Nieder mit der GbR / Gesichtswurst: Blumentopf

20 Jahre sind die Münchner Hip Hop-Kreativen Blumentopf jetzt schon dabei. Mit „Nieder mit der GbR“ veröffentlichten sie Ende September erneut ein enorm starkes Album und sind in diesem Monat quer durchs Land auf Tour und auch im XAVER-Land gleich mehrfach live präsent. Vor der Kür in Form der Liveshows kommt aber die Pflicht in Form einer Pressetour. XAVER traf vier Fünftel der Band nach einem Radiotermin in Stuttgart. Los ging‘s frühmorgens wohl in Saarbrücken, nach Stuttgart standen noch Etappen in Ulm, Augsburg und München auf dem Programm. Und weil die Zeit knapp war, verband man das Interview mit einem Mittagessen bei einem Italiener in der Stuttgarter Innenstadt. Sehr sympathisch allesamt, bodenständig und smart - wie die Musik eben. Es treten auf: DJ und Produzent Sepalot (S) und die Rapper Cajus (C), Roger (R) und Flo (F); der Fünfte im Bunde, Rapper Holunder aka. Kungschuh aka. Wunder fehlte wegen drohender Niederkunft seiner Lady. Falls in der babylonischen Sprachverwirrung am und um den Tisch herum also jemandem ein Zitat falsch in den Mund gelegt wurde, so geschah das nicht mit Absicht! Und jetzt Mahlzeit!

XAVER: Quasi als appetitanregende Maßnahme gab’s von Euch vor der Albumveröffentlichung dreizehn Blog-Clips von DER Agentur schlechthin. War es schwer bzw. teuer Creative Pictures zu überzeugen gerade Euch mit der Kamera zu begleiten?
Flo: Das war schwer. Wir haben hart mit Pete Goldmann verhandelt, denn die hatten Unmengen an Angeboten, von Lady Gaga bis... Er hat sich dann aber Gott sei Dank bereit erklärt noch ein einziges Mal so ein Underground-Projekt zu machen. Nicht nur das Label wollten die, sondern auch wir.

X: Ich hab das mehreren Leuten geschickt und es hat bei vielen echt lange gedauert, zu blicken, dass das Fake ist. Wurde das so aufgefasst, wie Ihr Euch das gewünscht habt?
Roger: Damit spielt das auch sehr gut. Wir mussten das dann auch gar nicht auflösen. Mit der Zeit wird dann schon klar beim Anschauen, dass das eine riesige Inszenierung ist mit lauter Leuten aus der Medienbranche, die sich auch gefreut haben, so was machen zu können, wo sie eben alles mal überzeichnen konnten, was sonst schon auch Realität ist. Und es gab viele Situationen, die wir in ähnlicher Art erlebt haben.
Sepalot: Es haben sich ständig Realität und Fiktion gemischt! Wir wussten manchmal gar nicht, ob das jetzt ein ernsthafter Vorschlag war oder die Kamera läuft und wir mitten in unserer DokuSoap sind.

X: War das so 'ne Schnapsidee, die ihr dem Label erst mal schmackhaft machen musstet?
F: Wir haben die Idee gehabt und unser Produkt-Manager war sofort begeistert; die einzigen, die es nicht so recht glauben konnten, waren Creative Pictures selbst!

X: Ja klar, als ob es die wirklich gäbe! (Lachen)
R: Ja, wie, Du hast doch die Facebookseite von denen gesehen!

X: Und die haben auch nen Kameramann, der Casper heißt, klar!
F: Nee, der heißt Bennie, und der bewirbt sich erst als Schnupperpraktikant!

