Ohne Banksy zum Mond: Wolfgang Pauritsch

Wolfgang Pauritsch, 1972 in Innsbruck geboren, ist heute gefragter Auktionator mit eigenem Laden in Oberstaufen und Teil der sehr beliebten ZDF-Show „Bares für Rares“ (über drei Millionen Zuschauer pro Sendung!). Dass der Selfmade-Man fast schon die klassische Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär gemacht hat, wissen dabei die wenigsten. Sein Vater hatte sich schon vor seiner Geburt davongemacht; so musste seine Mutter viel arbeiten und der kleine Wolfgang verbrachte sehr viel Zeit bei den Großeltern. Über wilde Umwege gelangte der gelernte Schlosser schließlich zur rechten Zeit an den rechten Ort und sprang für einen erkrankten Auktionator ein – obwohl er eigentlich nur als Sicherheitsmann vor Ort war. Über diese wilden Wege in seiner Biografie hat er kürzlich ein Buch geschrieben, mit dem er demnächst in der Region zu Gast ist. Um 8:30 Uhr ist er bereits hellwach und bestens gelaunt in seinem Laden am Telefon und nimmt sich Zeit für ein interessantes Gespräch.

XAVER: Guten Morgen, Herr Pauritsch! Das ist ein recht früher Termin für ein Interview; wann beginnt denn Ihr Tag üblicherweise?
Wolfgang Pauritsch: Ach, ich bin erstens Frühaufsteher und zweitens, wenn dann später um 9:30 Uhr der Laden aufgesperrt wird, dann muss vorher der Schmuck eingeräumt werden. Und dann stehen immer schon die ersten Leute vor der Tür. Interviews gebe ich am liebsten vor oder nach der Arbeit. Wenn ich das während der Öffnungszeit hier versuche, stehen dann immer Leute um mich herum; das geht nicht.
X: O. k., dann ist der Schmuck also nachts immer im Safe?
WP: Ja, selbstverständlich. Wir haben einen speziellen Hochsicherheitstresor und räumen die Schmuckstücke da jeden Morgen raus, abends wieder rein und schalten dann die Alarmanlage an. Im Schaufenster ist nachts kein einziges Stück Schmuck, das wäre zu riskant.
X: Da sind sie ein gebranntes Kind: Ihr erster Laden in Oberstaufen wurde nächtens ausgeraubt.
WP: Das war im Februar 1996, ich werde es nie vergessen. Da wurden Waren im Wert von 150.000 Mark gestohlen.
X: Und Sie waren noch nicht versichert! Haben den Geschädigten (die eingelagerten Waren waren Pauritsch zum Versteigern überlassen worden – Anmerk. d. Verf.) aber in den folgenden Jahren peu à peu ihren Verlust abbezahlt.

