar gut, denn man hat verlässliche Rahmenbedingung. Bei uns würde ich mir darum auch manche klare Ansage wünschen. Im Kleinen tut sich schon sehr viel, aber im Großen fällt uns das noch so schwer. Ich habe das Gefühl, da schleppen manche aktive Kommunen und Landkreise die große Politik hinter sich her.

X: Waren Sie je Anfang Februar in Punxsutawney?
SP: Sie meinen am 02. Februar?
X: Ja, genau!
SP: Da geht’s um diesen Murmeltier-Tag? Da war ich zwar noch nicht, aber ich kenne natürlich den Film. Bill Murray ist einfach grandios.

X: Nach dem Buch ist vor dem Buch, was steht als nächstes Thema auf Ihrem Plan?
SP: Bücher schreiben ist sehr anstrengend. Das gerade veröffentlichte Buch ist noch viel zu nah an mir dran, es wird also dauern und bestimmt nicht in diesem oder nächsten Jahr erscheinen. Aber es gibt tatsächlich verschiedene Verlagsanfragen. Und ich habe Lust auf zwei große Themen. Das eine ist Wasser – da hängt so viel dran an diesem Wasserkreislauf und den Veränderungen. Wenn man seine Wasserversorgung zum Beispiel ausschließlich auf Gletscher stützt oder stützen muss und die irgendwann mal weg sind, wird’s schwierig. Und das andere Thema hatten wir ja vorher schon gestreift, das ist Klimawandel und Migration. Bangladesch hat zum Beispiel 150 Millionen Einwohner – doppelt so viele wie Deutschland. Allerdings steht für die vielen Menschen nur eine Fläche in der Größe von Baden-Württemberg und Bayern zur Verfügung. Und der Staatshaushalt bewegt sich in einer Größe, die mit dem des Stadtstaates Hamburg vergleichbar ist. Wenn da also gravierende Veränderungen passieren, zum Beispiel Taifune stärker werden und man sein Dorf verlassen muss und wo anders hingehen will – dann kann man das nicht, weil überall da, wo man vielleicht hin möchte, schon einer ist. Und wenn dann in einem derart flachen Land noch der Meeresspiegel steigt, dann hat das riesige Migrationsbewegungen zur Folge – und das ist Stoff für mehr als ein Buch!


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