Im Sturz durch Zeit und Raum: Evanescence

Mit Evanescence hat Amy Lee Musikgeschichte geschrieben, mit dem Erfolgsdebüt „Fallen“ und insbesondere der Düsterhymne „Bring Me To Life“ alle Rekorde - über 25 Millionen verkaufte Alben, zahllose Gold- und Platin-Awards, zwei Grammys usw. - gebrochen und ein ganzes Genre nachhaltig geprägt. Was hat diese Band im Laufe ihrer mehr als 20-jährigen Karriere nicht alles erreicht? Und dennoch zeichnet die Alternative Metal Formation mit Tiefgang und Intellekt vor allem eines aus: Bescheidenheit. Amy Lee ist eine Musikerin mit Herz und Seele, die viel mehr ihre Kunst für sich sprechen lassen möchte, als die eigene Person in den Vordergrund zu rücken.
Fast schüchtern wirkt die klassisch ausgebildete Pianistin im Gespräch mit XAVER, als sie auf die Bedeutung ihrer Musik für die internationale Rockszene angesprochen wird. „Letztendlich haben wir immer nur das getan, was wir lieben!“ reflektiert die Sängerin zurückhaltend. Mit dem vierten Werk „Synthesis“ erfüllt sich die Combo einen lang gehegten Traum: Die schönsten Stücke ihrer eindrucksvollen Bandhistorie werden mit orchestralem Arrangement in epischer Weise neu interpretiert; alte Songs erstrahlen in einem neuen Gewand und trotz der epochalen Macht des Orchesters, bekommen ebenso die leisen, filigranen Momente Raum zum Atmen. Am 22. März gastieren Evanescence mit ihrer audiovisuellen Liveshow in der Porsche-Arena in Stuttgart. Dieser Abend verspricht eine einzigartige Symbiose aus Pop, Rock, Elektronik und orchestraler Größe zu werden.

XAVER: Liebe Amy, schön, dass du Zeit für das Interview hast. Es ist sicherlich ein fantastisches Gefühl, das Album endlich in den Händen zu halten, zumal dieses außergewöhnliche Projekt dich ja bereits seit geraumer Zeit beschäftigt?
Amy Lee: So richtig glauben kann ich es tatsächlich noch nicht. Kennst du das Gefühl, wenn sich eine kleine Idee in deinem Kopf festsetzt, allmählich größer und stärker wird, sodass du irgendwann realisierst; „Verdammt, das will ich wirklich!“ So war das bei diesem Album. Unsere Musik setzt sich aus vielen unterschiedlichsten Elementen zusammen - sie ist rockig, symphonisch, klassisch, cineastisch und ebenso elektronisch. Die Sache ist aber die: Wenn sich der Fokus der Musik eher auf die harten, brachialen Töne legt, besteht leider die Gefahr, dass die Vielschichtigkeit und gewisse Feinjustierungen ein wenig untergehen - man hört die Bandbreite der spezifischen Details nicht mehr. Mir ist inzwischen oft genug aufgefallen, dass ich nach der Beendigung einer Produktion daran dachte, wie schön es doch wäre, all die einzelnen Elemente, aus die sich so ein komplexes Album zusammensetzt, am Ende auch wirklich heraushören zu können. Nun ja, ich glaube, dieser Gedanke war sozusagen die Initialzündung in meinem Kopf vor langer Zeit. Seitdem hat mich diese Überlegung nicht mehr losgelassen.

X: Herausgekommen ist ein spannender Soundtrack eurer eigenen Bandgeschichte - im Grunde eine Art musikalische Zeitreise?
AL: Absolut! „Synthesis“ beleuchtet unsere gesamte Historie: von den Anfängen bis hin zum letzten Album. Zwar sind die Gefühle gegenüber den Songs - gerade denen, die in den ersten Jahren mit Evanescence entstanden sind - heute definierter, weil wir mittlerweile auf mehr Lebenserfahrung zurückblicken können, aber die Beweggründe, einen Song zu schreiben, haben sich schon verändert. Somit fühle ich mich rein emotional eher zu unserem letzten Album verbunden, weil dieses mich in meiner aktuellen Situation besser widerspiegelt, als ein Werk, das nunmehr fast 15 Jahre alt ist. Doch die Power, die auch die älteren Stücke ausstrahlen, nimmt mich nach wie vor gefangen und gerade jetzt mit diesem Projekt, hat sich mir wieder gezeigt, wie sehr ich jedes einzelne Stück liebe, weil es eine Momentaufnahme aus meinem Leben ist, die zu mir gehört und die ich niemals wieder missen möchte.