X: Dieses Hinarbeiten auf Ziele, mit eisernem Willen und Disziplin, das zieht sich durch Ihre Biografie. Disziplin ist wichtig für Sie, oder?
WP: Ja, ich hatte so einige Rückschläge im Leben, habe mich aber nie unterkriegen lassen und bin hinterher wieder hochgekommen. Aber wenn man bei so einem Schicksalsschlag so jung ist, wie ich das damals war – ich war da gerade mal 24 – da nimmt man sich so was auch noch nicht so zu Herzen. Da war ich noch viel unreifer im Kopf. Heute will ich es immer allen recht machen. Bei vielen Geschichten in dem Buch – wie ich zum Beispiel das gestohlene Auto von der Mafia zurückgekauft habe – fasse ich mir heute an den Kopf und frage mich, wie ich das nur machen konnte – da hätte ich heute viel zu viel Angst! Es ist aber Gott sei Dank alles gut ausgegangen und heute bin ich hier und habe dieses Geschäft, das ich immer haben wollte. Ich bin heute also schon sehr zufrieden mit meinem Leben. Aber wenn ich das Buch durchlese, dann stellen sich mir immer wieder mal die Haare auf! (lacht) Nach so einigem Auf und Ab darf es jetzt also gerne mal etwas ruhiger werden.
X: Na ja, ruhiger wird es wohl eher nicht werden. Seit ein paar Jahren sind Sie Teil der erfolgreichsten Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gerade wurden die Rechte auch nach Österreich verkauft und Servus TV wird die Sendung ins Programm nehmen; es wird also wohl eher noch turbulenter!
WP: Da haben Sie vollkommen recht – ich meinte eher so berufliche Rückschläge und Einbrüche. Das mit der Sendung ist natürlich wunderschön, aber es hat auch viele Nachteile. Wo ich auch hinkomme, die Leute kennen die Sendung, das ist ein Riesenhype. Man wird überall erkannt und angesprochen, egal ob auf dem Weihnachts- oder dem Trödelmarkt und man hat zunehmend weniger Privatsphäre, das tut einem schon weh. Und jetzt im Herbst/Winter ist ja meine Flohmarktzeit, da ziehe ich meinen Anorak bis oben zur Nase zu und setze noch einen Hut auf. Und dann gehe ich über die Märkte und suche mir meine Waren. Ich darf halt nur nicht mit den Leuten sprechen, denn die meisten erkennen mich sofort an meiner Stimme. Und sobald mich dann einer erkennt und ein Foto machen will, ist es eh zu spät, denn wer auf Flohmärkte geht, schaut auch „Bares für Rares“, um etwas zu lernen.
X: Und wenn Sie dann Interesse signalisieren, wird das Objekt bestimmt auch direkt teurer, oder?
WP: Sobald mich ein Händler erkennt, kostet die Vase, die mit 30 Euro ausgezeichnet war, plötzlich 80 Euro – wenn der Pauritsch sie in die Hand nimmt, muss das ja was Besonderes sein. Ich versuche also, möglichst lange inkognito zu bleiben.

X: Autos spielen in ihrem Buch eine zentrale Rolle, schon in frühen Jugendtagen sind sie Sehnsuchtsobjekte. Ist das bis heute so geblieben, sind Autos wichtig in ihrem Leben?
WP: Also für mich ist ein Auto zuallererst ein Gebrauchsgegenstand. Ich habe jetzt meinen dritten Kombi, einen Diesel. Und ich habe jetzt schon wieder mehr Kilometer drauf, als die Strecke von der Erde zum Mond lang ist. Das sind genau 184.400 Kilometer. Ich werde das Auto also bald abgeben und mir ein anderes holen. Ich habe privat noch einen Oldtimer, mit dem ich normalerweise sonntags unterwegs bin, wenn ich die Zeit habe. Aber den habe ich jetzt seit eineinhalb Jahren nicht mehr bewegt, leider. Aber auch das wird sich wieder ändern. Ich liebe schöne Autos, bin aber auch aus dem Alter heraus, wo das für mein Ego richtig wichtig war. Im Endeffekt ist ein Auto ein Mittel zum Zweck, ein Gebrauchsgegenstand, der sicher und zuverlässig sein muss.
X: Und der Oldtimer ist was für ein Fabrikat?
WP: Ich habe schon über 20 Jahre einen ganz alten Porsche. Das Problem ist aber, wenn man das Auto nicht bewegt, dann geht das kaputt. Das ist ein Baujahr ’76 und man muss das einfach bewegen.

