Stärker als die Zeit: Udo Lindenberg

Ein Interview mit einer lebenden Legende. Ein Mann, dessen Gesicht und Songs jeder kennt und nach dem schon zu Lebzeiten ein Platz benannt wurde, sogar Denkmäler gibt es von ihm. Bei der Recherche wird mir bewusst, wie viele seiner Songs ich kenne, und wie lange sie mich schon begleiten. Mit zehn Jahren konnte ich seinen „Sonderzug nach Pankow“ in der heimischen Küche im SDR auswendig mitschmettern und bei der ersten Freundin lernte ich dann mit „Cello“ die melancholische Seite Lindenbergs kennen und schätzen. Über 45 Jahre ist er jetzt aktiv, ist durch Höhen und Tiefen geprescht und dabei mindestens einmal dem Tod (mit 4 Promille!) von der Schippe gesprungen. Erst 2008 gab es die erste Nummer 1 in den Albumcharts (für „Stark wie zwei“) und drei Jahre später, für das fantastische „MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic“ gleich die nächste Poleposition. Mit bald 70 befindet sich Lindenberg auf dem Zenit seines Schaffens. Das neue Album ist wieder voller Hits und bei der Stadiontour mussten wegen großer Nachfrage teilweise schon Zusatztermine angesetzt werden. Unser Interviewtermin wurde mehrfach verschoben, und als es dann tatsächlich noch klappt, ist der Maestro gut gelaunt, fast fröhlich, erweist sich aber auch als König der Nuscheltiere. Um das also möglichst authentisch zu lesen, bitte den Unterkiefer konstant vorschieben und vielleicht noch ein Eierlikörchen dazu schlürfen.

XAVER: Hallo Udo, schön, dass es tatsächlich noch geklappt hat mit dem Interview. Ihr habt die letzten Tage geprobt?
Udo Lindenberg: Ja, wir haben hier die letzten zehn Tage im Maritim Hotel am Timmendorfer Strand geprobt, immer wieder am Programm ein bisschen rum gechanged und gestern war dann öffentliche Generalprobe mit 8 neuen Songs. Und jetzt steht das ganze Ding. Wir haben eine gute Dramaturgie gefunden und sind alle happy. Ordentlich Temperament an der coolen See!
X: Und zwischen den Proben dann die Nachricht aus den USA. Die Queen wird 90 und der Prince stirbt …
UL: Ja, das war ein Schocker, ein Schocker. Ich dachte nur, dass es nun aber wirklich mal reicht. Bowie, Lemmy, Henley … Ich hab das dann gestern auch dem Publikum mitgeteilt … wir denken jetzt an die alle da oben - und dass die da oben ne Riesenband aufmachen. Es gab so ne Art Gedenkminute; die sind jetzt auch bei uns und wir bei denen. Wir haben auch kurz „Little Red Corvette“ gespielt. Ich find das ja erstaunlich, dass ich mit fast 70 immer noch lebe, nach all den Exzessen, Berufstrinker und so. Da möchte ich meinem Körper ein herzliches Dankeschön aussprechen, dass er den ganzen Scheiß mitgemacht hat und ich heute wieder so knallfit auf der Bühne stehe - da sing ich ja auch drüber im neuen Song „Mein Body und ich“.

X: Du hast es grad schon gesagt, Du bist fast 70. Am 17. Mai, Deinem Geburtstag, stehst Du in der Arena auf Schalke bei der Probe auf der Bühne. Der Tag selbst ist Dir also gar nicht so wichtig?
UL: Nee, wir proben da. Da sind dann ja auch eine Menge Leute, das Ruhrgebiet ist ja mittendrin. Ich bin ja ein Junge aus ‘m Pott, Gronau … Duisburg. Da kommen also viele Leute. Mit Eierlikörchen oder Whiskey-Gurgeleien - wir gurgeln uns da durch den Tag durch! Aber eigentlich feiern wir ja das ganze Jahr. Das ist der Auftakt dieser einjährigen Feier. Wobei wir nicht nur den 70. feiern, weil, das ist ja nur mein irdisches Self - Du weißt ja, ich bin eigentlich ein Alien, geboren auf einem Meteoriten, abgestürzt und auf einem Doppelkornfeld aufgeknallt. Also nicht nur die irdische Zahl 70, sondern auch die wilden 70er an sich. Wir feiern auch Jimi Hendrix, David Bowie, den Aufruhr des Rock´n´Roll und die Gründung des Panikorchesters - das war ja auch Anfang der 70er.
X: Und ich nehme an, dass auch das neue Album gefeiert wird?
UL: Ja, natürlich. Die ganze Strecke unserer Songs, die Zeitlosigkeit … ein Song wie: „Wozu sind Kriege da?“ ist heute noch genauso aktuell wie damals.