X: „Nieder mit der GbR“ heißt das neue Album. Ihr seid ja nicht nur Künstler, Ihr müsst quasi mehr oder weniger notgedrungen auch Geschäftsmänner sein. Das nervt ab und an, oder?
S: Ganz genau. Gerade bei der letzten Platte haben wir gemerkt, dass da so viel an Themen, mit denen wir uns als Kreative an sich gar nicht beschäftigen wollen, auf uns zukam, dass wir beim nächsten Album einen Schutzwall um uns rum aufbauen wollten. So entstand dann der Schlachtruf, der es jetzt zum Albumtitel geschafft hat, quasi mit dem Untertitel „Es lebe die Musik!“

X: Und ich dachte der Untertitel wäre „Gesichtswurst“ gewesen? (Lachen und großes Hallo in der Runde)
F: Das war der inoffizielle, der zweite Untertitel! Aber wie Sepalot ja schon gesagt hat, Du bist ja auch wenn Du Dich in keiner Weise organisierst, automatisch 'ne GbR, da kann man gar nichts dagegen machen. Wenn man sich hier mit zwei Freunden hinsetzt und vielleicht auch etwas Geld macht, dann ist man eben 'ne GbR.
R: Wir sind also gerade 'ne Interview-GbR. Und beim letzten Album krachte das alles so krass über uns herein, weil wir haben vor dem „Wir“-Album das Label gewechselt, ein neues Management gesucht usw., und konnten diese Bürokratie-Sachen gar nicht so ignorieren, wie wir das gerne gewollt hätten.

X: Wenn man sich das Kleingedruckte auf CDs mal durchliest, scheint es generell zwei Wege zu geben. Manche Bands schreiben nur generell „alle Songs von Band XY“ und andere listen bei jedem Song ganz genau, wer was gemacht hat, vielleicht sogar noch so weit, wer welches Solo gespielt hat. Wie ist das bei Euch, teilt Ihr alles durch fünf, oder gibt’s da komplizierte Verteilungsschlüssel?
Cajus: Wir teilen durch fünf, ja.
R:
Wir machen das mit dem Aufdröseln als Information. Für mich als Fan ist es eben auch interessant, wer hat jetzt bei welchem Song den Beat gemacht, oder von wem ist der Text. Oft wäre es auch interessant zu wissen, wer jetzt welche Idee hatte! (Lachen) Und wenn wir mal jemanden als Gast haben, der uns 'ne Gitarre o.ä. einspielt, dann schreiben wir das natürlich auch hin.

X: Aber die prominenten Gäste auf dem neuen Album wie etwa die Sportfreunde Stiller wurden jetzt nicht mit einem Sticker werbewirksam aufs Cover geklebt.
F: Das Cover ist ja unser Hoheitsgebiet. Wir entscheiden wie das Cover aussieht, im Endeffekt, da schreibt also keiner irgendwas drauf, wenn wir nicht sagen, dass wir das wollen.
R: Ist ja nicht nur das Cover wo wir entscheiden, es ist das ganze Produkt, egal ob Mix, Videos, eben alles.

X: Kontrollfreaks?
R: Ne, nicht Kontrollfreaks, wir machen ja auch die meisten Sachen. Früher habe ich die Cover teilweise selbst gemacht - natürlich immer in Zusammenarbeit mit der Band. Das läuft bis heute ähnlich, bei den Videos ist der Schuh (Kungschuh aka. Holunder, Anmerk. d. Verf.) der Beauftragte. Beim Mix und Master ist der Sepalot zuständig, im Internet der Cajus; so hat jeder sein Gebiet, auch das Merchandise, alles geht durch unsere Hände! Und Köpfe! Ins Herz!
F: und Nerven!
S: Vor allen Dingen durch die Nerven!

X: Also alles sehr basisdemokratisch? (Zustimmendes Gemurmel)
S: Wir haben aber eben auch gelernt über die Jahre nicht aus jeder Mücke eine große Diskussion zu machen. Man lässt dann eben die Kompetenzen auch einfach mal da wo sie sind. Das mag jetzt fast zu sachlich klingen, aber das ist in so einer Fünferkonstellation auch wichtig und richtig, dass man jedem seinen Einfluss auch lässt.

X: Ihr seid seit 20 Jahren in der gleichen Besetzung aktiv und das ist definitiv beachtlich und eine Ausnahme. Wie habt Ihr es geschafft Euch immer wieder zusammenzuraufen?
F: Naja, trotz der eben angesprochenen Spezialisierungen in vielen Bereichen, gibt’s ja diesen einen großen Bereich, an dem wir alle Anteil haben, der uns verbindet, nämlich die Musik. OK, der Sepalot kümmert sich weitestgehend um die Beats und wir um die Texte.

