Kein Nachwuchstrainer, sondern Vollprofi: DJ Bobo

Über all die Jahre und vielen Interviews war das Gespräch mit Peter René Baumann, besser bekannt unter seinem Künstlernamen DJ Bobo, eines der angenehmsten und unkompliziertesten. Völlig locker und unaffektiert treffen wir uns am frühen Abend in der Lobby eines Stuttgarter Hotels zum entspannten Plausch. Obwohl bei weitem nicht das erste Gespräch des Tages, ist er fröhlich, entspannt, sehr präsent und smart. Man merkt, dass er selbst nach über 20 Jahren Karriere noch total für seine Arbeit brennt. Stuttgart war aber wohl auch immer gut zu ihm. Er spielt im Mai gleich zwei Konzerte an einem Tag in unserer Landeshauptstadt.

XAVER: „Circus“ heißt die Tour, mit der Du gerade unterwegs bist. Hast Du denn selbst Kindheitserinnerungen an Zirkus?
DJ Bobo: Ja, natürlich. Elefanten sind mit meine ersten Kindheitserinnerungen. Aber ich gehöre auch zur Cirque du Soleil-verseuchten Generation. Die haben mittlerweile auch schon über 20 Jahre auf dem Buckel. Und als die kamen, war das schon so ein bisschen eine Revolution. Stark Artistik-betont und mit viel Poesie, verrückten Kostümen und riesiger Showproduktion. Und in der Show-Stadt schlechthin, in Las Vegas, gibt es 20 relevante Shows; zehn davon sind von Cirque du Soleil. Und alle sind qualitativ extrem hochwertig. Das ist also eher so meine Inspiration.

X: Ich hab da mal was im Fernsehen gesehen. Das war in der Tat sehr beeindruckend; touren die auch mit diesen Shows?
DJB: Immer wieder mal. Aber in den teilweise extra dafür gebauten Theatern ist das viel imposanter und stärker. Eine Show ist z.B. nur mit Wasser, bei einer anderen gibt es nie eine gerade, also waagrechte Bühne…

X: Man kennt Dich seit Jahren als erfolgreichen Sänger, Rapper, Tänzer und Komponist. Als ob das nicht schon genug wäre, konzipierst Du auch noch Deine eigenen Shows, planst also die Bühnen, das Licht, die Effekte. Wann hat das bei Dir angefangen, dass Dich auch das Drumherum, das was hinter einer Show steckt, interessiert hat?
DJB: Das war schon immer so. Das Inszenieren ist für mich genauso spannend, wie auf der Bühne zu stehen. Und ich bin auch genauso angespannt, wenn ich für jemand anderen etwas gemacht habe. Egal ob ich dann auf die Bühne muss, oder nicht. Das hat für mich den gleichen Reiz.

X: Du hast das eben schon angesprochen: Du konzipierst auch noch die Show für Andrea Berg. Auch noch für andere Künstler?
DJB: Nein, und zwar ganz bewusst. Weil es einfach nicht viele Künstler gibt, die auf dem Level wie wir arbeiten können. Da gibt es vielleicht eine Handvoll. Und wenn dann so jemand kommt - und Andrea hat mich da sehr gefordert - dann nimmt man das gerne an. Aber ich hätte jetzt wohl nicht die Geduld einen neuen Künstler von Grund auf aufzubauen. Ich bin einfach kein Nachwuchstrainer. Im Sport hat man ja auch Leute, die gut mit einem etablierten Team arbeiten können, aber vielleicht nicht so gut mit einem unerfahrenen. Ich bin auch eher jemand, der ein professionelles Team braucht, um dieses dann noch einen Schritt weiter aufs nächste Level zu bringen. Die müssen aber eben alle ihre Hausaufgaben schon hundert Mal gemacht haben. Wenn ich auf die Basics zurück muss, wird’s schwierig.

