Lady Angst bittet zum Tanz: Von Brücken

Nicholas Müller ist entspannt, und das ist alles andere als selbstverständlich. Kurz vor der Veröffentlichung des Debütalbums seiner neuen Band Von Brücken (Review weiter hinten in dieser Ausgabe) hat er massig Termine. Gerade kommt er vom fünften Radiointerview des Tages und nimmt sich auf dem Weg von Halle zum nächsten Termin in Potsdam Zeit für ein ausführliches Gespräch mit dem XAVER. Er ist gut gelaunt, gönnt sich eine Zigarette und freut sich auf die Zukunft. Auch das ist nicht selbstverständlich. Beim Namen Nicholas Müller klingelt es noch nicht bei jedem, wenn man erwähnt, dass er der ehemalige Sänger von Jupiter Jones ist, steigt die Quote, und wenn man dann noch kurz deren Überhit „Still“ anstimmt, nähert sich die Quote den 100 Prozent. Im Mai 2014 ist Nicholas bei Jupiter Jones ausgestiegen, weil er unter extremen Angststörungen litt, fertig war und einfach nicht mehr konnte. Jetzt kann er wieder, und das ist gut so!

XAVER: Ich habe mich ganz besonders über das Von Brücken-Album gefreut. Eben weil du wieder da bist und es dir gut geht. Du musstest dich, für die allermeisten recht überraschend, von Jupiter Jones trennen.

Nicolas Müller: Stimmt, für die allermeisten war das überraschend. Ein paar wussten, dass diese Angstgeschichte schon lange in mir gebrannt hat.

X: Ich finde es auch gut und wichtig, dass du da jetzt so offen drüber sprichst, denn das machen ja nicht viele, psychische Erkrankungen sind doch eher ein Tabuthema. Wie war das bei dir? Hat dich die Angst schon seit Kindesbeinen begleitet, oder war das eine Begleiterscheinung des großen Erfolgs und des damit vielleicht auch verbundenen Drucks?

NM: Seit Kindesbeinen nicht, aber doch schon ziemlich lange, mein zehntes Jahr war gerade angebrochen. Verstärkt hatte ich das, ab 24 - und das kam so richtig hart mit dem Tod meiner Mutter. Ich habe innerhalb kurzer Zeit sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter an Krebs verloren. Das waren die beiden, die mich erzogen haben. Meine Großmutter vormittags und meine Mutter dann ab mittags, wenn sie von der Arbeit zurückkam. Mein Vater arbeitete ganztags und ich habe da meine wichtigsten Bezugspersonen verloren. Und so was ist dann eben ganz häufig so ein Trigger für eine Angststörung. Anfangs war das ein Marsch durch die Instanzen, denn es wurde natürlich zuerst nach körperlichen Ursachen gesucht. Irgendwann meinte aber meine findige Hausärztin - ich bin in einem 700-Einwohner-Dorf aufgewachsen - dass sie sich sicher sei, dass das eine Angststörung ist. Somit hatte ich meine Diagnose und mit der ging die Reise dann weiter … es hat sich alles in die Länge gezogen. Wegen zu viel Druck in einer erfolgreichen Band, hat das meines Ermessens nach überhaupt nichts zu tun. Weil das ist eh eine Krankheit, die jeden treffen kann, in jeder Altersgruppe, in jedem Beruf und in jedem sozialen Stand! Man meldet sich, wie ich finde, so ein kleines bisschen freiwillig, wenn man sich als Texter ständig mit dem eigenen Leben auseinandersetzt und reflektiert. Der Grund ist eindeutig bei mir zu suchen, weil ich mir immer gesagt habe, ich muss ja, ich werde weitermachen und ich muss dringend weitermachen. Ich habe mich da auch immer mehr selber zum Leistungsträger gemacht und dabei, so doof das klingt, die persönliche Seite von mir außer Acht gelassen. Ich war halt der Frontmann, der Texter, der Typ, der die Interviews gegeben hat und ich wollte all das auch auf Gedeih und Verderb sein und durchziehen. Dabei habe ich dann irgendwie die Sorgfaltspflicht für mich selbst verloren. Und um die Geschichte jetzt zu Ende zu erzählen: Das gipfelte dann darin, dass meine Therapeutin, eine ganz hervorragende und toughe Frau, die auch so schnell nix schrecken kann, irgendwann zu mir meinte: „Herr Müller, Sie sind an einem Punkt angekommen, wo ich sagen muss, entweder hören Sie auf und machen eine Pause, oder ich therapiere Sie nicht weiter, weil ich das als Therapeut nicht mehr verantworten kann, was Sie da machen!“ Da habe ich dann echt Schiss bekommen. Es musste also eine Pause her. Ich konnte die aber nicht datieren und so musste der Ausstieg bei Jupiter Jones erfolgen. Man kann sich bei einer erfolgreichen Band nicht einfach mal eineinhalb Jahre freinehmen, das bedeutet nämlich das Ende der Band - und das wollte ich nicht verantworten müssen!

