Leidenschaftlich unbequem: Konstantin Wecker

Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler und Autor listet Wikipedia über Konstantin Wecker auf, was aber natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Man sollte da unbedingt noch Querdenker, Gesellschaftskritiker und Politik- und Umweltaktivist anfügen. Wenn man dieser Tage Fotos von ihm sieht, mag man das Geburtsjahr 1947 kaum glauben, so gesund und agil, wie er aussieht. Seit über 50 Jahren bereichert er die deutsche Kulturlandschaft tatsächlich bereits mit seiner Kunst und legt schon immer mit Haltung Finger in gesellschaftliche Wunden (unter anderem die legendäre und zeitweise sogar per einstweiliger Verfügung verbotene „Die Anstalt“-Folge vom 29.04.2014, siehe YouTube). Seiner Musik hört man immer die Liebe zur klassischen Musik an, die ihm wohl sein Vater vermittelt hat, der Opernsänger war. Und so ist er seit letztem Jahr auch erstmals mit einem Sinfonieorchester unterwegs. Nach Aalen kommt er im März mit der intensiven Triobesetzung und beim sympathischen Telefonat mit XAVER vergeht die Zeit wie im Flug. Der Mann hat einfach viel zu sagen!

XAVER: Herr Wecker, Sie sind sehr viel unterwegs dieser Tage und das gleich mit zwei Programmen: „Utopia“ und „Weltenbrand“. Dazwischen gibt es auch noch zusätzliche Termine in Duo oder Trio-Besetzung. Fällt es Ihnen leicht, da jeweils umzuschalten?
Konstantin Wecker: Manchmal haben wir tatsächlich ein bisschen Ablauf-Probleme, das ist aber minimal und diese Abwechslung macht vor allem großen Spaß. Ich finde das ganz toll!
X: Ist das also gar nicht festgelegt, was Sie an so einem Konzertabend spielen werden?
KW: Na ja, im Prinzip schon. Aber wir ändern immer wieder auch gerne mal etwas – natürlich nicht bei den Orchesterkonzerten, da können wir nicht spontan andere Lieder bringen. Da müsste man dann ja erst mal entsprechende Partituren schreiben! (lacht)
X: Und wenn Sie dieser Tage eine Bühne betreten, dann bleiben Sie da auch richtig lange – ich habe von dreistündigen Shows (Schopfheim) gelesen. War das eine Ausnahme oder ist das Standard?
KW: Na, das ist schon Standard, zweieinhalb bis drei Stunden bin ich allabendlich seit circa 30 Jahren unterwegs, davor waren es auch mal vier bis fünf Stunden! (lacht)
X: Oh, haben Sie denn ein spezielles Fitnessprogramm? Das ist doch bestimmt auch eine körperliche Herausforderung.
KW: Nicht so groß … Stimmlich ja, aber körperlich? Ich tanze ja nicht auf der Bühne, ich sitze am Klavier oder stehe. Also, das Körperliche ist es nicht, aber es ist eine konzentrative und eine stimmliche Herausforderung. Man hat als Sänger immer Angst um die Stimme, aber bis jetzt läuft das alles sehr gut. Ich habe natürlich das Glück, dass mein Vater Opernsänger war und ich dadurch schon als Knabe ganz automatisch das richtige Atmen und Singen gelernt habe. Jetzt im Alter ist diese tiefe Gesangspraxis ein Segen.
X: So was gibt einem dann auch ein Stück Sicherheit.
KW: Genau. Und es schont die Stimme, selbst wenn man schreit. Wenn ich früher auf dem Oktoberfest war, war ich spätestens nach ein oder zwei Stunden völlig heiser, weil man da so laut reden muss. Beim Singen passiert mir das eigentlich nicht. Selbst wenn ich laut singe, singe ich richtig – nur beim laut reden mache ich es falsch!