X: Ihr Herz hängt an Antiquitäten; Sie sind Experte für Porzellan, Edelsteine und Silber. Gibt es denn auch neue Objekte, die Sie faszinieren? Designartikel oder etwas in der Art?
WP: Ach, ich liebe schon auch die Moderne Kunst, gehe wann immer möglich auf Ausstellungen, wo zeitgenössische Künstler ausstellen. Mich interessiert sehr, wie die Kunst sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Gerade kommt auch wieder die Pop Art dazu, das war Anfang der 50er. Es gibt heute kaum noch Künstler, die realistische Bilder malen. Realistische Landschaftsbilder will heute niemand mehr kaufen. Aber abstrakte Kunst ist stark nachgefragt gerade und mich interessiert eben diese Entwicklung über die Jahre. Moderne Kunst interessiert mich privat nicht. Wenn ich etwas kaufe, dann will ich schon eine Malerei sehen, wo der Künstler zum Beispiel zwei Wochen lang daran gearbeitet hat. Bei einem abstrakten Bild, von Banksy zum Beispiel, ist das Bild auch mal in einer halben Stunde fertig. Das hat für mich dann aber nicht den künstlerischen Stellenwert wie bei einem akademischen Künstler, der eben lange Zeit benötigt, um eine detaillierte Landschaft zu malen.
X: Na ja, die Zeiten in denen es eine allgemeingültige Instanz für Kunst gab, etwa den Grad der realistischen Darstellung, sind wohl für immer vorbei. Und das liegt immer auch im Auge des Betrachters, ist starken Schwankungen, ja Moden unterworfen. Objekte, die Sie vor zwanzig Jahren noch en masse verkauft haben, finden heute kaum noch Käufer.
WP: Absolut! Vor zwanzig Jahren konnte man noch Puppen verkaufen, Porzellan, Möbel, Pelzmäntel oder Orientteppiche. Der Markt ist total eingebrochen. Heute gehen Juwelen, alte Schmuckstücke und Tafelsilber am besten. Oder Moderne Kunst aus den Jahren ab 1910, 1920. Also Expressionismus, da spreche ich von Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Marianne von Werefkin oder Alexej von Jawlensky. Das sind allesamt Künstler, die momentan angesagt sind und hohe Preise erzielen. Schmuck hat auch sehr zugelegt, weil eben auch die Materialien Gold, Silber und Platin stark zugelegt haben. Ebenfalls sehr gut gehen Bronzen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die sind sehr beliebt und werden gekauft.

X: Wenn Sie als Händler bei „Bares für Rares“ sitzen, haben Sie dieses Wissen um die aktuelle Szene und für manches vielleicht sogar schon bestimmte Kunden im Hinterkopf. Aber wie oft haben Sie dort für sich selbst etwas gekauft?
WP: Ah, das war nicht viel. Ich sammle privat eigentlich nur sehr hochwertiges Silber. Also von russischen Handwerkern wie zum Beispiel Ivan Khlebnikov, Pavel Bure oder Carl Fabergé – das waren die Hofjuweliere des russischen Zaren Nikolaus. Da gibt es nicht mehr viel auf dem Markt, da bietet sich also ohnehin selten die Gelegenheit. Aber es ist auch ganz selten mal etwas dabei, das ich später nicht auch wieder verkaufen würde.
X: Dann ist also immer viel in Bewegung bei Ihnen?
WP: Ja, wir kaufen die Sachen und mittlerweile bin ich so clever, dass ich die Sachen, die ich in der Sendung gekauft habe, erst mal nicht ausstelle und circa acht Wochen im Lager lasse. Das ist nämlich die übliche Zeit zwischen Aufzeichnung und Ausstrahlung. Da haben dann oft Leute nach der Sendung angerufen und Interesse an einem bestimmten Stück bekundet, das zu der Zeit dann aber längst verkauft war. Um derartige Diskussionen zu vermeiden, lagere ich die gekauften Sachen also erst mal ein und gebe sie erst nach der Ausstrahlung in den Verkauf.
X: Aber dann müssen Sie ja immer ganz schön in Vorleistung gehen!?
WP: Ja, das ist ja das Problem. Ich war gerade wieder da und habe für 15.000 Euro eingekauft; das Geld fehlt jetzt natürlich für ein paar Wochen. Das heißt ich überziehe oft mein Konto und mache dann Wochen später erst wieder den entsprechenden Gewinn.

X: Ist die Weihnachtszeit eine besonders umtriebige Zeit, merkt man das am Umsatz?
WP: Doch, das ist eine sehr gute Zeit. Nicht die Vorweihnachtszeit, aber von Weihnachten bis zum 6. Januar ist eine sehr gute Zeit. Da bekommt man in Oberstaufen kein Zimmer, es ist alles ausgebucht. Am 30. Dezember mache ich mit meiner Geschäftspartnerin seit 18 Jahren auch immer eine große Jahresabschlussauktion. Da werden dann vor der Inventur viele Teile abverkauft.

