Hofnarren auf der Mottoparty: Fettes Brot

Das legendäre Hamburger HipHop-Trio Fettes Brot ist seit 1992 „Nordisch by Nature“ und war vom Ton her schon immer eine der fröhlicheren Bands des Genres – was man aber nicht mit fehlender Tiefe und mangelnder Ernsthaftigkeit verwechseln sollte. Von Neidern vorgebrachte Schmähungen retournieren sie als routinierte Worttennis-Akrobaten lässig mit einem Megahit (siehe „Schwule Mädchen“). Nach einem umtriebigen Festivalsommer (u. a. Das Fest Karlsruhe, Deichbrand und Highfield Festival) sind sie mit ihrem aktuellen Hitalbum „Lovestory“ im Herbst auf ausgedehnter Hallentour. Björn Beton aka Schiffmeister stand im Vorfeld der Tour gut gelaunt telefonisch Rede und Antwort.

XAVER: Moin, Björn! Ich bin ja sehr überrascht, dass du heute in der Lage bist, ein Interview zu geben.
Björn Beton: Was meinst du?
X: Ich hätte ja vermutet, dass das Stadtderby gestern dir stimmlich den Rest gegeben hätte und du heute kaum einen Ton rausbringen wirst!
BB: (lacht) Ach so, ja. Ich bin tatsächlich etwas angeschlagen, aber das mit dem Interview bekommen wir hin!
X: Im Radio habe ich heute gehört, dass das der erste St.-Pauli-Sieg über den HSV in 60 Jahren ist.
BB: Nein, das stimmt so nicht, aber es ist der erste Sieg im Millerntor (so heißt das Stadion FC St. Pauli, Anmerk. d. Verf.) seit 60 Jahren! Wir haben das erste Mal seit Langem ein Heimspiel gegen den HSV gewonnen. Der letzte Sieg war 2011 im Volksparkstadion und das Siegtor hat damals Gerald Asamoah geschossen.
X: Gratulation zu diesem historischen Sieg! Die Saison kann jetzt schon als erfolgreich verbucht werden; ich vermute also mal, es geht euch gut dieser Tage?
BB: Ja, das Fußballspiel war quasi noch mal das I-Tüpfelchen auf all die guten Nachrichten, die wir im Moment feiern.
X: Das ist schön, zu hören – magst du uns noch an ein paar der anderen guten Nachrichten teilhaben lassen?
BB: Also, wir haben für die Tour geprobt und das hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben uns tolle Sachen ausgedacht und neue Dinge eingebaut, die wir so bisher noch nicht gemacht haben. Und wir haben uns auch gerade entschieden, dass uns der tolle Mädness auf der Tour als Support begleiten wird. Das freut mich persönlich sehr, weil ich seine Platte sehr, sehr gut finde.
X: Cool. Sagt mir persönlich jetzt noch gar nichts; in welche Richtung geht das?
BB: Das ist Rap-Musik mit deutschen Texten.
X: Überraschung!
BB: (lacht) Ja, tatsächlich! Ich sag jetzt mal – und das meine ich im allerpositivsten und besten Sinne – das ist Rapmusik für Erwachsene. Ich finde, der Typ hat eine sehr ehrliche Platte gemacht, wo man ihn und sein Leben näher kennenlernt. Und auch musikalisch hat mir das sehr gut gefallen. Anspieltipps sind der Titeltrack „OG“ und der Opener „Mässisch“.
X: Klingt sehr gut! Ist notiert und danke für den Tipp!

