Rock’n’Roll kennt keine Grenzen: Deep Purple

Die britischen Hard-Rock-Urgesteine von Deep Purple überraschen auf ihrem nunmehr zwanzigsten Studioepos - getauft auf den geheimnisvollen Titel „inFinite“ - mit einem vielschichtigen, inspirierten und durchweg starken Rockalbum, das sprichwörtlich frisch und grenzenlos frei klingt. Es wäre definitiv ein würdiges Album zum nahenden Abschied, der so vielen Acts aus der großen Zeit des Rock’n’Rolls der siebziger und achtziger Jahre leider unweigerlich bevorsteht. Doch derzeit leben die Briten ihre Kreativität förmlich aus, zelebrieren diese und schicken dem Longplayer sogar den zugehörigen Film „From Here to inFinite“ voraus; eine spannende Dokumentation zur Entstehungsgeschichte des jüngsten Silberlings. Wir treffen den 1948 in Nottingham geborenen Schlagzeuger Ian Anderson Paice bestens gelaunt und gesprächig im Münchener Nobelhotel Bayerischer Hof. Das Gründungsmitglied von Deep Purple spricht offen und ehrlich über die Gegenwart, reflektiert die geschichtsintensive Vergangenheit und blickt gemeinsam mit XAVER auf eine viel versprechende Zukunft...
Als einziges Bandmitglied spielte Drummer-Ikone Paice auf sämtlichen Deep Purple Alben, musizierte mit Paul McCartney und George Harrison und veröffentlichte Anfang der Achtziger zudem noch weitere, unsterbliche Hard-Rock-Klassiker mit Whitesnake (u.a. „Saints & Sinners“) und Gary Moore (u.a. „Victims of the Future“). Unumstritten: Paice ist ein wahrer Gentleman, dessen Leben die Musik ist, für die er alles gibt und immer geben wird.

XAVER: Herr Paice, wenn ich mir das neue Studioalbum „inFinite“ anhöre, so spüre ich förmlich wie viel Spaß die Band hatte, dieses Werk zu schreiben und aufzunehmen. Die Songs klingen unheimlich locker und entspannt. War der Prozess tatsächlich so relaxt?

Ian Anderson Paice: Ja, es war wirklich vergleichbar leicht, dieses Album zu produzieren und hat uns eine Menge Freude bereitet. Es lief alles problemlos und einfach ab, durchaus vergleichbar mit unserem Vorgängeralbum „Now what?!“. Wir haben uns genügend Zeit gegönnt, um die unterschiedlichsten Ideen reifen zu lassen und hatten zwei sehr kreative Schreibphasen von jeweils zehn Tagen. Am Ende hatten wir rund 15 Songideen, die wir aussortierten und später in einer zweiwöchigen Vorproduktion in Nashville ausarbeiteten. Entsprechend gut vorbereitet gingen wir ins Studio, um das Album abermals mit unserem Produzenten Bob Ezrin (Pink Floyd, Kiss uvm. - Anm. d. Verf.) aufzunehmen. Jeder wusste, was zu tun ist und Bob ist ebenfalls bekannt dafür, keine Zeit zu verschwenden. Heutzutage einen Longplayer aufzunehmen, ist nicht vergleichbar mit früher, als alles noch analog ablief und man mehrere Takes einspielen musste. Heute wird digital ausgebessert, was unter anderem dafür sorgt, dass der gesamte Aufnahmeprozess viel entspannter abläuft. Mit meinen Schlagzeugaufnahmen war ich nach sieben Tagen fertig und flog am achten Tag zurück nach London.

X: Gleichfalls scheint es, dass Ihr „inFinite“ frei von jeglichem Druck und dem Einfluss Außenstehender kreiert habt und tatsächlich nur das macht, wozu Ihr fünf hundertprozentig Lust habt. War dem so?