X: Sie sind ständig von wertvollen Objekten umgeben und handeln professionell damit. Was ist abgesehen vom vorher erwähnten Porsche Ihr wertvollster Besitz?
WP: Ich glaube mein Alter! (lacht) Mein Alter ist mein größtes Kapital. Ich habe mit 20 Jahren begonnen und bin heute 46. Ich habe in der Zeit vieles gelernt und mitbekommen; diese Erfahrung ist die Basis für meine heutige Arbeit. Ich hätte sehr gerne Kunstgeschichte studiert, musste aber frühzeitig Geld verdienen, um den Großeltern und meiner Mutter nicht auf der Tasche zu liegen. Ich habe zwar später ein Fernstudium gemacht, das ist aber nicht das Gleiche. Die reine Theorie hilft einem aber auch nicht, man muss eine falsche Augsburger Kanne einmal in der Hand gehabt haben, damit man die Fälschung erkennt. Das muss man mit Händen fühlen. Ich kann mittlerweile mit geschlossenen Augen echtes Gold erfühlen; da bin ich mir vom Material und der Wärme her schon fast zu 90% sicher, ob es echt ist. Bei Silber ist das genauso. Da kann man beim Reiben am Geruch erkennen, ob es nur versilbert oder Echtsilber ist. Das kann ich am Telefon nicht erklären, aber beim Test liege ich meistens richtig.
X: Da hat Ihnen die Sendung und die Zeit mit den anderen Händlern doch auch viel Neues beigebracht, oder?
WP: Absolut! Ich lerne in jeder Sendung dazu und sehe immer wieder Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Über die Jahre hinweg saßen auf den Händlerplätzen 27 verschiedene KollegInnen. Und jeder hat sein eigenes Fachgebiet und seine eigene Philosophie, deswegen bleibt das ja auch interessant.
X: Dieses Lernen bezieht sich doch bestimmt auch auf die Experten, die die Expertise machen, bevor die Waren dann zu Ihnen und den anderen Händlern gelangen. Einer dieser Experten, Albert Maier, ist hier aus der Gegend, aus Ellwangen.
WP: Wir dürfen während der Aufzeichnungen keinen Kontakt zu den Experten haben, wir sind sogar in unterschiedlichen Hotels untergebracht!

X: In Ihrem Buch lernen Sie vieles von Verwandten und Freunden. Haben Sie Auszubildende oder junge Leute um sich, die von Ihnen lernen?
WP: Nein. Ich habe mit meiner Geschäftspartnerin, einer Juristin, die auch Kunstgeschichte im Fernstudium gelernt hat, gar keine Zeit, uns um einen Auszubildenden zu kümmern. Wir bekommen unzählige Ausbildungsanfragen, da bieten die Väter sogar an, die Ausbildung aus eigener Tasche zu zahlen. Aber ich habe ja zu Anfang erzählt, dass ich gerade den Schmuck aus dem Tresor ins Fenster räume. Schmuck ist eine Vertrauenssache und ich mache nicht jeden Tag Inventur. Wenn da jemand in die Vitrine reingreift und die richtige Ecke erwischt, dann tut das sehr weh. Deswegen haben wir hier nicht mal eine Putzfrau. Wir machen alles selber im Laden!
X: Dann kann man nur hoffen, dass Sie weiterhin Bücher schreiben, damit das Wissen weitergegeben wird!
WP: Ach, bloß nicht. Ich habe das Buch überhaupt nur geschrieben, weil ich immer so viele Nachfragen bekommen habe, wie man denn Kunsthändler wird. Und ich versuche ja, immer alles zu beantworten, ob nun Briefe, E-Mails oder am Telefon. Das hat aber immer so viel Zeit in Anspruch genommen, dass ich mir gedacht habe, dass ich das jetzt als Buch niederschreibe und dann bei Anfragen einfach darauf verweisen kann.
X: Klingt erst mal schlau, aber jetzt ist das Buch auch noch ein Erfolg und Sie müssen zusätzlich Zeit in Lesungen investieren!
WP: Und in Interviews und Fernsehauftritte … da hängt schon einiges dran – aber irgendwann wird es bestimmt auch wieder ruhiger!


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