X: Wie kam es zum „Weltenbrand“-Programm und auch der besonderen internationalen Besetzung des Ensembles?
KW: Zunächst einmal: Ich habe ja schon immer gerne mit Orchestern gearbeitet. Vor circa 15 Jahren habe ich schon mal eine Tournee und auch eine CD mit dem Bayerischen Rundfunkorchester gemacht. Ich habe ganz früh in den 80ern schon mit einem Kammerorchester eine große Tournee gemacht – was damals sehr mutig war, weil das der Beginn des Punks war. Die Leute kamen da also nicht wegen, sondern trotz meiner Musik! Und die Klassik, besonders Schubert, Mozart und Verdi, ist ja mein Hintergrund. Dann habe ich aber auch den Blues lieben gelernt und da besonders den Rhythm ’n’ Blues. Aber ich denke beim Komponieren auch meist orchestral. Deswegen habe ich mir in den letzten Jahren eben sehr gewünscht, noch mal so was auf die Beine zu stellen. Den Dirigenten Mark Mast kenne ich schon seit Jahren, habe mit ihm unter anderem eine „Carmina Bavariae“ in Anlehnung an die „Carmina Burana“ von Carl Orff gemacht. Und der Mark Mast hatte eben dieses spannende Orchester mit zwölf jungen Musikern aus neun Nationen und es ist eine unglaubliche Freude, mit denen zu spielen! Das fühlt sich auch kaum wie ein Orchester an, sondern viel mehr wie eine Band.
X: Diese Spielfreude und das gute Miteinander spürt man auch ganz deutlich, wenn man diesen Doppel-CD-Mitschnitt hört!

X. Recht überrascht hat mich, dass im „Weltenbrand“-Konzert gleich mehrfach überdeutlich eine E-Gitarre zu hören ist. Haben Sie selbst denn auch Künstler aus diesem Bereich, die Sie verehren oder deren Alben Sie vielleicht sogar im heimischen Plattenschrank stehen haben?
KW: Ich glaube, ich habe mit 18 Jahren zum ersten Mal Janis Joplin gehört und habe da dann eben entdeckt, dass es doch noch etwas anderes als Beethovens Violinkonzert und die Traviata gibt. Das hat mich schon umgehauen … auch Leute wie Joe Cocker oder Jimi Hendrix.

X: Ha, Joe Cocker. Der hat mir in einem Telefoninterview mal erzählt, dass er leidenschaftlich Tomaten züchtet. Haben Sie auch ein überraschendes Hobby?
KW: Nein. Hobbys habe ich keine, aber ich bin gerne und lebe ja auch immer ein paar Monate in Italien. Und da bauen wir auch so einiges selbst an, unter anderem Tomaten. Die sind ja auch recht pflegeleicht, da muss man nicht viel machen und die sprießen unendlich.

X: Reine Lesungstermine aus Ihren Büchern habe ich jetzt in den nächsten Monaten nicht entdeckt – mit Ihren Büchern sind Sie also zurzeit nicht unterwegs?
KW: Doch, doch. Ich mache zwischen den Konzerten immer wieder auch Lesungen. Wir sammeln da gerade die ganzen Anfragen und bauen die dann später zwischen die Konzerttermine ein. Ich mache das sehr, sehr gerne, weil das oft sehr intim ist, die Leute sehr nah an einem dran sind und auch sehr viel von einem mitbekommen.
X: Vor der Recherche zu diesem Interview wusste ich zum Beispiel auch nicht, dass Sie sich als junger Mann mal als Softporno-Darsteller verdingt haben!
KW: (lacht) Stimmt, das steht ja auch im Buch … Aber da war ich ja nicht allein damit. Heiner Lauterbach und so einige andere haben das auch gemacht.

X: Sie haben an die 50 Bühnenjahre vorzuweisen und wie bereits angesprochen ganz viele verschiedene Sachen gemacht. Eine Person ist über die Jahre aber eine Art Konstante und begleitet Sie schon sehr lange: Jo Barnikel. Warum funktioniert das so gut mit Ihnen beiden?
KW: Diese Konstante ist nicht nur schon lange an meiner Seite, sondern sitzt auch gerade im Auto hinter mir… (lacht) Das Besondere ist, dass Jo meine Poesie musikalisch einfach auf eine enorm feinfühlige Art umsetzt. Er ist ein großartiger Pianist und ich kenne keinen, der in so vielen Spielarten so zu Hause ist. Wie ich kommt auch er ursprünglich von der Klassik, was mir sehr hilft, und er hat einfach ein ganz großes Gespür für Harmonien und Melodiebögen.

X: Sie haben selbst schon in ganz jungen Jahren angefangen, Instrumente zu erlernen. Konnten Sie diese Ausdrucksform an Ihre Kinder weiterreichen? Sind das auch Musiker/Künstler geworden?
KW: Nein! Die spielen gern Klavier und machen das auch gut, haben aber andere Interessen. Und das ist, obwohl sie natürlich alle Möglichkeiten in die Richtung gehabt hätten, auch ganz gut so. Ich wollte kein Vater sein, der seine Kinder zwingt, ein Instrument zu lernen.