X: In dem Making-of Clip zur aktuellen Show fand ich es sehr beeindruckend, wie Du über Dein Team gesprochen hast. Dass Du auf die gesunde Mischung aus jahrelang routinierten und verlässlichen Partnern und einem gesunden Maß an frischem Blut achtest und Dich um alle kümmerst…
DJB: Das ist so ein Bauchgefühl-Ding, da achte ich sehr drauf. Diese Wohlfühl-Gesellschaft, wo sich alle kennen und man sich auf Erreichtem ausruht, das ist gefährlich. Da lullt man sich gegenseitig ein, es ist so kuschlig warm - und es geht nicht mehr voran! Wenn man aber zu viel Frische drin hat, dann gibt’s schnell ein Riesenchaos. Die Balance ist wichtig. Man braucht auch immer wieder Leute, die einen aus der Bequemlichkeit rausholen, die besser sind als man selbst.

X: Wow, da ist also nach 20 Jahren Show-Karriere immer noch der Wille da, einen draufzulegen und besser zu werden?
DJB: Ja, unbedingt. Einfach weil ich mich sonst langweile mit mir selbst. Meine größte Angst ist es auch nicht, dass ich den Leuten nicht gefalle, sondern dass ich mich langweile. Man will ja weiterkommen!

X: Wie viel Leute hast Du mit im Team?
DJB: 22 Leute sind es auf der Bühne und dahinter noch etwa 100 weitere.

X: Über ein Jahr Vorbereitung steckt in der Show. Gab’s da auch mal Phasen, wo Du Dir gesagt hast, nee, war vielleicht doch ein bisschen viel, was wir uns da vorgenommen haben?
DJB: So was gibt’s dauernd. Gerade der Bühnenbau ist oft sehr frustrierend. Wenn man versucht, das was man sich auf dem Papier ausgedacht hat umzusetzen, scheitert man immer wieder. Das ist, als ob man ein Haus baut. Da muss man auch immer Kompromisse machen, das Haus seiner Träume kann man nicht bauen. Wir setzen bei der Show Videomapping ein und haben uns da ein riesiges Ei gelegt, weil wir wieder mal die Ersten sind, die das machen. Man projiziert mit Videotechnik Bilder aus Licht und sobald da konventionelles Licht dazu kommt, ist das ganze Bild kaputt.

X: Ihr projiziert also auf eine Leinwand…
DJB: Nein, wir projizieren auf ein dreidimensionales Gesicht eines Clowns, das aber weiß ist. Der Clown ist in 3D gebaut. Der hat Schultern, Arme und einen Kopf. Und sein Wesen, das wird mit drei Beamern aus drei Richtungen da drauf projiziert. Und allein schon das scharf zu bekommen ist eine Herausforderung. Und in ein paar Jahren lachen wir - und alle, die das dann nutzen - über unsere Probleme, weil die Kinderkrankheiten dann hinter uns liegen! Und das ist dann so ein Punkt, wo man überlegt, ob man nicht einfach abbricht und einen anderen Ansatz verfolgt. Wir haben bis kurz vor den Proben noch überlegt, ob wir den Clown nicht lieber bemalen sollen…

X: Gibt’s denn dann auch mal den Moment, wo Du Dich zwingst das Arbeiten einzustellen? Wenn man sich um fast jeden Aspekt der Show kümmert, ufert das doch bestimmt schnell aus und das Privatleben leidet?
DJB: Das fließt alles, aber sobald die Kinder im Raum sind, haben sie die Priorität. Dann ist alles andere unwichtig.

X: Wo Du die Kinder ansprichst: Sind die viel mit dabei auf Tour und in der Planungsphase?
DJB: Jetzt nicht mehr ganz so häufig, denn mittlerweile sind sie ja schulpflichtig. Aber davor waren sie immer dabei.

X: Zumindest Dein Sohn ist jetzt schon in nem Alter, wo er selbst Musik hört, und sich damit vielleicht auch ein bisschen von den Eltern abgrenzt. Gab es schon Momente, in denen Du dem Junior den Kopfhörer gereicht hast, weil es Dir unerträglich war?
DJB: Nein. Er interessiert sich noch hauptsächlich für Kinderhörspiele wie Die drei ???. Musik ist jetzt noch nicht so sein Ding, er wird demnächst zwölf und interessiert sich mehr für Sport. Die Tochter ist erst sieben, die fängt aber so langsam an mit Musik.