X: Das kann ich gut verstehen, deine Songs funktionieren ja quasi auch für dich selbst wie eine Art Tagebuch...
AL: Richtig. Durch die Songs kommen auch die Erinnerungen wieder. Es ist ja so, dass sich das Leben stetig verändert. Als wir die Kompositionen neu aufnahmen - besonders die Tracks, die mit dem Debüt entstanden - wurde mir bewusst, wie sehr die Nummern von Angst, Unsicherheit, Aufregung, Druck und Erwartungshaltung geprägt waren. Jedes einzelne Gefühl war extrem präsent,
so stark und prägend für uns. Das sind Merkmale, die mir heutzutage extrem auffallen und die mir zeigen, wie sehr die Musik doch damals schon ein Ventil für uns darstellte, um sich auszudrücken.

X: Zumal du wahnsinnig jung warst, als die Idee für Evanescence allmählich Gestalt annahm, du hast ja mit gerade mal 13 Jahren schon deine ersten Stücke geschrieben...
AL: Und ich war keine 20, als die Maschinerie dann so richtig ins Rollen geriet. Das ist schon etwas Großes für einen so jungen Menschen. Die Bedeutung, die diese Lieder mittlerweile für mich haben, ist eine andere, weil ich mich mit einer Distanz klarer mit ihnen beschäftigen kann. Und genau das macht dieses Projekt so spannend, weil die Kompositionen mir heute mehr denn je bedeuten. Sie haben eine Geschichte und einen Hintergrund, den ich jetzt besser verstehen kann. Meine komplette Vergangenheit liegt in den Songs. Diese nun noch mal aufzuarbeiten - vor allem mit dem Wissen, aus welcher Emotion sie geboren wurden - macht „Synthesis“ für mich zu einem berührenden Erlebnis!

X: Ein wichtiger Protagonist in diesem Soundszenario ist der Kanadier David Campbell; ein langjähriger Wegbegleiter der Band. Wie hat sich sein Einfluss bemerkbar gemacht?
AL: Wir arbeiten seit geraumer Zeit mit David zusammen; er hat bereits unser Debüt „Fallen“ arrangiert. Ich liebe die Art und Weise wie er uns wahrnimmt und versteht. Er hat ein spezielles Gespür; eine Empfindung für das, was wir ausdrücken wollen, wie wir klingen möchten und was uns an unserer Musik tatsächlich etwas bedeutet. David stellt für mich einen der größten Vordenker in der Musik dar, die ich kenne. Sein Verstand macht derart kreative Dinge mit ihm, die so abgefahren sind, dass wir ihnen manchmal gar nicht folgen können. Aber wir sind eine Band, die gerne herumexperimentiert und neue Wege geht, deswegen hat jede Idee Ihre Berechtigung.

X: Was wahrscheinlich auch ein Grund dafür ist, dass ihr euch für ein neues Album stets genügend Zeit lasst?
AL: Ich weiß, es hört sich komisch an, aber ich muss mich innerlich bereit dazu fühlen, in einen neuen kreativen Kosmos einzutauchen. Es fällt mir schwer, auf Knopfdruck Inspiration zu empfinden - sicherlich könnte ich was schreiben, nur um etwas geschrieben zu haben, aber dafür bin ich nicht gemacht. Wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, dann lege ich mein gesamtes Ich hinein und zwar zu einhundert Prozent, nur dann fühlt es sich richtig an! Das ist eine Herzensentscheidung, keine Kopfsache.

