Strapse, Metal, Hochkultur: Farmer Boys

Die Farmer Boys haben lange, sehr lange kein neues Album mehr veröffentlicht. Nach „The Other Side“ war – abgesehen von dem einen oder anderen Liveauftritt – 2004 erst mal Schicht im Schacht. Nach 14 (in Worten: vierzehn!) Jahren Pause, erscheint Anfang November endlich das fünfte Album der Band, das auf den programmatischen Titel „Born Again“ getauft wurde. Mit der langen Abwesenheit und der jüngst erfolgten Wiedergeburt standen also massig Fragen im Raum, denen sich Fronter Matthias „Matze“ Sayer und Bassist Ralf „Botzi“ Botzenhart in gemütlicher Runde angenommen haben. Wir treffen uns mitten im Herzen der Landeshauptstadt, in einer Kneipe im Leonhardsviertel auf ein informatives Pläuschchen – und das ein oder andere Getränk! Und auch wenn manch einer bis heute etwas despektierlich auf Metal-Mucker herabschaut und der Bandname nicht gerade Assoziationen zur Hochkultur weckt, zeigten sich beide sehr eloquent und das Gespräch steuerte in kulturelle Bereiche, die man vorher wohl auch nicht auf dem Zettel hatte – aber lest selbst!

XAVER: Früher wart ihr ja beim selben Manager wie die Fantastischen Vier, beim Bär (Andreas „Bär“ Läsker, Anmerk. d. Red.). Nach der langen Pause habt ihr jetzt aber den gleichen Manager wie beispielsweise In Extremo; Dudelsäcke finden sich glücklicherweise keine auf dem neuen Album, aber warum habt ihr es mit eurer jahrzehntelangen Erfahrung nicht gleich selbst gemacht?
Matthias Sayer: Das wäre völlig undenkbar. Man kann als Künstler nicht auch noch an der wirtschaftlichen Front kämpfen, da braucht man Leute dazwischen, die als Puffer fungieren, sich auch mal auf die Hinterbeine stellen und das Beste für die Band rausholen.
Ralf Botzenhart: Da muss man eben auch seriös und geschäftsmäßig auftreten und das ist meist doch eine ganz andere Welt. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch Selbstschutz, dass man die zur Verfügung stehenden Energien viel besser anderweitig investiert, als sich da wegen Kleingedrucktem aufzureiben.
MS: Der Kontakt zum aktuellen Management lief über unseren Gitarristen Alex. Ich selbst war aus der ganzen Metalszene ja an sich seit 2004 komplett raus, als ich in die USA gegangen bin.
X: Echt, von heute auf morgen … plötzlich null Interesse?
MS: Ach, das hat mein Leben so lange so dermaßen dominiert, dass es Zeit für was anderes war.
RB: Das war bei mir im Prinzip ganz ähnlich!
MS: In der Metal-fernen Phase hat mich mal ein Redakteur des Metal Hammer kontaktet und nachgehakt, was ich denn so mache. Und deswegen habe ich dann auch mal wieder eine Ausgabe in die Hände bekommen und war einigermaßen irritiert, als ich da einen bekannten Metalsänger in Strapsen und mit Lippenstift auf der Titelseite gesehen habe! (lacht) Mir fehlen also irgendwie zehn Jahre Szenegeschehen.
X: Und jetzt, hört ihr wieder Metal?
RB: Das hat bei mir nicht aufgehört, steht aber neben vielen anderen Genres auf dem Speisezettel.
MS: Ich höre hauptsächlich Klassik, aber schon auch nach wie vor Metal.
X: Dann haut mal ein paar neue Alben raus – nicht notwendigerweise Metal – die euch in letzter Zeit überzeugt haben.
MS: Die neue Judas Priest! Das ist eh eine meiner Fave-Bands, „Screaming for Vengenace“, „Turbo“ und natürlich „Painkiller“ und „Ram It Down“. Oder auch die Black Sabbath-Alben mit Tony Martin am Mikro.
X: „The Headless Cross“ …
MS: … genau, und „TYR“.
X: Aber Sabbath hat ja nix Neues gemacht in letzter Zeit; sag was Aktuelles an.
MS: O. k., Priest habe ich gesagt, die neue Chromatics find ich sehr cool und ich bin auch großer Fan der Editors.
RB: Ich finde ja, dass die Editors Interpol nicht das Wasser reichen können (lacht). Aber ich nenne jetzt mal ein Album, dass mich enttäuscht hat: die neue Ghost! Ich verfolge die Band seit den Anfangstagen und das neue Album ist mir dann doch zu viel … Spätestens wenn das Saxophon-Solo ansetzt, habe ich auf Skip gedrückt.
MS: Und ich mag ja auch so soften Pop, wie z um Beispiel The Boxer Rebellion. Und Keane mag ich auch sehr.
RB: Ja, die ersten beiden Keane-Alben sind großartig. Ich fand auch das neue Goldfrapp-Album überraschend gut. Die haben da einen Song noch mal mit Dave Gahan aufgenommen und der ist schon sehr cool.
MS: Aber da merkt man direkt, wer der bessere Sänger ist; da wird die Sängerin sofort zur Statistin!
RB: Bei mir ist das mit den drei Alben aber auch echt schwer, weil ich viel Musik höre, wo das Format „Album“ gar nicht so wichtig ist. Da geht’s mehr um Singles. Ich höre viel Drum’n’Bass. Aber im Metalbereich fand ich zuletzt Code Orange ziemlich geil. Und alle Alben der Deftones sind groß. Die Band hat mich nie enttäuscht, da ist Input aus allen möglichen Richtungen drin und trotzdem ist auch immer eine gewisse Härte dabei.
X: Ein einzigartiger Sänger und ein überragender Drummer!
MS: Genau, der Drummer ist der Hammer!

