The Walking Flötenflamingo: Ian Anderson

Ian Scott Anderson wurde 1947 in Schottland geboren. Bei seinem Namen klingelt es noch nicht unbedingt bei jedem, wenn man aber die Band dazu nennt, deren Mastermind er ist bzw. bis 2014 war, dann ist die Trefferquote schon höher: Jethro Tull - ihren Megahit „Locomotive Breath“ kennt fast jeder. Anderson ist ein Exzentriker, eine der großen Ausnahmen im Musik-Zirkus und hat mit seiner Band seit ihrer Gründung 1967 heute unvorstellbare 60 Millionen Tonträger verkauft. Im Gegensatz zu anderen Rock-Dinos wie z.B. Led Zeppelin hat sich Anderson stets zurückgehalten, was Drogen usw. angeht, er hat nach der Show lieber ein gutes Buch gelesen. Auch einen angebotenen Auftritt beim heute legendären Woodstock-Festival lehnte er dankend ab, weil er keine Lust auf Hippies hatte. Der Multiinstrumentalist, der die Querflöte im Rockbereich salonfähig machte, ist Grammy-Preisträger und Mitglied des britischen Ritterordens. Er lebt mit seiner Frau Shona in England auf einem Anwesen mit 15 Bade- und 11 Schlafzimmern, züchtet Chilis und ist großer Fan und Experte der indischen Küche. Auch abseits der Musik ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann und vor allem gesellschaftlich und auch politisch sehr interessiert und engagiert - und wenn er sich mal an einem Thema festbeißt, schwer zu stoppen.

XAVER: Guten Morgen Herr Anderson. Schön, dass Sie sich die Zeit fürs Interview nehmen. Sind Sie denn extra früh aufgestanden dafür? (Das Telefon-Interview fand um 9 Uhr morgens statt. Anmerk. D. Verf.)
Ian Anderson: Nein. Ich stehe meist so gegen sechs Uhr auf, arbeite ein paar Stunden, genehmige mir dann eine Tasse Kaffee und eine kleine Pause und leg dann so gegen neun Uhr wieder los - ich bin also ein Frühaufsteher.
X: Jetzt sind Sie gerade daheim, proben und bereiten die nächsten Konzerte vor …
IA: Ja und nein. Die Proben für die nächsten Konzerte sind bereits vorbei. Im Moment arbeite ich schon an der Tour, die dann im September startet. Diese Shows werden stark mit Videoprojektionen und virtuellen Gästen auf der Bühne arbeiten und da stecke ich gerade voll in der Vorproduktion. Gestern habe ich dafür noch ein paar Audio-Spuren aufgenommen. Und bei den bevorstehenden Proben für diese Tour wird es dann eher um die technischen Aspekte und weniger um die gespielte Musik gehen, die haben wir so schon ganz gut drauf (lacht).
X: Aber Sie arbeiten da nicht ganz alleine daran, ich nehme an, Sie haben ein Team und fungieren eher so als eine Art Regisseur?
IA: Da sind schon noch zwei, drei Leute, die mit mir an diesen produktionstechnischen Details arbeiten. Ohne die ginge es wirklich nicht, ich muss ja zumindest ab und zu auf die Straße und die Bühne und da ist es gut Leute im Hintergrund zu haben, die in meiner Abwesenheit weiter an diesen Projekten arbeiten.

X: Sie waren im Mai schon für ein paar Konzerte in Deutschland unterwegs. Können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in Deutschland erinnern?
IA: Der erste Besuch, an den ich mich erinnere, war in Frankfurt. Ich glaube Fritz Rau (legendärer deutscher Konzertveranstalter, Anmerk. D. Verf.) hatte damals von Jimi Hendrix den Tipp bekommen, dass er ein Auge auf Jethro Tull haben sollte, um uns hier aufzubauen und zu etablieren. Fritz Rau flog also nach London, wo wir gerade dabei waren uns auf unsere erste US-Tour vorzubereiten. Er bat uns zunächst um eine einzige Show, um uns in Deutschland erstmals zu präsentieren, worauf wir uns auch einließen. Diese Show in Frankfurt erwies sich dann als schlauer Werbe-Schachzug, denn das Konzert war sehr schnell ausverkauft und einige Leute, die keine Karten bekommen hatten, zerstörten dann ein paar riesige Glasfenster an der modernen Halle. Fritz musste satte 50.000 Mark für die Reparatur ausgeben, hat aber in den folgenden Jahren immer davon gesprochen, dass das sehr gut investiertes Geld war und er das mit den folgenden Touren locker wieder reingeholt hat! (lacht) Er war jahrelang ein guter Freund und eine väterliche Figur für uns und wir hatten noch bis kurz vor seinem Tod engen Kontakt.
X: Ein absolut herausragender und lieber Mensch. Ich hatte vor ein paar Jahren die Chance ihn zu interviewen. Der Mann hatte Geschichten für mehrere Bücher auf Lager…
IA: Das ist wohl wahr und er war definitiv eine Ausnahme in diesem Business. Als Band hatten wir an sich auch nie wieder eine derart enge Beziehung zu einem Konzertveranstalter, und das beruhte ganz stark auf gegenseitiger Loyalität. Er hat einem immer das Gefühl gegeben, dass man Teil einer großen Familie ist. Und er
hat uns in Deutschland zu dem Status verholfen, den wir bis heute innehaben.