X: Sie sind auch bei Facebook aktiv. Betreuen Sie die Seite komplett selbst oder steht da ein Mitarbeiterteam dahinter?
KW: Ich schreibe alles selbst, betreue es aber nicht selbst. Das heißt der Inhalt kommt von mir, diese nötigen Admin-Aufgaben, wie Hass-Kommentare löschen und so weiter übernimmt dann aber jemand für mich. Und ich mag Facebook eigentlich auch, weil man eben auch mal einen längeren Text schreiben kann. Twittern mit dieser extremen Limitierung ist nicht so mein Ding.

X: Auf dem bereits erwähnten „Weltenbrand“-Album ist ziemlich zu Anfang ein politisch-gesellschaftskritischer Text von Ihnen zu hören, der wohl schon über 40 Jahre alt ist, aber klingt, als wäre er passgenau auf die momentane Lage im Land geschrieben. Frustriert so was nicht auch manchmal, dass Sie schon seit Jahrzehnten gegen diese Populisten von rechts wettern und ansingen und diese aktuell doch wieder massig an Boden gewinnen?
KW: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen konnte, dass es heute wieder so aussehen würde. Nie und nimmer hätte ich mir das vorstellen können! Was sich da innerhalb kurzer Zeit – nicht nur in Deutschland – gewandelt hat, ist brandgefährlich. Und dabei hat Deutschland, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Erde, seine braune Vergangenheit ja konsequent aufgearbeitet. Das ist auch mit ein Verdienst dieser 68-Generation, die diese Chance für die Demokratie eben ergriffen hat. Dass das jetzt wieder ins Wanken gerät, bringt mich zur Frage, was wir da falsch gemacht haben? Haben wir einen Denkfehler gemacht und die Demokratie einfach zu selbstverständlich genommen? Meine Mutter war sogar kurz vor ihrem Tod noch auf Demonstrationen, damals gegen die NPD. Ich habe den Antifaschismus von meinen Eltern also vorgelebt bekommen. Und meine Mutter sagte schon „Neonazis sind doch noch viel dümmer als die Nazis damals, denn die Neonazis müssten doch alle wissen, wie das damals ausgegangen ist!“ Und es ist mir so unbegreiflich, dass man sich, bei all dem Grauen und dem Elend, das damals passiert ist, dieses krude und unmenschliche Gedankengut heute wieder aneignen kann!

X: Das von den Eltern geerbte Aufstehen gegen Ungerechtigkeit haben sie also offensichtlich verinnerlicht. Erst vor Kurzem haben Sie wieder öffentlich Stellung bezogen und das öffentliche Gelöbnis von Bundeswehrsoldaten in München angeprangert. Uniformen sind wohl nicht Ihr Ding?
KW: Überhaupt nicht. Ich singe ja auch in einem Lied für meine Kinder, dass sie nie eine Uniform tragen sollen. Wenn ich mit Kindern und Jugendlichen spreche, sage ich ihnen auch immer, dass sie ungehorsam sein sollen. Das ist so wichtig! Hannah Arendt hat das mal so wunderbar ausgedrückt: „Bedingungsloser Gehorsam ist die größte Gefahr. Er macht uns zu Opfern und Tätern zugleich!“ Zu Opfern, weil wir eben brav folgen, wenn jemand befiehlt, und zu Tätern, weil einem dann auch befohlen wird, Täter zu sein. Zu einem wirklichen neuen Bewusstsein kann es nur kommen, wenn wir das alles auf den Müll schmeißen … diesen Gedanken, dass es Führer gibt, dass es Herrscher gibt, dass es Herrschaft gibt. Ich singe von einer herrschaftsfreien Welt, an die ich weiterhin glaube. Eine Welt, die wirklich gleichberechtigt ist zwischen Mann und Frau. Das ist meine Utopie. Und wir sind noch nicht annähernd angekommen. Diese weltweiten Bewegungen wie Fridays for Future und so weiter sind meist von Mädchen und Frauen initiiert und das ist großartig!
X: Man kann nur hoffen, dass diese Bewegungen dranbleiben, weiterwachsen und gehört werden.
KW: Das wird passieren und die hören nicht auf. Ich bin da optimistisch!

X: Sie beziehen schon immer leidenschaftlich politisch Stellung, einer Partei haben Sie sich aber nie angeschlossen – warum?
KW: Das ist einfach nicht meine Welt. Um da etwas umzusetzen, muss man sich durchsetzen und das ist einfach nicht meine Welt. Außerdem bin ich vom Herzen her schon immer ein Anarcho gewesen und solche Leute passen eben in keine Partei. (lacht)


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