X: Und auf dem neuen Album, habt ihr da Lieblingssongs?
RB: „Flaw“, das ist aber der Schere zum Opfer gefallen und kann jetzt nur auf der limited Digipack-Version gehört werden.
MS: Ich mag ja „Born Again“, auch weil’s programmatisch ist.
RB: Ich find’s auch sehr cool, dass wir den ganz an den Schluss gepackt haben, weil’s so eine Entwicklung ist und am Schluss dann die Wiedergeburt steht. Hast du einen Lieblingssong?
X: Ich mag natürlich „You and Me“ als erstes neues Lebenszeichen und Megaohrwurm, aber auch so übermelancholisch-balladeskes wie „Isle of the Dead“.

X: Ihr seid jetzt wieder bei Nuclear Blast gelandet, bei der Plattenfirma, die bereits euer letztes Album veröffentlicht hat.
MS: Das war ja auch so eine Sache damals, dieser Wechsel vom Major Universal zum schwäbischen Label Nuclear Blast. Das war ein Tapetenwechsel vom förmlichen Großstadt-Bürokomplex hin zu einem Haufen komplett Metal-Verrückter. Hinzu kam, dass die Band damals intern schon in einer Phase war, wo man sich so ein bisschen auseinandergelebt hatte. Der Botzi hat die Band damals während den Aufnahmen zu „The World Is Ours“ verlassen. Und der war in der Band immer ein wichtiger Vermittler gewesen.
RB: Ich habe da vielleicht auch eine Entwicklung angestoßen und war in Konfliktsituationen immer so eine Art Moderator und konnte da einiges auflösen.
MS: Genau; und ich bin dann 2003 an die HDM zum Studieren gegangen.