IAP: Als wir uns 2011 mit Bob Ezrin trafen - bevor wir „Now What?!“ mit ihm umsetzten - sprachen wir uns im Vorfeld aus. Wir sagten klipp und klar, dass wir nicht davon ausgehen, dass unser Album eine erfolgreiche Single abwirft oder gar im Radio gespielt wird. Uns war es vielmehr wichtig, die Energie und die Dynamik unserer Livekonzerte einzufangen und in den Aufnahmen widerzuspiegeln. Das Gefühl von Freiheit sollte präsent sein. Dasselbe galt für „inFinite“ - mit dem Unterschied, dass sich unser Horizont erweitert hat. In der Vergangenheit gab es immer irgendwelche Regeln, die wir uns zum Teil selbst auferlegt hatten. Auch diese warfen wir über Bord. Wir erlaubten uns Dinge, wie beispielsweise ein gesprochenes Intro oder ein Gedicht am Ende eines Tracks. Rock’n’Roll kennt keine Grenzen...

X: In der Vergangenheit war das sicherlich anders, als windige Manager, clevere Plattenfirmen, Vertreter und andere Externe versuchten, Einfluss auf euch und die Musik zu nehmen. An welchem Punkt hat sich das geändert?

IAP: Das gab es wahrlich oft, aber tatsächlich sind es oftmals die Musiker, die sich selbst der größte Feind sind. Wir hatten uns des Öfteren selbst in eine bestimmte Ecke gedrängt und uns gezwungen, bestimmte Dinge zu machen bzw. eine konkrete Richtung zu verfolgen. Deshalb ist es für mich vielmehr wichtig, dass ein Produzent es uns ermöglicht, uns eben nicht zu limitieren und keinerlei Grenzen zu setzen. Daher war uns durchaus bewusst, dass nicht jeder das gesamte Album mögen wird, aber dennoch der Großteil. Seien wir ehrlich: Es gibt nur wenige Leute, die wirklich alle Songs eines jeden Albums eines Künstlers ausnahmslos mögen. Es wird immer eine Nummer geben, die man überspringt. Doch wir hatten die Freiheit, dass zu tun, wonach der Sinn uns steht.

X: „inFinite“ ist außerdem der perfekte Titel, um Euer umfangreiches, großartiges, musikalisches Vermächtnis zu umschreiben. Schwebte dabei unbewusst der Gedanke in Eurem Hinterkopf, dass dies Euer letztes gemeinsames Studioalbum sein könnte?

IAP: Wenn du an einen gewissen Punkt in deinem Leben kommst, musst du der Realität ganz klar in die Augen sehen. Wir haben in den letzten zwölf Jahren zwei LPs gemacht. Zwischen den letzten beiden lagen nur vier Jahre, was inzwischen relativ schnell für uns ist. Aber ob wir in vier Jahren noch einmal körperlich und geistig in der Lage sein werden, ein weiteres Studioalbum einzuspielen, kann heute niemand vorhersehen. Je höher unser Alter wird, desto geringer sind die Chancen dafür. Wir denken nicht an ein Ende, das wäre auch emotional total falsch. Aber ein Ende wird natürlich kommen. Wir starten in Kürze unsere „Long Goodbye“-Tournee. Wie lange ist lang? So lange bis wir überall gespielt haben, wo man uns sehen will und es uns gut geht. Ich mag es nicht, eine definitive Abschiedstour anzukündigen - wenngleich ich es aus geschäftlicher Sicht nachvollziehen kann. Dennoch sagt mir mein inneres Gefühl, dass dies unsere letzte große Welttournee sein wird. Aber wer weiß schon, was in zwei Jahren mit der Welt geschieht, wenn Leute wie Trump an der Macht sind?

X: Gemeinsam mit Roger Glover bilden Sie seit Jahrzehnten die Rhythmussektion bei Deep Purple. Fühlen Sie beide sich manchmal wie ein altes Ehepaar?

IAP: In einer Rock-n-Roll-Band ist es unglaublich wichtig, dass die Rhythmussektion harmoniert und das weißt du, wenn du über nichts nachdenken musst. Wenn das Feeling stimmt und sich die Magie wie von selbst entfaltet, dann stimmt es. Wenn Fehler geschehen und man beim Spielen beginnen muss nachzudenken, dann läuft etwas falsch. Zwischen Roger und mir ist es daher tatsächlich ein wenig wie in einer gut harmonierenden Ehe. Dennoch überraschen wir uns immer wieder selbst und entdecken Neues, das uns staunen lässt. Deshalb fühlt es sich so gut an.

