Vorsicht Ausrufezeichen?: Mando Diao

Schon 15 Jahre gibt es jetzt die schwedische Indie-Rock Band Mando Diao. Sie zählen zu den erfolgreichsten Rock-Exporten ihrer Heimat. Ihre Alben landen in Deutschland stets in oberen Chartregionen und ihre Hits (wie z.B. „Dance With Somebody“) gehören quasi zur Allgemeinbildung. Ende November beehren sie mal wieder das XAVER-Verbreitungsgebiet und spielen in der Porsche-Arena zu Stuttgart. Zumindest zu Beginn ihrer Karriere strotzten sie vor Selbst-überschätzung und Überheblichkeit und machten da fast schon ihren britischen Kollegen Oasis Konkurrenz. So hat mein Gesprächspartner Gustaf Norén einst behauptet, dass Mando Diaos Debüt „Bring ’Em In“ besser sei als alles von The Who, The Small Faces, The Kinks und zudem eine rundere Sache als Vieles von den Stones oder den Beatles. Erwartet habe ich also einen leicht (?) schnöselig-ignoranten Gesprächspartner, bekommen habe ich einen streckenweise fast unaufhaltbar redseligen, liebenswert wirren, nachdenklichen und durchweg freundlichen Kerl! Da ist also jemand erwachsen geworden. Aber lest selbst …

XAVER: Gustaf, für einen Musiker ist das ein recht zeitiger Interviewtermin. Ich nehme an, ich bin der Erste, mit dem Du heute sprichst?
Gustaf Norén: Nein, Du bist schon der Zweite.
X: Ah, dann bist Du also ein Frühaufsteher?
GN: Naja … (lange Pause), lass es mich so sagen, wenn ich früh morgens aufstehe, dann ist da so eine Art Chaos in meinem Kopf, fast so, als wäre ich betrunken. Mein Hirn verfügt da einfach noch nicht über die vollen 100 Prozent Leistungskraft. Je länger der Tag läuft, umso ruhiger wird es um mich herum und mein Hirn funktioniert immer besser. Nachts ist es dann völlig still und ich würde sagen, dass meine Intelligenz zu der Zeit auf dem Zenit ist. Dann ist es aber auch wieder so, dass der kreative Geist nicht auf Intelligenz angewiesen ist, Intelligenz da sogar oft eher stört. Manchmal schreibe ich also absichtlich gerne frühmorgens Songs. Ich bin da dann eben etwas „betrunken“ und irgendwie naiv. Texte gelingen mir nachts viel besser. Ich arbeite ja nicht, habe keinen Job. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass ich immer bei der Arbeit bin, aber das ist gar nicht so. Ich wache auf, verbringe irgendwie meinen Tag und dabei kommen hier und da musikalische Ideen aus mir heraus - und das ist schon seit meiner Geburt so! Manchmal bekomme ich für die Ideen dann sogar Geld, aber meistens nicht.

X: Hast Du Dir denn je Gedanken über einen „normalen“ Beruf gemacht?
GN: Klar habe ich das. Ich habe an der Musikhochschule in Stockholm eine klassische Musikausbildung gemacht, studierte Kontrabass - da kam dann aber unser Plattenvertrag dazwischen. Ich lernte dort viel und mag den Kontrabass und die klassische Musik nach wie vor sehr gerne. Heutzutage arbeite ich meist mit dem Computer, mit Garage-Band, Logic und diverser anderer Software. Diese Programme sind alle recht nah an diesem klassischen Musikding. Wobei es viele Leute gibt, die heute mit Computern arbeiten und Musik machen, die aber keinen musikalischen Background haben und trotzdem Großes erschaffen. Da wird einem dann erst bewusst, was für Genies Leute wie Bach oder Mozart waren. Die schrieben Stücke, die für eine Flöte und ein Cello genauso funktioniert haben wie für ein 50-köpfiges Orchester; deren Hirn war eine verdammte Software! Wenn man dagegen z.B. die Ramones hernimmt, dann waren die etwas limitierter. (lacht)
X: Aber nur ein ganz kleines bisschen!

