No Heart, No Art! Roger Hodgson

Rodger Hodgson ist wohl ein typisches Beispiel für den „Fußgängerzonen-Test“. Würde man in einer solchen ein paar hundert zufällig ausgewählte Passanten fragen, ob ihnen der Name Charles Roger Pomfret Hodgson etwas sagt, würden das wohl nur wenige bejahen. Wenn man ihnen ein Bild zeigen würde, wären es auch nicht viel mehr, wenn man dann aber ein paar der bekanntesten Lieder aus seiner Feder anstimmen würde, läge die Quote wohl bei deutlich über 90%. Zum Selbsttest: „Dreamer“, „Give A Little Bit“, „Take The Long Way Home“, „It’s Raining Again“ - kennt man doch! Weil Rodger Hodgson nämlich die Stimme von Supertramp ist. Er ist zwar 1983 nach 14 Jahren als Leadsänger, Songwriter und genialer Kopf ausgestiegen, um sich mehr seiner Familie zu widmen und eine Solokarriere zu starten, nicht wenige Fans sind aber der Meinung, dass seine Konzerte seither den wahren Supertramp-Spirit atmen. Supertramp ist eben eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten, 60 Millionen verkaufte Alben sprechen da eine deutliche Sprache und es vergeht immer noch kaum ein Tag ohne Hodgsons Songs im Radio. Ende Juli ist er nun mit großer Bandbesetzung in der reizvollen Atmosphäre vom Schloss Kapfenburg Open Air zu sehen. Das Interview mit dem sympathischen Künstler wäre fast nicht zustande gekommen, weil es enorme Verzögerungen bei einem Flug in die Schweiz gab, für ein Gespräch mit dem XAVER gab es dann aber eine fast mitternächtliche Audienz. Trotz des turbulenten Tages und der nicht gerade geringen Zeitverschiebung, die ihm in den Knochen gesteckt haben dürfte, ist Hodgson in bester Laune; ein sehr freundlicher, aufgeweckter und in sich ruhender Gesprächspartner, der vor einer Antwort immer erst mal etwas nachdenkt.

XAVER: Herr Hodgson, Sie reisen sehr viel, sind dahingehend so einiges gewohnt, aber der heutige Tag dürfte auch für Sie etwas Besonderes gewesen sein. Sechs Stunden Verspätung - woran lag‘s denn?
Rodger Hodgson: Ja, in der Tat. Wir sind in Philadelphia gestartet. Dann begann das Flugzeug immer im Kreis zu fliegen, uns wurde aber nicht gesagt, was es für ein Problem gab. Es war aber wohl so, dass sich eines der Räder verklemmt hatte. Nach einer Stunde in der Luft sagte man uns dann, dass wir umkehren und wieder nach Philadelphia fliegen würden, man aber zuerst den ganzen Treibstoff verbrauchen müsste. So gab es also drei weitere Stunden Philadelphia-Rundflug, bevor wir wieder am Boden waren - wo uns eine Menge Feuerwehrautos erwarteten - und schließlich ein Ersatzflugzeug für uns gefunden wurde.
X: Sie sind mittlerweile über 40 Jahre im Musikgeschäft tätig, gab es einen Zeitpunkt in ihrer Jugend, an dem Sie sich gegen eine „normale“ Karriere und für die Musik entschieden haben?
RH: Ich hab nie über diese Unterscheidung „normale oder nicht normale“ Karriere nachgedacht. Es war eher so, dass sich mein Leben für immer verändert hat, als ich im Alter von 12 Jahren das erste Mal eine Gitarre in die Hand genommen habe. Da wusste ich, dass Musik das Einzige ist, was ich in meinem Leben wirklich machen wollte. Da hab ich mich zuhause und wohlgefühlt, da konnte ich meine Leidenschaft ausleben und ich selbst sein - und außerdem war es die perfekte Methode, um die Aufmerksamkeit von Mädels zu erregen! Musik war immer ein wunderbarer Freund für mich und über die Jahre wurde sie mehr und mehr ein wichtiger Teil meiner spirituellen Suche.
X: Die Entscheidung war also schon mit 12 gefallen…
RH: Ja, als sich meine Eltern scheiden ließen. Mein Vater hat mir schon von Kindesbeinen an immer Folk-Songs auf der Gitarre vorgespielt und -gesungen, ich durfte die Gitarre aber nie anfassen und dabei wollte ich das doch so gerne. Als sich meine Eltern getrennt haben und ich meinen Vater dann zehn Jahre lang nicht mehr gesehen habe, ließ er die Gitarre bei uns zurück und ich möchte einfach glauben, dass es eine Art Geschenk an mich war, um mir die Trennung zu erleichtern. Ich nahm die Gitarre also mit ins Internat und sie wurde mein bester Freund. Ein Lehrer zeigte mir drei Akkorde und wann immer sich mir die Gelegenheit bot, in der Pause usw., flitzte ich zu diesem Lehrer, um mehr zu lernen und auch sonst wie bewahnt zu üben. Und schon recht schnell fing ich an, eigene Songs zu schreiben. Nach nur einem Jahr hatte ich dann meinen ersten Auftritt an der Schule mit zehn eigenen Songs.