X: Waren deine Bandkollegen denn von Anfang an über deine Probleme im Bilde? Oder war das für die auch eine derbe Überraschung?

NM: Klar, die wussten das und die wussten auch, dass ich da drunter gelitten habe. Mir wurden auch viele Extrawürste gebraten, weil ich manche Sachen einfach nicht in dem Umfang durchziehen konnte, wie das den Jungs möglich war. Und nun sind wir wieder da, worauf du michd vorhin angesprochen hast: Es ist wichtig darüber zu sprechen, denn machen wir uns nichts vor, das ist die häufigste psychische Erkrankung der Welt. Und es ist besonders wichtig über dieses abstrakte Thema mit den Leuten zu sprechen, die nah an einem dran sind. Denn ein normales, soziales Leben ist eh kaum möglich. Ich hatte Zeiten, da konnte ich nicht mal in den Supermarkt gehen, weil ich so große Angst hatte. Und den engsten Menschen kann man das auch kaum verheimlichen. Ich glaube, meine Frau war in den härtesten Zeiten kurz davor einen Exorzisten zu rufen, weil ich vor lauter Angst fast rückwärts die Decke hochgekrabbelt bin! Die Band hat mir also ein Maximum an Freiraum geschaffen, um wieder gesund zu werden. Aber ab einem gewissen Punkt ging es dann ebeneinfach nicht mehr.

X: Ihr habt euch mit Jupiter Jones von ganz unten nach ganz oben geschafft, und ich vermute mal, dass sowas nur geht, wenn da eine Freundschaft dahintersteckt. Ich hoffe, diese Freundschaft ist nicht zerbrochen! Hast du heute noch, oder wieder, Kontakt zu deinen Jupiter Jones-Kollegen?

NM: Wir haben grad keinen regelmäßigen Kontakt, aber auch das hat einen guten Grund, wie ich finde. So eine Band ist wie eine Beziehung. Wir haben so viel Zeit gemeinsam verbracht, in den ersten Jahren in denselben Zimmern, oft sogar im selben Bett übernachtet und uns alles voneinander erzählt. Wenn so eine Beziehung dann nach 12 Jahren auseinander geht - und sei es auch aus Gründen, die man selbst nicht beeinflussen kann - dann ist es das Beste, wenn man sich gegenseitig ein bisschen Ruhe gönnt. Und diese Ruhe und die Zeit gönnen wir uns, um eben auch einen Frieden zu bewahren. Jupiter Jones machen weiter, ich mache Von Brücken und ja … bestimmt laufen wir uns irgendwann bei einem Festival mal übern Weg und dann … trinken wir ein Bier zusammen!

X: Im Mai 2014 hast du deinen Ausstieg bekannt gegeben, jetzt bist du mit Von Brücken zurück auf der Bühne. War das neue Projekt von Anfang an Teil der Therapie, denn ich vermute mal, dass du die Musik in deinem Leben ja auch nicht von heute auf morgen einfach so abstellen konntest?

NM: (lacht) Also Musik abstellen ging tatsächlich überhaupt nicht. Aber ich habe keine großartigen Pläne gefasst. Obwohl … ich habe mir ungefähr Plan B bis I zurecht gelegt, weil ich da kurz davor stand, Vater zu werden. Und das war schon wieder so ein Gefühlsdebakel, weil ich ja irgendwie auch keinen Job mehr hatte. Es gab nach einer ca. sechsmonatigen Zeit der Genesung viele Pläne und Aktionen, die meisten hatten mit Musik zu tun. Ich habe ein Buch geschrieben, angefangen Texte für andere Künstler zu schreiben und bin Dozent gewesen - einfach, um etwas auf der hohen Kante zu haben. Es hat sich dann aber schon schnell gezeigt, dass ich wieder aktiv werden wollte und auf die Bühne gehöre. Und da kam dann auch recht schnell der Tobi ins Spiel, meine neue musikalische bessere Hälfte, die anderen 50 Prozent von Von Brücken. Es ging zu Anfang nur darum, zusammen Musik zu machen, bewusst, ohne vorher zu wissen, wo wir das wie und wann veröffentlichen. Tobi und ich sind seit ewig und drei Tagen gute Freunde und dann bei anderen guten Freunden untergekommen, nämlich auf dem M.A.R.S. von Thomas D. Und wir haben am ersten Abend dort „Gold gegen Blei“ geschrieben. Ich habe es dann direkt eingesungen, kam aus der Gesangkabine und hatte mit Pipi in den Augen gesagt: „Das hier ist es, lasst uns das bitte weitermachen!“ Ganz ohne Stress sind dann die Songs entstanden und irgendwann haben wir die Platte aufgenommen. Und am Ende war das alles auch der finale Schritt in Richtung Heilung, denn da hat Von Brücken echt einen großen Beitrag geleistet. So, dass ich jetzt sagen kann, ich bin gesund, es ist in Ordnung.