X: Ich hatte schon 2008 bei der überraschenden Show in der Röhre auf ein neues Album gehofft und dachte, dass das vielleicht auch so Showcase-Funktion für ein neues Label hatte.
MS: Boah, ich weiß heute gar nicht mehr, warum wir die Show damals gespielt haben.
RB: Das Konzert war aber geil, ich war ja als Zuschauer im Publikum.
X: Ich auch!
MS: Ich glaube, wir haben uns damals schon überlegt, wieder loszulegen, Alex war dann aber gerade neu bei Tarja dabei (Tarja ist die ehemalige Nightwish-Sängerin, in deren Band Alex Scholpp seit Jahren die Gitarre bedient, Anmerk. d. Red.).
X: Aber da spielt er doch bis heute.
MS: Ja, schon. Aber heute hat sich das alles viel mehr eingespielt.
X: Dann habt ihr 2011 beim Summer Breeze gespielt – und es gab wieder kein neues Album!
MS: Die Veranstalter kamen damals auf uns zu, was eine große Ehre war, und da konnten wir kaum nein sagen. Und auch nach der Show haben wir uns über einen Neustart beraten, aber dann ging’s bei mir mit der Familie los, da wurde ich Vater und war dann auch sehr mit meinem Job als Filmkomponist eingespannt. Und Alex war neben Tarja noch mit Dacia & The Weapons of Mass Destruction unterwegs.
RB: Da war ich ja auch dabei. Und wir wollten damals auch mehr, haben viel versucht und viel live gespielt, aber so richtig durchschlagend gezündet hat das alles nicht, obwohl besonders Dacia (Dacia Bridges, US-amerikanische Sängerin und Ex-Frau von Alexander Scholpp – Anmerk. d. Red.) das unbedingt wollte.

X: Das neue Album war dann für den Herbst 2017 angekündigt – und jetzt ist Herbst 2018. Was sorgte denn für die Verzögerung?
MS: Also das muss ein Kommunikationsproblem gewesen sein, weil wir zu dem Zeitpunkt noch lange kein Album beisammenhatten. Ich glaube, da standen mit „Revolt“ und „You and Me“ gerade mal zwei Songs. Und danach ging’s ja erst mal los mit Produzenten- und Mischer-Suche.

X: Und Matze, wo wir jetzt grade im nerdy Sound-Bereich angekommen sind: Mir ist aufgefallen, dass du in jedem der bis jetzt vom neuen Album veröffentlichten drei Videoclips ein anderes Mikro hast: Sennheiser MD 421 im „Tears of Joy“-Clip, Shure SM58 bei „Revolt“ und so ein Retro-Elvis-Mikro, das Sure SH 55, bei „You and Me“.
MS: Hey, gut beobachtet. Das war mir ein Anliegen, irgendwie. Wobei das MD 421 ja eher ein Overhead-Mikro ist und ich das mehr so mit einem Augenzwinkern eingesetzt habe. Aber beim nächsten Clip „Faint Lines“ wird man das wiedersehen!
X: Cool. Wird das wieder ein Performance-Video?
MS: Jein. Der Clip wird zwei Ebenen haben. Die Performance-Geschichte und dann haben wir mit „Seraphine Strange“ ein Model & Schauspielerin für die andere Ebene dabei. Da wird man apokalyptische Welten und viel Weltall sehen. Aber hier, Thema Videos. Das kann man ja auch nicht mit unseren Major-Zeiten vergleichen. Da haben wir damals für die Clips zu „Here Comes the Pain“ und „If You Ever Leave Me Standing“ heute unvorstellbare Summen ausgegeben – da hätte man sich auch eine sehr schöne Eigentumswohnung dafür kaufen können! Aber in dem Business war damals mit den hohen Verkaufszahlen halt auch einfach mehr drin.

X: Bei mir hat es beim neuen Album etwas gedauert, bis es mich total gepackt hat. Wie sind seither so die Reaktionen?
MS: Das haben wir jetzt schon ein paar Mal gehört. Und ich finde es persönlich gut, dass das schon die gleiche Band wie vor Jahren ist, dass man aber auch hört, dass sich etwas getan hat.
RB: Und das sind doch oft auch die besten Alben, die dann auch länger bei einem bleiben, die sich nicht sofort erschließen!
X: Auf jeden Fall!
MS: Ich habe ja auch so Bands, wo ich so ein bisschen die Fanbrille aufhabe und ganz genau hinhöre. Depeche Mode und Dave Gahan zum Beispiel; ich bin aber auch ein großer Max Richter-Fan.
X: Den kenn ich gar nicht, was macht der?
MS: Das ist ein Komponist, der aus der Neuen Klassik kommt.
X: Wie cool, da interviewt man eine Metalband und landet bei klassischer Musik! Ich fand ja die Verweise in der Bandinfo schon cool, wo du gesagt hast, dass der Song „The Isle of The Dead“ von den „Toteninsel“-Gemälden von Arnold Böcklin inspiriert wurde und später dann auch noch Sergei Rachmaninow und ein Wort wie „Drangsal“ erwähnt wurden! Was ist denn bei dir bitte in der Jugend schiefgelaufen!? (Gelächter)
MS: Na ja, ich war halt schon immer ein intellektuelles Käpsele! (Lachen)