X: Deep Purple hatten in der Vergangenheit eine Menge Besetzungswechsel, doch die aktuelle Besetzung hält sich inzwischen seit stolzen fünfzehn Jahren konstant. Erfüllt Ihr denn gar das Klischee von fünf Freunden, die gemeinsam Musik machen?

IAP: Unsere Charaktere sind komplett verschieden, das weiß jeder von uns - und akzeptiert das auch so. Wir sind als Band unheimlich gefestigt, ohne dass wir ständig einer Meinung sein müssen. Jeder hat unterschiedliche Ansichten zu bestimmten Themen, doch am Ende ist das Einzige, das zählt, die Musik. Wir haben das Glück, großartige Musiker innerhalb der Band zu haben und eben Spaß dabei, in dieser Konstellation zu spielen. In Deep Purple zu spielen bedeutet, dass ich meine Haustüre öffne und Zuhause gemeinsam mit Freunden Musik mache. Wenn ich mit anderen Musikern spiele, dann schließe ich diese Türe und musiziere auswärtig. Deep Purple bedeutet Heimat.

X: Sie zählen zu den Gründungsmitgliedern von Deep Purple und haben alle Phasen miterlebt. Wie erinnern Sie sich vor allem an diesen denkwürdigen Tag im April 1968, als Sie zu den Auditions der Band gingen, aus der schließlich Deep Purple hervorging?

IAP: Zu dem Zeitpunkt spielte ich gemeinsam mit unserem damaligen Sänger bei The Maze, einer durchaus erfolgreichen Coverband, aber eben eine von Tausenden. Wir erfüllten die Bedürfnisse der Kids, die an einem Samstagabend unterhalten werden wollten. Das war soweit in Ordnung, aber wir drehten uns im Kreis. Rod hat sich schließlich auf eine Anzeige im Melody Maker beworben, in der es um einen vakanten Sängerposten ging. Er ging dort hin und traf auf Ritchie Blackmore und Jon Lord. Ritchie erkannte ihn wieder, da er uns ein Jahr zuvor drei Wochen lang im „Star Club“ in Hamburg begleitet hat. Seine erste Frage an Rod war: „Hast du noch immer diesen Schlagzeuger?“ Rod bejahte und Ritchie sagte nur: „Bring ihn her.“ Sie hatten zu dem Zeitpunkt mit Bobby Woodman noch einen anderen Trommler, waren aber nicht zufrieden mit ihm. Daher kam ich in ihr Haus, als Bobby gerade nicht dort war und spielte rund zehn Minuten auf seinem Schlagzeug. Alle hatten danach ein fettes Grinsen im Gesicht und das war es. Sicherlich, es war Bobby gegenüber nicht sehr nett, aber er hätte es vermutlich genauso gemacht und die Chance ergriffen. Für mich war es ein großer Schritt, denn ich war gerade 19 Jahre alt und trommelte seit vier Jahren. Doch was es auch war, Ritchie hatte sich das gemerkt und so begannen wir gemeinsam Musik zu machen und Songs zu schreiben. Ich entwickelte Fähigkeiten, von denen mir zuvor nicht bewusst war, dass ich diese besaß. Wir haben einfach zu spielen begonnen, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt - und das hat funktioniert. Wir haben erkannt, dass diese Band eine Chance hat. Es war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe.

X: Ritchie Blackmore hat im vergangenen Jahr erstmals seit langer Zeit wieder Rockmusik gespielt und gab mit Rainbow einige auserwählte Konzerte. Haben Sie eine der Shows besucht oder den Live-Mitschnitt gehört/gesehen?

IAP: Nein, ich habe keines der Konzerte gesehen. Leider, denn ich habe keinerlei Kontakt mehr zu Ritchie, wünsche mir aber durchaus, diesen zu haben. Was immer in der Vergangenheit geschehen ist, ist und bleibt in der Vergangenheit. Ritchie und ich hatten niemals große Meinungsverschiedenheiten und pflegten stets einen freundschaftlichen Umgang miteinander. Wir waren nicht immer derselben Meinung, doch so ist das unter Musikern. Ritchie war immer schon jemand, für den es nur schwarz oder weiß gab: „Ja, ich will oder nein, ich will nicht.“ Eine Grauzone dazwischen gab es nicht.