X: Bei der Temperatur unterscheidet man ja zwischen tatsächlicher und gefühlter Temperatur. Wie alt fühlst Du Dich denn?
UL: Ich fühle mich wie alle Altersstufen zusammen. In meiner Seele ist eine Art Rutschbahn und das Kind in mir wurde da nie wegamputiert. Ich bin immer noch auf einem riesigen Abenteuerspielplatz und demnächst werden ein paar Stadien zu meinem Abenteuerspielplatz. In einer Raumkapsel … mit einer schönen Rakete geh ich dann Daniel Düsentrieb besuchen und so, weißt Du? Kindliche Spielerei ist alles, aber schon mit der sich andeutenden Weisheit, der Indianerfeder und den Indianerweisheiten am Hut. Also mit meinen persönlichen Weisheiten. Jeder hat ja so seine eigenen Wahrheiten und so. Ich kann also hin- und herrutschen, ich fühle mich in allen Altersstufen zu Hause. Zurück zur Temperatur … die ist heiß! Auf heißer Spur!

X: Zu einem ordentlichen Geburtstag gehören auch Geschenke. Was ist ein gutes Geschenk für jemand, der sich alles leisten kann?
UL: Ich freu mich, wenn mir einer seine Freundschaft schenkt. Das ist mir das Wichtigste, das höchste Gut, die Freundschaft. Das stell ich auch über jede aktuelle Liebe oder Affäre. Wenn man sein Leben in den Dienst des Rock´n´Roll gestellt hat … die Kunst ist eine fordernde Geliebte, sie lässt keine normalen Beziehungsmodelle bürgerlicher Prägung zu. Ich bin immer unterwegs, weltweit und so. Mein Weltall ist ein Netzwerk, sind Freunde. Und das ist nicht nur an einem Tag, das ist immer.
X: Lebst Du deswegen auch seit 20 Jahren im Hotel? Weil Du Deinen Koffer an sich nie auspackst und immer auf dem Sprung bist?
UL: Ja und nein. Das mit dem Hotel hat auch praktische Gründe, ich hab da so nen schönen Deal mit denen. Wenn ich so ein Haus hätte und Bedienstete, dann wäre das viel teurer.

X: Du warst einer der Ersten, der den Weg weg vom Englischen und hin zu deutschen Texten eingeschlagen hat. Und das, obwohl das die Sprache der Nazis, der Lehrer und der Schlagerbarden war.
UL: Das war ja in der Tat so. Deutsch war die Sprache der Lehrer, mit dem ausgestreckten Zeigefinger und man wurde in den 50er- und 60er-Jahren ja nur so zugematscht mit Schlagerschleim. Das Kriegstrauma wurde verdrängt, es wurde geschwiegen, es wurde nicht drüber gesprochen und man war froh, dass es vorbei war. Und in der Zeit knallte dann der Rock´n´Roll rein, mit Elvis und so … Und das war Straßenmusik, das hatte mit Rebellion zu tun, kam von den Baumwollfeldern. Wenn man mal ganz weit zurückgeht. Da fehlte dann ne Zeit lang die eigene Sprache. Es hat auch gedauert die wiederzufinden und man musste sie befreien von dem Blut, das da noch dran klebte. Da mussten wir ran und Leute wie Rio Reiser oder auch Ihre Kinder aus Nürnberg. Ich wollte das als Breitensportler machen, wollte also jeden erreichen. Ich hatte mit meiner Stimme zwar nie eine Stunde Gesangsunterricht, aber schön frech, hoch die Tassen, Halligalli und immer auch diese politischen Dinger.
X: Eben, Du hast ja schon immer auch ernste Themen angesprochen, Dich politisch engagiert, gerne auch für die Sozialdemokratie. Die ist ja gerade im Tief. Würdest Du lieber auf einen Eierlikör mit Sigmar Gabriel oder jemand wie Gregor Gysi gehen?
UL: Ach, durchaus mit beiden. Aber dem Sigmar müsste ich mal sagen, dass die Waffenexporte nun wirklich mal aufhören müssen. Wir haben ja eine friedenspolitische Mission mit zwei Weltkriegen im Gepäck. Es darf keine Waffenexporte nach Saudi-Arabien geben, man weiß ja gar nicht, wie die die weitergeben, ob die nicht irgendwie bei Isis landen. Das ist eine Riesensauerei mit dem Waffenbusiness. Wenn die das unbedingt machen müssen, also Stahl verbauen, Elektronik usw., dann sollen sie statt Waffen Raketen zur Erforschung des Weltalls bauen. Dann behalten die ihre Fabriken, Aufträge und Arbeitsplätze. Und das kann die ganze Welt so machen!

X: Seit Jahrzenten kämpfst Du für Toleranz, für Frieden und gegen Nazis - und musst jetzt so was wie die AfD erleben. Was ist da schief gelaufen?
UL: Das liegt an fehlender Kommunikation. Man muss reden, man muss die Leute sensibilisieren und das kann man auch mit Songs machen. Wenn Leute wie die von der AfD fordern, man müsse Flüchtlinge wieder nach Hause schicken, dann muss denen doch klar sein, dass das nicht geht. Wohin denn zurückschicken? In die zerbombten Städte, nach Aleppo? Ich bin grundsätzlich immer der Ansicht, dass man niemanden aufgeben oder abschreiben soll. Es sei denn, sie sind an verbrecherischen Aktivitäten beteiligt. Wir haben halt so viele Schwankischwanki-Leute, die da mit ihren Ängsten rumdümpeln, mit denen sollte man mal reden. Im Übrigen sind solche Rechtsaußen-Dinger - wir hatten da vor Jahren ja auch schon mal die Republikaner - nicht von langer Dauer, weil die nicht parlamentsfähig sind. Meistens sind die auch schnell durchschaubar, so mit alten Nazis in den Reihen. Das sind ja auch erklärte Gegner des Grundgesetzes und so was hat in der Politik einfach nichts zu suchen. Unser Grundgesetz ist das Beste der Welt; ich wollte das schon immer mal rappen!