X: Euer neues Album „Aelita“ ist nach einem russischen Synthesizer benannt. In die Kiste habt Ihr Euch richtig verliebt, sie für Eure Musik entdeckt. Und dann gleich als Namensgeber hergenommen?
GN: Die Aelita ist gar nicht so dominant aus dem Album herauszuhören, es war eher so die Romantik und der Charme von ihr, die uns in den Bann gezogen hat. Denn das Ding funktioniert überhaupt nicht so, wie Maschinen das üblicherweise tun, nämlich nicht rationell. Wir hatten es null unter Kontrolle und das hat es fast schon … (überlegt) biologischer gemacht. Als Beispiel: Ich rede gerade mit Dir und habe keine Möglichkeit Dich zu steuern, spreche aber mit Dir und wir haben gegenseitig Nutzen voneinander. Und so ähnlich war das auch mit der Aelita. Und dabei ist es völlig egal, dass sie aus Russland ist, oder dass sie ein Synthesizer ist. Wichtig war, sie hat unsere Herangehensweise, unser Spiel verändert. Früher haben wir das sehr strikt getrennt: Ich bin am Leben, das Klavier nicht. Aber nein, nein, nein, so ist das nicht. Wenn man sich herausragende Künstler wie Jimi Hendrix oder Miles Davis anhört, dann ist es nicht so, als ob die auf etwas Totem spielen. Da ist nicht der Künstler allein zu hören. Es ist nicht Miles alleine, er ist mit seiner Trompete präsent. Ohne Trompete gäbe es da kein Leben, und Leben ist Musik - für uns ist das jetzt alles ganz offensichtlich! Die Aelita steht also weniger für ein Instrument, sondern für eine Geisteshaltung, ja für eine Philosophie!

X: In einem Interview hast Du mal gesagt, dass Ihr gar keinen typischen Sound habt und dass sich das von Album zu Album ändern kann. Wie ist das bei Dir selbst? Schätzt Du es als Fan einer Band, wenn sie sich immer wieder mal wandelt?
GN: So denke ich gar nicht. Ich habe keine Lieblingsband. Jede Band auf der Welt ist meine Lieblingsband! Solange ihr Sound zu meinen Gefühlen passt, ist es völlig egal, was für einen Style sie spielen, wo sie herkommen und was sie anhaben. Dass wir einen eigenen Sound haben, können an sich nur Leute beurteilen, die mich und Björn (Dixgard, der andere Sänger und Gitarrist neben Gustaf - Anmerk. d. Verf.) persönlich kennen, denn wir zwei schreiben die Musik. Wenn Du also unseren Sound beschreiben willst, beschreibst Du auch automatisch unsere Persönlichkeit. An sich müsstest Du als Musikjournalist also erst mal ein Psychologie-Studium absolvieren und uns dann fünf bis zehn Jahre entsprechend analysieren. Aber mal im Ernst: Wenn ich sage, wir haben keinen Sound, dann ist das natürlich gelogen! Aber alles, was in meinem Umfeld passiert - auch wenn jetzt ein Bus vor meinem Fenster vorbeifährt - landet in irgendeiner Weise in meinem Sound. Und genau so ist das mit Miles Davis, Bob Marley usw.; wenn man dann Bob Marley als Reggae bezeichnet, dann tut man der Welt keinen Gefallen. Einfach weil es das nämlich nicht ist. Weil man in dem Moment Marley mit zehntausend anderen Künstlern in einen Topf schmeißt. Ich sehe Musik eher spielerisch und finde man kann das nicht so exakt beschreiben.