X: Deep Purple Fans werden stets über die Gretchenfrage diskutieren: Ritchie Blackmore oder Steve Morse? Beide sind ohne Frage fantastische, aber ebenso völlig unterschiedliche Gitarristen. Was schätzen Sie an den beiden am meisten?

IAP: Ich bewundere Ritchies Fähigkeit, all diese grandiosen Riffs zu schreiben. Er hatte stets eine unnachahmliche Präsenz auf der Bühne. Wenn er spielte, dann zog er die Blicke auf sich. Er war oftmals unkontrollierbar und man wusste nie, welche Richtung er einschlagen wird. Aber das war ein Teil der Magie eben dieser Zeit mit ihm. Aber, es hatte auch alles seine Kehrseite und es war nicht immer ein Vergnügen, mit einem so starken Ego wie mit Ritchie zu spielen. Wenn er beispielsweise keine Zugabe mehr spielen wollte, dann ließ er sich nicht mehr überreden. Doch als Band ist man ebenfalls ein Team, man geht Kompromisse ein. Das wurde zunehmend schwieriger. Bei Rainbow war er schließlich der alleinige Bandleader, das funktionierte für ihn. Mein Vater, der selbst viele Jahre als Pianist in Gruppen spielte, sagte einmal, dass wenn du in einer Band der Leader warst, es kein Zurück mehr zur Gruppe und dem Team gibt. Als es dann schließlich in den Neunzigern galt, Ritchie zu ersetzen, wäre es der einfachste Weg gewesen, einen Gitarristen in die Band zu holen, der wie Ritchie spielt. Aber warum sollten wir das tun, schließlich wäre es nicht Ritchie, sondern nur jemand, der so spielt wie er. Uns war bewusst, dass wir einen großartigen Gitarristen verloren haben, daher war unser einziges Ziel, einen anderen großartigen Gitarristen zu finden. Die erste Zeit spielten wir mit Joe Satriani, der absolut fantastisch war, aber bestehende Verträge hatte und wir wussten, dass wir ihn nicht halten könnten. Wer also war so gut wie die beiden? Da kam uns Steve Morse in den Sinn, der aus einer ganz anderen Ecke stammte, aber wir hatten ihn schon Rock’n’Roll spielen hören und wussten, dass er grandios ist. Wir traten also in Kontakt und spielten mit ihm einige Shows in Mexiko. Das funktionierte und wie man sieht, blieb er bis heute. Steve gibt immer 100 Prozent und egal, was ist, er nimmt niemals andere Probleme mit auf die Bühne. In den zwei Stunden, in denen er auf der Bühne steht, ist er Musiker durch und durch. Jeden Abend können wir uns aufs Neue auf ihn verlassen und das ist es, was uns gut tut.

X: Sie sind das einzige Deep Purple Mitglied, das auf sämtlichen Studioalben gespielt hat. Gibt es denn ein spezielles Werk, das Sie als komplett unterbewertet bezeichnen würden?

IAP: Ich könnte hier keine spezielle Scheibe benennen, vielmehr jedoch einzelne Songs, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind. „Rat Bat Blue“ von der „Who Do You Think We Are“-LP wäre ein solches Beispiel, allerdings meine ganz persönliche, subjektive Meinung. Ich mag die Schlagzeugspur auf dem Titel sehr gerne. Es gibt natürlich Stücke, von denen ich im Nachhinein sage, dass ich sie hätte besser spielen können; da gehören diese definitiv nicht dazu. „The Battle Rages On“ finde ich großartig oder „Dealer“ mit David Coverdale. Abseits von Deep Purple, würde ich „Malice In Wonderland“ von Paice Ashton Lord als unterbewertet bezeichnen; ein Album, das meiner Meinung nach zu wenige Leute gehört haben oder kennen.


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