X: Der Albumtitel „weit weg von fertig“ ist dann wohl auch so eine Art Kampfansage, dass du eben nicht fertig, sondernwieder da bist, oder?

NM: Der Albumtitel ist an sich durch einen Zufall entstanden. Ein Freund war im Studio und hat sich den Produktionsplan angesehen und gesagt: „Ach, das ist ja schon ganz ordentlich, da habt ihr ja schon ganz schön was geleistet!“ Und Tobi schaute dann ebenfalls drauf und meinte: „Naja, das ist aber noch weit weg von fertig!“ Worauf der Gitarrist aus dem Off rief „Spitzen Albumtitel!“ und dann direkt der Bassist aus dem Off meinte: „Und die Tour nennen wir fertig von weit weg!“ Uns ist erst später am Abend bewusst geworden, in wie viele Richtungen der Albumtitel stimmt und Sinn macht. Wir sind eben musikalisch noch lang nicht fertig, auch wenn das Album fertig ist. Wir schreiben schon wieder an neuen Songs und sowohl in den Köpfen als auch den Seelen sind wir noch lange nicht fertig. Da sind massig Energie, Kraft und Bock und das ist ein Titel, der auf sehr vielen Ebenen super funktioniert.

X: Tobi Schmitz ist ja ein langjähriger Freund, mit dem du wohl auch mal nächtens in eine Schule eingebrochen bist, um eine Peter Gabriel-Coverversion aufzunehmen.Die ganze Geschichte, bitte!

NM: (lacht) Na, so richtig eingebrochen sind wir da nicht. Der Tobi hat lange Zeit Klavierunterricht gegeben und hatte für die besagte Schule in seinem Heimatort auch einen Schlüssel. Wenn der Hausmeister in dieser Nacht vorbeigekommen wäre, wäre der aber wohl nicht begeistert gewesen. Ich hatte mir, wie Tobi auch, kurz vorher einen Tinnitus eingefangen, wir konnten also beide eh nicht schlafen. Ich war bei meinem Vater in der Eifel zu Besuch und habe Tobi angerufen und gesagt: „Tobi, wenn du heute Nacht nichts vorhast, dann lass uns doch bitte irgendwo hingehen, wo ein Klavier steht und ein bisschen Musik machen“.

X: Ich weiß nicht, mit wie viel Anteil du selbst damals bei der Namensgebung von Jupiter Jones beteiligt warst, aber wie steht es heute mit den drei ??? bei dir? Hörst du dir die aktuellen Hörspiele noch an?

NM: Ja, klar, auf jeden Fall. Als wir damals mit Jupiter Jones bei Four Music unterschrieben haben, bekamen wir alle Folgen, die bis zum damaligen Zeitpunkt erschienen waren, auf CD geschenkt und ich habe diese Sammlung weiter geführt. Ich hatte mittlerweile auch schon mehrfach die Ehre, die drei Sprecher zu treffen. Bei einer Folge waren wir dann sogar mit Jupiter Jones als Sprecher dabei, das war natürlich der totale Ritterschlag. Ich bin nach wie vor riesiger drei ???-Fan.

X: Bei mir flammt die Liebe auch aktuell wieder auf, weil mein neunjähriger Sohn die Hörspiele grade für sich entdeckt. Hast du eine Lieblingsfolge?

NM: (überlegt) Nee, aber ich kann dir meine absolute NICHT-Lieblingsfolge sagen, das ist „Insektenstachel“. Die nervt so hart mit diesem permanenten psychedelischen Gesumme irgendwelcher Killerbienen im Hintergrund. Ich bin auch einer von der Sorte - und das ist ja schon fast ein Sakrileg - der die neuen Folgen lieber als die alten mag.


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