X: In Stuttgart gibt’s im Mai sogar gleich zwei Shows, die erste um 16 Uhr und die zweite dann um 20 Uhr. Arbeitest Du da mit Doubles?
DJB: (lacht) Nee, aber danach hab ich dann drei Tage frei, und die brauch ich dann auch. Das macht man nicht oft. Ist auch eine ordentliche Belastung fürs Team und auch ein Wettlauf gegen die Zeit, denn 16 Uhr ist schon früh. Aber das ist zum Glück nicht ganz am Anfang der Tour, da haben wir dann nach elf vorherigen Shows schon viel Erfahrung und haben es von Frankfurt am Vortag auch nicht ganz so weit.

X: War das schon in der Planungsphase der Tour so vorgesehen? Also vielleicht die frühere Show für jüngeres Publikum?
DJB: Das war schon lange so geplant, hat aber weniger mit der Altersfrage zu tun. Es geht eher um die Nachfrage.

X: Ach, dann hast Du in Stuttgart traditionell gute Gefolgschaft?
DJB: Ja, genau, das hast Du sehr gut ausgedrückt „traditionell gute Gefolgschaft“! Der Süden war von Anfang an gut zu uns. Mittlerweile sind die Unterschiede lang nicht mehr so groß, aber damals konnten wir z.B. nicht in Bremen spielen.

X: Die Tour geht dann bis Ende Mai und…
DJB: ...vor der WM muss man fertig sein!

X: Genau. Im Sommer ist dann Fußball-WM in Brasilien. Fliegst Du hin und schaust Dir ein paar Spiele vor Ort an?
DJB: Nee, aber man muss trotzdem vorher fertig sein. Bei der letzten Tour hatten wir EM. Und bei unserer Show in der Kölner Lanxess Arena, die größte Show der Tour, war das erste Spiel der Deutschen Nationalmannschaft. Da mussten wir unseren Auftritt direkt verschieben. Das ist, also ob da die Zeit still steht - da geht nix mehr!

X: Ich weiß ja, dass Du Fußball-Fan bist und deswegen die Frage: Wer wird Weltmeister?
DJB: Ich trau mir auch echt einen Tipp zu. Die letzten beiden Male hab ich Spanien richtig voraus gesagt - nicht so die Heldentat, ich weiß. Aber diesmal bin ich mir sicher: Deutschland macht das Rennen!

X: 2011 hast Du in Engelberg Dein 1000. Konzert gegeben - eine Marke, die nicht viele Künstler erreichen. Kannst Du Dich an Dein erstes erinnern?
DJB: Nee. Das war auch so ein fließender Prozess. Erst hab ich ja nur aufgelegt, dann auch hier und da nen Song gesungen, dann waren auch zwei Tänzer mit dabei usw. - ab wann zählt das als erste Show? Das ist wie mit veröffentlichten Platten, was zählst Du dazu? Zählen Best-of-Alben? Remixe? usw. Aber ich kann mich an meinen ersten Fernsehauftritt erinnern, das war bei Elf99 (ehemaliger Jugendsender der DDR, Anmerk. d. Verf.)
in Berlin.

X: Das 1001. Konzert war dann in Las Vegas. Hast Du Dir da einen Lebenstraum erfüllt?
DJB: Ja, das war so eine „Once In A Lifetime“-Spinnerei. Einmal in Amerika zu spielen - ich bin ja relativ unbekannt in Nordamerika, und da gibt es an sich nur zwei Städte, die sich für so was anbieten. Entweder New York, weils da eben so viele Ausländer aus Europa gibt, oder Las Vegas, weils da so viele Touristen aus aller Welt hat. Und es war auch richtig sich für Vegas zu entscheiden. Die Leute vom Club haben sich bestimmt auch gedacht „Who the fuck is DJ Bobo?“ (lacht). Und wir haben auch stolze 100 Dollar für die Karte verlangt. Es war dann auch sehr spektakulär. Man hat da jetzt mal gespielt und seinen inneren Frieden gemacht.

X: Zum Europapark in Rust hast Du wohl auch eine ganz besondere Beziehung, u.a. gab’s dort auch die „Circus“-Vorpremiere. Ist das auch so eine „Kind im Manne“-Sache ähnlich wie die Faszination für Zirkus?
DJB: Nee. Der Europa-Park hat wesentlichen Anteil an unserem Erfolg. Die ermöglichen uns erst auf diesem hohen Level zu arbeiten. Die lassen uns dort knapp drei Wochen arbeiten und proben, verpflegen uns und geben uns Hotels für 120 Leute. Das ist seit Jahren ein ganz wichtiger und treuer Partner und wir revanchieren uns immer mit der Vorpremiere dort im Park.