X: Was Du in den letzten Minuten gesagt hast, deutet für mich alles in eine sehr philosophisch-spirituelle Richtung. Das bringe ich jetzt nicht so mit dem spielerischen Charakter zusammen, den Du jetzt ansprichst.
GN: Das verstehe ich. Es ist auch eine sehr ernste Sache für uns. Es ist einfach so, je älter wir werden, umso philosophischer und … (überlegt lange) abstrakter wird die Welt um uns herum. Mit jedem Jahr, das Du lebst, wird die Karte Deines Lebens weitergezeichnet, wächst Deine Welt - wird aber auch komplizierter. Mein Leben ist aber eben auch meine Musik, das heißt, auch die Musik wird somit automatisch komplexer. Ich sehe auch ein Problem darin, dass in unserer Welt der Zwang herrscht, alles zu vereinfachen und alles zu verstehen; ich halte das für sehr, sehr gefährlich. Ausrufezeichen sind gefährlich, ein Fragezeichen aber nicht. Denn je nachdem, wie man die Dinge betrachtet, ist an sich nichts gesichert in unserer Welt. Dieses Bedürfnis der Leute alles simpel zu haben „Bist Du sexy oder nicht, drücke jetzt ja oder nein! ... Ist das gut oder schlecht, drücke jetzt ja oder nein!“ Genau das verursacht die Probleme in unserer Welt. Da kommt Rassismus her, da kommt Hass und Krieg her. Wenn du also meinst, etwas zu wissen, dann wird es Zeit all die Ausrufezeichen zu Fragezeichen zu biegen. Man sollte keine Angst vor dem Ungewissen, vor Fragen und vor dem vielleicht haben. Schau Dir nur mal die Ratgeberabteilungen in Buchhandlungen an: „Wie man ein Kind erzieht“, „Wie man Gewicht verliert“, „Wie man Geld anhäuft“ usw. - alles sehr gefährlich, besonders wenn man nach einem gelesenen Buch meint, somit die Wahrheit gepachtet zu haben. Und um zurück zur Musik zu kommen: Man wird Musik niemals verstehen, und wenn man das einmal für sich erkannt hat, ist einem schon viel geholfen. Und das gilt genauso für andere große Themen wie Gefühle oder Liebe. Lässt sich Liebe mit der Häufigkeit von Sex erklären? Oder mit der Anzahl von Geschenken, die Du jemand schenkst? Nein? Eben, und mit Musik ist das genauso.

X: Auf Eurem neuen Album gibt es den Song „Money Doesn’t Make You A Man“. Was macht einen denn zum Mann?
GN: Das Man ist hier nicht im Sinne von „mit einem Penis ausgestattet“, sondern zur Menschheit gehörend, zu verstehen. Was einen nun also menschlich macht, ist eine der kniffligsten Fragen überhaupt. Wir wissen selbst nicht die Antwort, aber Geld können wir als Antwort ganz eindeutig ausschließen! Es ist auf jeden Fall wichtig, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern eher in die Richtung des großen Ganzen zu denken. Und da meine ich nicht nur andere Menschen, sondern eben auch Tiere und Pflanzen. Interaktion ist ein ganz wichtiger Aspekt dessen, was einen menschlich macht.

X: In dem Song „Money Doesn’t Make You A Man“ kommt mehrfach die Zeile „Fire Walk With Me“ vor. Ist das ein Verweis auf David Lynch und Twin Peaks?
GN: Ja, mein Gott, ja! Brillant, endlich spricht mich jemand darauf an! Das ist eine Phrase, die wir bandintern einsetzen. Und zwar immer dann, wenn etwas mystisch ist; wenn es einfach mehr ist, als es den Anschein macht! Zum Beispiel in Sachen Religion: Ein Kreuz ist eben nicht nur ein Kreuz. „Twin Peaks“ und viele andere Lynch-Filme sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Ein totes Mädchen ist nicht zwangsweise ein totes Mädchen; da kann so viel mehr darin stecken. Und so ist eben auch Geld nicht nur Geld; da schwingt noch viel mehr an Bedeutung mit. Wir beziehen uns eben darauf, dass Geld nicht nur ein Stück Papier, eine Zahl oder Ziffer ist.

X: Zum Abschluss die Frage nach Stuttgart - da tretet Ihr Ende November auf. Habt Ihr eine besondere Beziehung zu der Stadt oder ist es einfach eine von vielen Stationen?
GN: Nein, keinesfalls. Es dauert aber immer, bis wir verschiedene Aspekte einer Stadt bemerken, eben weil wir oft nur ein paar Stunden dort sind. In Stuttgart haben wir sehr viele junge Leute getroffen und viele Interviews für Blogger, Podcasts, Fanzines und alternative Medien gegeben. Andere Leute hätten da wohl manche davon als unprofessionelle Interviews bezeichnet, aber wir haben da viel von unserer eigenen Arbeitsweise wieder gefunden. Stuttgart hat also einen sehr positiven Aspekt für uns. Wir freuen uns drauf!


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