X: Und Ihre Mutter, hat sie diese Musikliebe unterstützt oder hätte sie sich eher eine konventionelle Berufslaufbahn gewünscht?
RH: Meine Mutter hat da immer an mich geglaubt und mich unterstützt. Und sie hat auch nie versucht, mich umzustimmen, um etwas anderes zu tun.
X: Sie haben selbst zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Von Andrew weiß ich, dass er auch Musik macht…
RH: Genau, er hat ja mit mir auch auf „Rites Of Passage“ gespielt. Er ist sehr talentiert, spielt Schlagzeug, Gitarre und Klavier und singt auch. Seine Musik unterscheidet sich aber sehr von meiner und ich bin sein größter Fan!
X: Und Ihre Tochter?
RH: Oh, die hat eine wundervolle Stimme. Sie ist Friseurin, gerade Mutter geworden und hat auch sonst so einiges gemacht in ihrem Leben - aber eben keine Musik.
X: Sie treten auf der ganzen Welt auf, wenn man sich Ihre Tourdaten der letzten Jahre aber so anschaut, könnte man meinen, dass Sie eine besondere Beziehung zu Deutschland haben, wie kommts?
RH: Ja, das stimmt, ich hab durch meine Songs eine sehr tiefe und starke Beziehung zu Deutschland. Künstler, die so viel von sich und ihrer Seele preisgeben - denn ich sehe meine Songs als Teile von meinem Selbst - berühren die Leute hier wohl auf eine besondere Art. Ich hab mich hier also immer sehr gut verstanden gefühlt. Das sagen mir auch Leute aus der ganzen Welt, aber hier in Deutschland ist da etwas Besonderes passiert. Vielleicht hab ich in diversen früheren Leben hier gelebt?
X: Vor wenigen Wochen haben Sie eine Show in Beirut im Libanon gespielt. Da treten nun bestimmt nicht jeden Tag Künstler von Weltformat auf, war es Ihnen besonders wichtig, dort zu spielen?
RH: Ich hab da ja schon mal gespielt und liebe die Einstellung der Leute im Libanon. Die haben so viel hinter sich und das ist auch bis heute noch lange nicht ausgestanden, wenn man durch die Stadt läuft, sieht man ja überall zerbombte Gebäude und Einschusslöcher. All das Leiden ist also sehr präsent in der Stadt. Aber trotzdem ist auch die Hoffnung dort sehr stark und das hat mich sehr berührt. Und es war auch eine große Überraschung für mich, dass es dort so viele Leute gibt, die meine Songs lieben. Und das mag wiederum damit zu tun haben, dass sich meine Songs eben auch mit diesen elementaren Themen beschäftigen und die Leute dort entsprechend berühren und ihnen helfen, sich nicht gar so allein mit ihrem Schicksal zu fühlen. Musik ist Futter für die Seele und ich hör so oft von Leuten, dass meine Songs sie durch harte Zeiten in ihrem Leben begleitet haben und das bedeutet mir viel. Das Ganze hat für mich definitiv nichts mit Geld zu tun, ich liebe einfach, was ich mache. Denn wir können weder unsere goldenen Schallplatten, noch unser Geld, noch unsere Häuser mit ins Jenseits nehmen…
X: Dann nehme ich mal an, dass die Motivation nach all den Jahren immer noch derart aktiv zu touren weniger im monetären Bereich liegt, sondern dass es Ihnen mehr darum geht, an besonderen Orten zu spielen?
RH: Ja, das ist wohl irgendwie meine Art etwas zurückzugeben. (Auf englisch zitierte er hier lachend einen seiner Hits, nämlich „Give A Little Bit“, Anmerk. d. Verf.). Das ist eben das, was ich machen kann; das wird die Welt nicht verändern, aber so kann ich wenigstens etwas Freude, Leichtigkeit und Hoffnung ins Leben der Leute bringen - das Leben ist für eine Menge Leute heutzutage ja hart genug.
X: Wie ist das denn bei Ihnen vor der Show, gibts da bestimmte Rituale?
RH: Ich versuche, wann immer das möglich ist, mir ein, zwei Stunden Zeit zu nehmen, um mich vorzubereiten. Das ist ähnlich wie Meditation, ich versuche einfach alles auszublenden, mich zu leeren von all dem, was sonst so in meinem Leben passiert, so dass ich dann, wenn ich auf die Bühne gehe, total präsent sein kann und ein Maximum an Spaß haben kann. Wenn ich diesen Zustand vor der Show erreiche, funktioniert meine Stimme auch unglaublich gut. Wenn ich in irgendeiner Weise gestresst auf die Bühne gehe und private Probleme dorthin mitnehme, dann hören das die Leute an meiner Stimme.