X: Dieser Filminput war schon immer ein wesentlicher Part der „Farmer Boys Experience“. Früher habt ihr hier und da erkennbare Filmsamples oder -verweise eingebaut – Star Wars, Twin Peaks, Scarface und so weiter.
MS: Von Alien hatten wir doch auch was, oder?
RB: Und von irgendeinem meiner Animes war auch mal was dabei, Ranma war das, glaube ich.
X: Beim neuen Album habe ich so was nicht gefunden.
MS: Da ist auch alles komplett handmade, selbstgemacht!
X: Ihr habt auch einen ehemaligen Apocalyptica-Cellisten an Bord, oder?
MS: Genau, der Max Lilja spielt viele Streicherpassagen auf dem neuen Album. An sich hätte ich ja gerne mal mit einem kompletten Orchester gearbeitet. Aber das war einerseits eine technische Frage – man muss nicht nur ein gutes Orchester, sondern auch einen entsprechenden Raum und die dazugehörige Aufnahmetechnik haben –, und andererseits natürlich eine Kostenfrage.

X: In ein paar Wochen geht es auf Tour. Wir hatten vorhin schon kurz das Thema Setlist gestreift und dass ihr direkt mit zwei neuen Songs loslegen werdet. Gibt es sonst eine besondere Produktion?
MS: Unser Lichtmann aus Estland feilt schon an einer ausgefallenen Lichtproduktion; es wird also auch alles schön ins Bild gesetzt.
X: Und habt ihr eine feste Vorband dabei oder arbeitet ihr vielleicht mit lokalen Supports?
RB: Wir haben fest keine Supportband!
MS: Ach, wir haben schon eine ganze Zeit überlegt, wen man mitnehmen könnte und es kamen auch diverse Vorschläge von Management- und Booker-Seite. Dann haben wir uns aber gegen eine Vorgruppe entschieden. So ist dann alles viel fokussierter.
X: Und was läuft so für Musik im Tourbus?
RB: Gar keine! Wir hören keine Musik und das ist auch gut so! Das ist auch wieder ganz anders als bei anderen Bands. Wir diskutieren echt sehr viel und landen oft bei eher Metal-fernen Themen.
X: Ich sehe schon, wir biegen wieder in Richtung Hochkultur ab! Ich tippe auf Atomphysik und Quantencomputer!?
RB: Nee, eher so Lebenseinstellungen.
MS: Aber hier, Quantencomputer: IBM baut da kräftig dran, und wenn das dann Thema wird, dann fängt Onkel Orwell erst mal richtig an mit der Überwachung!

X: Und zum Abschluss natürlich der VfB …
MS: Ja, was soll man sagen. Ich find’s gut, dass man Korkut entlassen hat.
RB: Ich war von Anfang an überzeugt, dass das nix mit ihm wird, war aber eher sauer auf den VfB – und ich muss dazusagen: Ich bin Mitglied!
MS: Ich natürlich auch!
X: Ja, aber schlechte Trainerentscheidungen haben doch fast schon Tradition beim VfB!
MS: Korkut und Veh haben beide die Mannschaft spielen lassen. Korkut hat mehr Ordnung reingebracht, ist bestimmt auch ein guter Trainer – war ja auch lange bei der VfB-Jugend –, aber denen fehlt einfach die Spontanität in der Reaktion auf Dinge.
X: Wollen wir uns darauf einigen, dass wir Wolf hätten behalten sollen?
MS: Ich denke, da ist was dran!


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