X: Ihr habt ebenfalls zwei brandneue Songs am Start?
AL: Oh ja. „Imperfection“ und „Hi-Lo“. Und obwohl diese Stücke neu sind, schmiegen sie sich in das Gesamtkonzept der Platte ein: „Hi-Lo“ war von der Ausrichtung her schon eher im elektronischen Gefilde zu Hause und hat durch den orchestralen Touch noch mal mehr an Tiefe, Wärme und Drama gewinnen können, was mir gut gefällt. Die Nummer entstand übrigens in Zusammenarbeit mit der Violinistin Lindsey Stirling; eine großartige Künstlerin, die ihr Instrument perfekt beherrscht sowie eine echte Persönlichkeit und prima Performerin ist. Ich liebe die Energie, die sie dem Stück durch ihre Leidenschaft und ihr Können verleiht. Wir hatten eine tolle Zeit und werden in Zukunft sicherlich noch häufiger gemeinsam was aus der Taufe heben. Und „Imperfection“ ist für mich der wichtigste Song der Platte. Mir lag es am Herzen, dass das Lied Evanescence 2018 reflektiert: Wir alle sind erwachsen geworden, unser Soundspektrum hat sich verändert, dennoch wollte ich nicht, dass die Nummer komplett aus dem Rahmen fällt. Ich habe versucht, eine Brücke aus Vergangenheit und Moderne zu kreieren, was nicht so leicht war. Wenn ich Texte schreibe, verstecke ich mich nicht hinter Floskeln, um mich selbst zu schützen. Das darf nicht sein; entweder ganz oder gar nicht!

X: Welche Botschaft transportiert „Imperfection“?
AL: Das Stück beschäftigt sich mit den Selbstzweifeln im Leben unter die jeder irgendwann leidet. Auch ich bin da keine Ausnahme und hatte - und habe immer noch - oft genug Phasen im Leben, in denen ich alles hinterfragte, in denen ich mir selbst nicht genug war und in denen ich mich unsicher fühlte. Dieser Song ist die eindringliche Bitte, stets um das Leben zu kämpfen. Niemand ist perfekt und muss es auch nicht sein! Dieses Unperfekt-Sein macht uns doch letztendlich zu Menschen.

X: Im März dürfen wir „Synthesis“ dann endlich mit Live Orchester und Electronic Programming in Stuttgart erleben. Ein besonderes Erlebnis...
AL: ...denn wir stehen hier nicht als Rockband vor einem Orchester, sondern integrieren uns direkt in das Geschehen. Auf der Bühne sind wir ein homogenes Ganzes, um den besten Sound zu kreieren, den wir erschaffen können. Wir haben schon einige Konzerte gespielt und jede Show ist anders - das macht es auch für uns als Band spannend. Es kann alles passieren; jeder Abend ist ein Sprung ins Ungewisse, aber ich bin stets gerührt, wenn ich die emotionalen Reaktionen der Zuschauer sehe, die in dem Klangkosmos aufgehen und die neue Anmutung der Songs ebenso genießen wie wir es tun. Ein bisschen fühlt es sich an, als könnten wir unsere Geschichte gemeinsam mit unseren Fans aus einer neuen Perspektive erleben. Das ist was ganz Besonderes!

X: Jetzt mal weg von der Musik. Ich sehe, dass du echt coole Holzboots trägst...
AL: Ja, meine Lieblingsschuhe, die habe ich schon ewig, nur leider nagt der Zahn der Zeit an ihnen und ich finde solche Schuhe einfach nicht mehr.

X: Das ist jetzt witzig, ich kenne zwei Mädels bei uns aus der Region, die eine Firma namens klox haben und genau solche coolen Holzschuhe herstellen; in allen Variationen und auch in individueller Herstellung.
AL: Im Ernst?

X: Ja, welche Schuhgröße hast du denn?
AL: 38.

X: Na dann bringe ich dir in Stuttgart mal einige Schuhe vorbei.
AL: Wie cool ist das denn? Wirklich? Danke, ich freue mich riesig!

X: Sehr gerne.


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