X: Wenn man sich Euer Debüt heute mal anhört, findet man da all die Trademarks, die Euch auch heute auszeichnen. Dieses Geschichtenerzählen, auch mal ein Partytrack, ernste Sachen und dann auch immer wieder so nervige bzw. abseitige Themen wie Skaten, Computerspiele usw… Gab’s in den langen Jahren auch mal 'ne Zeit, wo jemand hinschmeißen wollte?
F: So was gibt es immer mal. Ich hab' letztens mit 'nem guten Freund in Berlin einen getrunken, und da ist uns eingefallen, dass jetzt ja unser siebtes Album rauskommt und ich schon bei „Gern geschehen“ gesagt hab, dass das unser letztes Album ist - und das ist drei Alben her! Ob’s noch ein nächstes Album geben wird, wissen wir selbst nicht. Wir nehmen uns das nicht so konkret vor. Wir machen das Album, gehen dann auf Tour und schauen dann mal. Wenn wir auf künstlerischer Ebene mal Bock auf was anderes haben, dann machen wir ja unsere Soloprojekte. Vielleicht haben wir diesen Punkt, wo es einem echt langt, auch deswegen nie erreicht. Für uns ist das in dieser Fünferkombination auch der absolute Traum. Warum sollten wir’s also bleiben lassen?

X: Mit „Wir“ ging’s nach langen Jahren bei Four Music zu einem neuen Label, es lag dann auch 'ne längere Pause zwischen dem Vorgänger und „Wir“; war das Album eine Art Neuanfang für Euch?
R: Klar, von Labelseite auf jeden Fall. Und als Band, also musikalisch, ist jedes neue Album irgendwie auch immer ein Neuanfang. Man baut zwar hier und da auf etwas auf, aber vieles geht man auch jedes Mal ganz neu an. Hinzu kam in der Phase eben auch das neue Management, es war also gleich mehrfach ein aufregender Neuanfang.

X: Und jetzt der Mehrwert für die Leser: Heute bekommen die nämlich alle viel Zeit geschenkt. Ihr nehmt Euch also tatsächlich nicht die Zeit USB-Sticks abzumelden, oder?
R: Ich nicht mehr!
F: Ich auch nicht!

X: Aber man hört doch so schlimme Sachen, so von wegen Datenverlust usw.!
F: Ja klar, Daten, die ich mir eben von meinem Laptop auf den Stick geholt hab, wo sollen die denn verloren gehen? Also die Zeit sparen und besser investieren!

X: „Musikmaschine“ wurde von allen produziert. Auf dem neuen Album sind bis auf zwei Beats von Roger alle von Eurem DJ Sepalot. Seid Ihr im Nachhinein mit den E-Gitarren von „Wir“ nicht mehr so glücklich, war das eine Phase bzw. ein Versuch, der jetzt vorbei ist?
S: Wenn man die letzten drei Alben mal so Revue passieren lässt, dann war „Musikmaschine“ auf jeden Fall das, wo wir als Band auf der Suche waren und ganz viel ausprobiert haben und wo wir getestet haben, wie weit es sich in welcher Richtung für uns gut anfühlt. Wir haben da sehr viel selbst eingespielt und auch im Team produziert. Das war enorm wichtig für die Band um mal auszuloten, wo wir zu Hause sind. War dann letztendlich vom Sound her auch etwas zerfahren, sehr abwechslungsreich. Danach haben wir dann „Wir“ gemacht, ein Album das ganz klar aus einem Guss ist und einen Sound mit einem roten Faden hat. Und das aktuelle Album trägt dann eben die Früchte aus den beiden Vorgängern.