X: Können Sie unseren Lesern denn einen Tipp geben, wie man einen niederländischen Millionär findet, der einem den Karrierestart finanziert? (Laut diverser Quellen ist so die Gründung von Supertramp gelaufen, Anmerk. d. Verf.)
RH: (lacht) Ich denke das größte Problem dieser Tage ist, dass die ziemlich rar geworden sind. Und ich muss dazu sagen, dass die Geschichte gar nicht so märchenhaft war, wie sie klingt. Wir haben, wie wohl die meisten Bands auch, kämpfen müssen, aber wir hatten eben zu Anfang etwas Hilfe von einem Freund, der besagter Millionär war. Er hat uns eben Geld vorgestreckt, so dass wir uns Instrumente usw. kaufen konnten, um an den Start zu gehen. Er hat uns am Anfang auch gemanagt, aber er hatte leider keine Ahnung vom Geschäft und so hat da der Blinde den Lahmen geführt.
X: Bei James Bond hieß es ja „Sag niemals nie!“, ich hab gelesen, dass Sie Supertramp vor kurzem angeboten haben, ein paar Konzerte mit ihnen zu spielen, dass Sie aber seither keine Antwort bekommen haben…
RH: Das war ne komplizierte Sache. Ich wollte an sich gar nichts in die Richtung machen, aber ich dachte mir, dass das vielleicht die letzte Gelegenheit für die Fans sein könnte, Rick (Davis, neben Hodgson einer der beiden Gründer von Supertramp) und mich gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Es gab ne Menge Werbung für die Supertramp-Tour und eine Menge der Leute, die hingegangen sind, haben erwartet mich auch dort zu sehen. Also hab ich beschlossen, für das Wohl der Fans die Vergangenheit ruhen zu lassen und alles auszublenden, was war und Rick anzubieten, dass ich, wo immer es mir meine eigenen Termine möglich machen würden, mit ihnen aufzutreten. Leider hab ich mittlerweile Antwort, und es ist wohl so, dass das nicht gewünscht wird.
X: Wo wir gerade über Reunions reden, gibt es eine Band, die Sie als Fan gerne wieder zusammen auf der Bühne sehen würden?
RH: (überlegt und zögert lange) Nein, eigentlich nicht. Wissen Sie, ich lebe sehr im heute und jetzt und ich bin Fan von so vielen Bands, aber manchmal tun sich Bands auch wieder zusammen und schaden sich damit eher selbst, weil sie eben nicht mehr so fantastisch sind, wie sie es mal waren. Eine Band ist wie eine Ehe und manchmal ist es nach einer Scheidung eben einfach nicht mehr möglich, sich der guten Zeiten zu besinnen und diese wieder aufleben zu lassen
X: 1987 gab es einen großen Einschnitt in ihrem Leben, Sie haben sich bei einem Unfall in Ihrem Haus beide Handgelenke gebrochen.
RH: Ja, das Ganze war sehr dramatisch. Das erste, was mir die Ärzte damals sagten war, dass ich nie wieder Musik spielen würde. Und dann hat man mich für drei Monate eingegipst! Und ich konnte wirklich nicht abschätzen, ob die Ärzte Recht hatten. Ich stand also geschockt vor den Trümmern meines Lebens und damit musste ich erst mal zurechtkommen. Zunächst fiel ich also in eine große Depression, aber ich kann mich daran erinnern, dass ich etwa fünf, sechs Monate später morgens aufgewacht bin und beschlossen habe, mich nicht in dieses Schicksal zu ergeben. Ich hab also alles versucht, ich hab gebetet, ich hab mit großer Entschlossenheit trainiert, Physiotherapie usw., ich tat alles, um meine Hände und ihre Fähigkeiten wiederzubekommen. Und nach einem Jahr hatte ich es tatsächlich geschafft, heute funktioniert wieder alles einwandfrei.
X: Welchen Rat würden Sie denn einem jungen Künstler mit auf den Weg geben, was ist das Wichtigste, um Erfolg zu haben?
RH: Da würde ich ja gerne sehr viel dazu sagen. Zuallererst müsste man da aber mal „Erfolg“ definieren. Finanziell erfolgreich oder gar berühmt zu sein, hat für mich nichts mit Erfolg zu tun. Wenn man in der Lage ist, sich selbst treu zu sein und das auszudrücken, was man im Herzen hat, das ist das Allerwichtigste. Ich glaube tatsächlich, dass das Wort „art“ von „heart“ kommt! Wenn man also seinem Herz folgt und diese Leidenschaft in die eigene Musik legt, dann berührt man auch die Herzen der Leute!


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