X: Nicht so ganz ins friedensbewegte Bild passt der Revolver im Handgepäck am Hamburger Flughafen vor eineinhalb Jahren. Was war denn da los?
UL: Ach, das war gar nicht meiner. Der gehörte einem Bodyguard und ich pack ja mein Gepäck auch nicht selbst …

X: Stichwort Flughafen und Gepäck. Du warst kürzlich im Urlaub in Dubai …
UL: Ja, brauchte mal etwas Tapetenwechsel. Und auf Mallorca erkennt mich ja gleich jeder. Da war das in Dubai schon entspannter.
X: In Deinem aktuellen Video „Durch die schweren Zeiten“ sieht man Dich am Schluss mit einem Doppelgänger an der Elbe. Ist das Dein Geheimnis? Schaffst Du so die vielen Termine?
UL: (lacht) Ja, das im Video ist Tommy, der sieht so ähnlich aus. Ähnlich gut gebaut, ähnlich anmutig, ähnliches Gesicht. Das war lustig und da hatte Kim Frank (der Regisseur des Clips und - echt jetzt - der ehemalige Sänger der Band Echt - Anmerk. d. Verf.) dann die Idee zum Clip. Wenn es also richtig hart auf hart geht, richtig harte Drogen z.B., oder ein hartes Besäufnis; da brauchst Du dann ein altes Ego, da musst Du Dich selbst aus der Scheiße wieder rausziehen. Du brauchst jemand, der Dich begleitet, das ist wichtig und richtig, aber bei den ganz tiefen Problemen, musst Du Dich auch selbst wieder rausziehen. Und an dieser Weisheit ist was dran, das kann ich bestätigen als alter Alk-Junkie!
X: Du hast das Steuer da erfolgreich rumgerissen, bist fitter denn je und hast auch einiges abgenommen. Machst Du regelmäßig Sport?
UL: Ja, ich mach jede Nacht eine Stunde Sport. Egal, wo ich bin, ich renn los, immer nur Joggen, Liegestütz, Sit-ups, Rolle rückwärts und diese Dinger. Aber immer nur nachts, zur Geisterstunde, von 12 bis 1. Dann renn ich los, in der Stille der Nacht, da sind die Straßen auch noch leer. Ich bin ja sonst gerne unter Menschen, aber da muss ich dann mal eine Stunde alleine los - und meine Kondition ist mörderstark!
X: Hörst Du Musik beim Laufen?
UL: Ja, ich hör Musik, sehr gerne Robert Schumann oder auch Johannes Brahms.
X: Ich hätte beim Laufen irgendwas mit mehr Beat erwartet.
UL: Das hör ich auch. Prince oder auch mal Nirvana und Lady Gaga - das pusht ordentlich. Das ist so random …

X: Du hast seit jeher einen guten Draht zur Jugend und bist Nachwuchsförderer, hast mit u.a. Jan Delay, Max Herre, Benjamin von Stuckrad-Barre und Clueso zusammengearbeitet. Wen hast Du denn in letzter Zeit so für Dich entdeckt?
UL: Jetzt hatten wir gerade Deichkind und Johannes Oerding mit uns auf der Bühne. Und wir hatten Kids on stage, lauter so Zehnjährige aus Düsseldorf, so ein Kinderchor. Ich treff ständig neue Leute, AnnenMayKantereit, Joris und wie die alle heißen. Wir haben jetzt auf Tour ja ne große Bar auf der Bühne und da lad ich die dann alle ein, mal vorbeizukommen, nen Eierlikör zu gurgeln, oder nen Whiskey. Auch so Leute wie Till Lindemann sind dabei. Wir haben in der Lotterie des Lebens das Zeit-Los gezogen, und deswegen ist es auch scheißegal, ob einer bei uns auf der Bühne 8 oder 80 ist!

X: Zum Abschluss ein Tipp für die jungen Künstler von heute. Was ist wichtig, was bitte unbedingt und was keinesfalls?
UL: Sie sollen keinesfalls so klingen, wie irgendwas, was es schon gibt. Nur ihren ureigenen Stil herausarbeiten und finden. Hermann Hesse sagt: „Erkenne die Weisheit, die dein Blut dir rauscht!“ Also folge keinen Leeren, folge keinen Lehrern, folge nur Dir selbst! Wenn man anfängt, kann man sich schon mal irgendwelche Gitarrenklicks von Keith Richards anhören, oder von sonstigen Idolen an der Klampe. Aber dann sehr, sehr schnell zu seiner eigenen Art finden.
X: Also auf sich selbst und die eigene Stimme hören!?
UL: Genau, Lindividualität!


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