X: Nach circa 50 Jahren Tour-Erfahrung mit Jethro Tull in Deutschland, finden Sie, dass das Land sich verändert hat?
IA: Ja klar, natürlich, da spricht ja allein schon die Geschichte eine deutliche Sprache. Als ich das erste Mal in Deutschland war, gab es noch jede Menge Besatzungstruppen im Land und an manchen Orten wurde man daran erinnert, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass dort ein Weltkrieg gewütet hat. Etwas ganz besonderes war natürlich vor dem Fall der Mauer auch dieser Inselstatus von Berlin. Wir sind da nie hingefahren, sondern immer geflogen, und das war immer etwas Besonderes, mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber auch eine Faszination, weil es eben so viele Künstler und Kreative anzog. Ich weiß von sehr vielen Leuten, die ganz genau wissen, wo sie an dem Tag waren, als John Lennon starb - ich kann mich dafür sehr gut daran erinnern, wo ich war, als die Mauer fiel. Ich war in New York und sah das alles im Fernsehen kurz bevor es auf die Bühne ging. Als ich später dann die Gelegenheit hatte Michail Gorbatschow zu treffen, war das eine große Ehre in der Gesellschaft dieses Mannes zu sein. Wenn man mal bedenkt, dass damals Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Helmut Kohl und eben Michail Gorbatschow an der Macht waren - das hätte auch alles ganz anders ausgehen können! Und um auf die Frage zurückzukommen, ja, Deutschland hat sich verändert. Und ich als Künstler aus dem Ausland bin stolzer Steuerzahler hier und habe so auch meinen Teil zu der Entwicklung über die Jahre beigetragen.

X: Nachdem Sie so lange in diesem Geschäft sind, Unmengen an Alben verkauft und Konzerte auf der ganzen Welt gespielt haben; Sie müssten ja gar nicht mehr auf Tour gehen und neue Alben aufnehmen. Sie wollen das offensichtlich. Ist so eine Tour trotzdem Arbeit, oder genießen Sie das?
IA: Da bekommen Sie die gleiche Antwort, die Ihnen wohl auch ein Astronaut geben würde: Natürlich ist das Arbeit, harte und hingebungsvolle Arbeit. Es ist ein Beruf, aber es ist eben auch etwas, das einen mitreißt; es ist eine Leidenschaft. Andere Leute erleben so etwas beim Angeln oder auf dem Golfplatz. Wenn ich also kein Musiker geworden wäre, wäre ich heute wohl Schriftsteller oder Maler, aber ein Schauspieler wohl eher nicht.
X: Stichwort Schriftsteller: Haben Sie denn nie darüber nachgedacht, einen Roman zu schreiben? Sie sind schließlich für die ganzen Texte und oft auch über mehrere Alben reichende Konzepte zuständig …
IA: Dieser ganz klassische Vorgang des Manuskriptschreibens, das dann mit Agenten, Lektoren und dem Verlag zu besprechen und das Produkt dann schließlich an diese Orte zu bringen, die früher Buchhandlungen hießen; das hat sich alles sehr verändert. Heute kann jeder einen Roman schreiben und selbst veröffentlichen, ob nun in gedruckter Form oder im Internet. Da ist einfach viel mehr Volumen in diesem Kanal, vor allem viele Leute, die das gar nicht mal so gut können. Ich habe selbst einige Bücher gelesen, bei denen ich mich gewundert habe, dass diese Autoren unter Vertrag genommen wurden. Das ist also alles etwas schwierig. Wobei ich nicht sage, dass ich nie ein Buch veröffentlichen werde, aber wenn, dann wird es wohl eher ein Sachbuch. Meine Geschichten werden üblicherweise Songtexte, ich hatte seither nie den Drang Prosa zu schreiben, die ohne Musik daherkommt.
X: Also dann ein Kochbuch zur indischen Küche?
IA: (lacht) Nein, keinesfalls, eher etwas in Richtung Philosophie, Religion oder andere Bereiche, in denen ich vielleicht interessante Standpunkte vertrete. Zum Beispiel, wenn es um den Bereich der nahen Zukunft geht. Je älter ich werde, umso mehr habe ich den Eindruck, dass das gerade eine sehr wichtige und entscheidende Phase in der Geschichte unseres Planeten und seiner menschlichen Bewohner ist. Meine Enkelkinder und deren Kinder werden sich massiven Problemen gegenüber sehen. All die Flüchtlingsströme sind eine enorme Aufgabe. Wir sind ja alle aus einem anderen Land, das hat ja alles irgendwo anders angefangen. Wenn man an die Vorfahren denkt - keiner kommt wirklich daher, wo er denkt. Wenn man ganz weit zurückgeht, sind die allermeisten wohl aus Nordostafrika. Die meisten Nordwesteuropäer tragen genetisch einen gewissen Neandertaler-Anteil in sich. Das ist alles ziemlich kompliziert, aber Migration ist ein uraltes Thema und aktueller denn je. Mit weiteren Aspekten wie Überbevölkerung und Klimaveränderung wird das auch nicht einfacher. Die Herausforderung der Zukunft wird also sein, große Mengen an Leute in Gesellschaften zu integrieren. Und dabei geht es nicht um ihre Hautfarbe, ihre Kultur, ihre individuellen Hintergründe oder ihre Religion - es geht um die schiere Menge dieser Leute und die Belastung für die sozialen Systeme wie Krankenhäuser und Schulen. Zudem werden die Leute immer älter … Wir sind auf all das nicht vorbereitet. Und bei uns sehen alle nur ihre unmittelbare Gegenwart, alle wollen mehr Geld und mehr Konsum. Es wäre schöner, wenn man den Wohlstand gleichmäßiger auf der Welt verteilt. Aber es gibt eben auch nicht diese eine, einfache Lösung für diese Probleme. Das ist ein moralisches, soziales und am Ende auch ein Regierungs-Dilemma. Wie werden unsere gewählten Vertreter durch dieses Chaos steuern? Und die haben immer nur drei, vier Jahre um sich Gedanken darüber zu machen! Langfristig mag das ja eh niemand angehen und schon gar nicht all diese unpopulären Sachen sagen, die nun mal Fakt sind. Wir müssen in den nächsten zehn Jahren ein paar wichtige und richtige Entscheidungen fällen!
X: Ihr letztes Album „Homo Erraticus“ setzt sich wohl auch genau mit diesen Themen auseinander, die Sie eben aufgegriffen haben. Die Geschichte und die Zukunft des Menschen und dass wir eben auch ziemlich brutal sein können.
IA: Ja genau, brutal im Sinne von, wir verschaffen uns, was wir wollen, und zwar egal wie. Ob nun mit Gewalt oder auf illegalen Wegen. Da geht es dann eben nicht um Verhandlungen oder Diskussionen, die ziehen einfach ihr Ding durch, egal wie. Wir müssen aber eben auch erkennen, dass Migration uns über die Jahrtausende enorm viel Gutes gebracht hat.