X: Der Spider Murphy-Sänger hat bei einem Song mitgemacht, wo Ihr Euch überlegt, was aus deren Rosi denn wohl heute geworden ist. Ist das 'ne Band, die Teil Eurer Kindheit war?
F: Also ich denke die Spider Murphy Gang und ihr Song „Skandal im Sperrbezirk“ war wohl Teil eines jeden, der in den letzten Jahrzehnten in dem Land Musik gehört hat. Den Song hat jeder schon gehört und vielleicht auch das ein oder andere Bierchen getrunken. Die Idee zum Song war so ein spontaner Einfall und als er und die Texte standen, kam dann halt die Idee, den Günther Sigl dazu zu holen, weil das ja der Wahnsinn wäre. Wir hatten dann das Glück, dass er auch Lust drauf hatte und nach ein paar Anrufen haben wir uns dann zusammengesetzt und den Chorus ausgearbeitet. Wir hatten noch 'ne Menge andere Ideen in die Richtung, „Der Kommissar“ aus Wien wäre noch cool gewesen, oder „Fred vom Jupiter“…
R: Die Grundidee war eh, dass die sich alle irgendwo treffen und jeder erzählt, was ihm passiert ist.
F: Das wär dann aber irgendwie zu klamaukig geworden. Das hat gut für einen ganzen Song getragen, es sind ja auch ein paar Zeilen aus dem Originalsong drin. „In München steht ein Hofbräuhaus“ z.B., das mal in nem Raptrack zu sagen, das war mir ein Anliegen! (Lachen)

X: Ok, ist die Idee dann jetzt durch, oder kommt als nächstes ein Konzeptalbum rund ums Thema „Helden revisited“?
F: Ein Konzeptalbum vielleicht nicht, aber die Anfrage an Wiener Rapper, die wir gut kennen, wie’s denn dem Kommissar heute so geht; quasi als Antwort auf unsere „Rosi“.

X: Aus professionellen Gründen ist natürlich immer das aktuelle Album das beste Album. Das mal beiseite: Habt Ihr ein Lieblings-Blumentopf-Album?
S: Die Alben stehen natürlich für sehr unterschiedliche Zeiten und das ist gut so. Eine Zeit an die ich mich aber sehr gerne zurück erinnere, war, als wir alle zusammen in einem Haus gewohnt haben, im „Haushalt 2000“. Das Album, das zu dieser Zeit gehört, ist „Großes Kino“. Das war im Rückblick schon irre, da lief immer Musik, wir haben immer was gemacht, ich glaube es waren alleine acht Technics1210er im Haus und von manchen Maxis hatten wir dann tatsächlich auch acht Exemplare, weil jeder das natürlich selbst haben musste. Und auf dem Album gibt’s dann auch so Running-Gags, hör mal genau hin, wie oft da 'ne Tür quietscht; eben weil die Studiotür im Haus so gequietscht hat.
R: Ich glaub das sehen wir alle ähnlich, weil das die Zeit war, wo es so richtig los ging für uns. Wo wir Touren gespielt haben, die dann plötzlich voll waren. Da wurden wir vom Supportact zum Hauptact und viele Sachen sind da zum ersten Mal passiert.

X: Seit der WM 2006 macht Ihr für Das Erste nach den Spielen der Fußball-Nationalmannschaft eine so genannte „Raportage“. Wie sind die denn an Euch herangetreten?
C: Das war gar nicht so spektakulär. Ein Kumpel von uns saß damals in der Sportredaktion des WDR und hat uns ins Spiel gebracht. Vorher hat das Fernsehballet immer die Zusammenfassung gemacht und die wollten das Format so ein bisschen aufpeppen. Wir haben dann zusammen an dem Konzept gefeilt und uns auch schnell von 'nem Song zur WM im eigenen Land wegentwickelt und dieses „Raportage“-Ding geboren.

X: Und das war offensichtlich erfolgreich, mittlerweile seid Ihr bei vier Turnieren mit im Boot gewesen - auch 2014 wieder?
R: Das wissen wir noch nicht. Die ARD soll uns jetzt mal vor Ort dieses Rio de Janeiro zeigen, damit wir uns da optimal einstimmen können. Man muss da schon einen Eindruck bekommen, man muss ja vorher auch den Beat machen. Und dann schaun wir mal!


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