X: Du bist selbst ohne Deinen leiblichen Vater aufgewachsen, scheinst aber doch und vielleicht gerade deswegen ein sehr familiärer Typ zu sein und versuchst sogar in Deinem Team das größtmögliche Miteinander. Das ist Dir wichtig, oder?
DJB: (wird merklich leiser, nachdenklich und lässt sich Zeit mit der Antwort) Ja, das stimmt. Das ist mir sogar sehr wichtig.

X: Du warst in Sachen Graffiti und Breakdance aktiv, klassische HipHop-Disziplinen. Wusste Deine Mutter, dass Du nachts unterwegs bist und Wände ansprühst?
DJB: (findet zurück zur sonnigen Laune und lacht) Nein, ich glaube nicht. Ich war auch gar nicht so oft unterwegs, einfach weil die Spraydosen zu teuer waren!

X: Ah, ok, und ich dachte die kreative Beschaffungsmethode gehört da mit dazu…
DJB: Da hatte ich nicht die Eier dazu. (lacht) Und das ist auch ok so. Das war ja auch ein schmaler Grat zwischen cool sein und Scheiße bauen. Das hätte ja auch alles anders ausgehen können. Ich hab schnell gemerkt, dass das mit der Musik mein Ding ist und war voll auf HipHop. Dann hab ich angefangen, selbst aufzulegen und schnell gemerkt, dass die Leute bei kommerziellen Songs direkt mehr abgegangen sind und Spaß hatten, viel mehr als bei meinen HipHop-Helden. Und die Entscheidung war dann auch nicht schwer. Ich hatte schnell raus, in welcher Reihenfolge der größte Effekt zu erzielen war und es hat Spaß gemacht. Und es war für mich dann auch klar… ich war ja weiß…

X: Das bist Du heute noch!
DJB: (lacht) Ja, klar, aber damals gab’s halt nur schwarze Rapper. Das war keine Option. Selbst später zu den Hoch-Zeiten des Eurodance waren immer noch alle schwarz, ich war der einzige weiße Rapper da und das war schon krank genug… ein Weißer… aus der Schweiz!

X: Vor sieben Jahren hast Du mit „Vampires Are Alive“ an der Schweizer Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest teilgenommen. In der Schweiz gab es christliche Gruppen, die gegen den Song Sturm gelaufen sind und fast 50.000 Unterschriften gesammelt haben. Was war denn da los?
DJB: Ich bin aus allen Wolken gefallen. Ich war zynischerweise zu der Zeit gerade fürs Welternährungsprogramm in Äthiopien. Mit dabei ein Journalist des Spiegels, der mir dann in einem Wüstencamp mit 70.000 Flüchtlingen seinen Laptop gezeigt hat. Und das war so abstrus! Da kämpften Leute ums nackte Überleben und daheim regten sich Leute über eine unschuldige Zeile wie „From Heaven To Hell, Enjoy The Ride“ auf - was angeblich junge Menschen in den Suizid treiben sollte. Zuerst musste ich lachen und dann hab ich mich geschämt aus diesem Land zu sein. Ich wusste gar nicht, dass es da so viele Extremisten gibt! Mein größter Fehler damals war: Ich hab dazu geschwiegen. Ich dachte, ich geb denen jetzt nicht auch noch ne Plattform, um sich zu präsentieren. Im Nachhinein war das nicht clever. Ich hab’s für den Scherz von ein paar Verrückten gehalten, und weil ich nichts dazu gesagt habe, haben wohl manche geglaubt, dass an deren Thesen tatsächlich etwas dran ist. Ich hab für mich die Lehre daraus gezogen, dass man Randgruppen ernst nehmen soll.

X: Beim Thema „schämen fürs eigene Land“: Wenn dieser Tage in deutschen Medien die Schweiz genannt wird, dann meist im Zusammenhang mit dem Votum zur Abschottung und zur Eingrenzung der Zuwanderung. Du hast ja selbst ein internationales Team mit Dir auf Tour…
DJB: (verzieht das Gesicht) Ich sehe, dass das viele Leute irritiert. Hab mich aber entschlossen, da nichts dazu zu sagen, denn das gäbe kein Happy End.


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