X: Die größte Überraschung bei der Recherche zu diesem Interview war, herauszufinden, dass Sie der Schwiegervater von Andrew Licoln sind. Den kennen manche aus dem Film „Tatsächlich Liebe“, aber Millionen kennen ihn vor allem als Rick Grimes aus der TV-Serie „The Walking Dead“.
IA: Wenn es sich um Leute zwischen 15 und 30 Jahren handelt, dann haben Sie wohl recht, ja, (lacht) aber der Großteil der Leute, die zu meinen Konzerten kommen, kennt die Serie wohl überhaupt nicht. Wobei ich gedacht hätte, dass das wohl auch dieser Generation, die die ersten Zombiefilme im Kino erlebt hat - ich glaube „Night Of The Living Dead“ war 1972, The Walking Dead, etwas sagt. Es scheint aber so zu sein, als würde The Walking Dead hauptsächlich jüngere Leute ansprechen. Ich war glaube ich 1972 auf dem Cover des Rolling Stone, und mein Schwiegersohn war vor zwei Jahren auf dem Cover. (lacht) Aber wo ich gerade auf die Uhr schaue … ich habe jetzt eine halbe Stunde viele Antworten auf Fragen gegeben, die Sie nicht gestellt haben (lacht). Wir müssen zum Schluss kommen, das nächste Interview wartet.
X: Da sind noch eine Menge Fragen auf meinem Zettel …
IA: Eine machen wir noch und ich beeile mich mit der Antwort!
X: OK, wenn es zu einer Zombie-Apokalypse kommen würde, was würden Sie ihrem Umfeld raten, um zu überleben?
IA: (lacht) Im Falle einer doch sehr unwahrscheinlichen Zombie-Apokalypse wäre mein Verhalten dem der Darsteller in The Walking Dead wohl sehr ähnlich. Die schließen sich ja zu einer symbiotischen Gemeinschaft zusammen. Und deswegen ist das auch eine so gute Sendung, ganz abgesehen von dem negativen Zeug und dem Splatter. Es geht um Leute, die zusammenhalten müssen, die sich zu einer Art Gemeinwohl zusammenraufen und sich umeinander kümmern und auch immer wieder Fremde mit unbekanntem Hintergrund in ihrer Mitte aufnehmen. Das ist so ein bisschen wie bei einer Regierungskoalition! (lacht)


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