X: In der Info zum letzten Album habt ihr euch als „unverzichtbare Hofnarren“ bezeichnet. Beim ersten Lesen bin ich da drüber gestolpert, beim zweiten Lesen und drüber Nachdenken finde ich das voll perfekt als Beschreibung für euch, weil so ein Hofnarr ja mehrere Funktionen übernimmt. Also, natürlich Unterhaltung und Belustigung, aber eben auch auf vermeintlich lustige Art den Oberen Salz in die Wunden streuen. Wessen Idee war denn der Begriff?
BB: Ich vermute, dass der Begriff von unserem Freund André Luth stammt.
X: Dem Yo-Mama-Labelgründer?
BB: Ja, genau. Und das ist eben sein Job bei uns, dass er sich um solche Dinge kümmert. Und ich empfinde das mit den „unverzichtbaren Hofnarren“ in der Tat auch als eine sehr passende Bezeichnung.
X: Was natürlich beim Begriff Hofnarr noch mitkommt, ist eine gewisse Vorliebe für Leggins, kontrastreiche Kleidung und klimpernde Schellen …
BB: (lacht) O. K., das dann bitte nicht so sehen, sondern eher die metaphorische Ebene betrachten. Wir werden uns jetzt also nicht lustig anziehen, nur weil wir mit Humor Nachrichten verbreiten und unterhalten wollen.
X: Das mit dem Humor ist aber auch keine ganz so einfache Sache, wie man meinen könnte.
BB: Ganz genau. Wer sich offensiv Humor auf die Fahne schreibt, dem wird dann auch automatisch Oberflächlichkeit und Unterhaltung ohne Tiefgang unterstellt.

X: „Lovestory“ kam im Mai raus: Hast du mittlerweile schon etwas Distanz? Wie siehst du das Album in eurem Gesamtwerk?
BB: Was uns beim Planen recht schnell klar war, ist, dass es das erste Album für uns sein wird, das so eine Art Konzeptalbum ist. Klingt erst mal etwas hochgegriffen, finde ich, vielleicht ist der Begriff Mottoparty passender. Wir haben zuerst sehr viele Ideen aufgenommen und hatten dann so 12, 13 Skizzen, die wir alle gut fanden. Die haben wir dann Freunden vorgespielt, die zum engeren Kreis gehören. Und dabei sind die Lieder, die von der Liebe gehandelt haben, am meisten hängen geblieben. Die sind uns also besonders gut gelungen. Wir schreiben eben gerne über die Liebe und die Frauen und so kam dann die Idee auf, das Album unter dieses Motto zu stellen. Und diese vermeintliche Einschränkung hat für manche Lieder erst recht die Tür aufgemacht. Wir wollten zum Beispiel schon immer ein Lied gegen Nazis oder Rechtsradikalismus machen. Aber sich einfach nur hinzustellen und zu sagen „Nazis raus!“, das wäre irgendwie zu einfach gewesen und wäre nichts gewesen, was wir uns selber gerne angehört hätten. So von der Aussage her natürlich alles gut und richtig, aber eben … ausgedacht. Über den Umweg Thema Liebe und Beziehung sind wir dann aber zum Ziel gekommen. Was passiert, wenn man innerhalb einer Beziehung politisch anderer Meinung wird.
X: Mit dem „Du driftest nach rechts“-Track trefft ihr bestimmt auch ’nen Nerv, weil ich schon mehrfach gehört habe, dass das eben vielen so geht. Leute in der Facebook-Blase fangen an, unreflektiert irgendeinen Quark zu posten und die AfD-Seite hat plötzlich Likes von Leuten aus der eigenen Freundesliste. Aber was tun, einfach ignorieren oder konkret drauf ansprechen?
BB: In meinem direkten Umfeld habe ich das – zum Glück – noch nicht so erlebt. Aber ich kenne das aus dem näheren Bekanntenkreis. Meine Erfahrung ist, dass es sich in solchen Fällen immer lohnt, den Mund aufzumachen. Man kann natürlich auch nicht den Anspruch an sich selbst haben, alle Leute eines Besseren belehren oder schlauer machen zu können. Aber man muss die Leute auf jeden Fall spüren lassen, dass eben nicht alle mit dem Quatsch einverstanden sind, den die verbreiten. Und dass sie nicht die Mehrheit sind und man weder etwas mit ihnen gemeinsam hat, noch mit ihnen zu tun haben will. Es bleibt dabei: Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken zu lassen ist wie Mittelalter – und das ist vorbei. Und das ist jetzt nur ein Beispiel, das ich eben gewählt habe, um das zu verdeutlichen. Es ist aber wichtig, dass einer anfängt, das zu sagen, wenn so ein Thema aufkommt, weil man sich dann eben auch gegenseitig bestärkt und derjenige, der das gesagt hat, merkt, dass da eine Grenze überschritten wurde und das nicht in Ordnung ist.

X: Ich finde es wichtig, dass sich Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, da deutlich positionieren. Aber es gibt eben auch sehr viele, die das nicht machen, damit sie sich bloß keine potenziellen Fans und somit zahlende Kundschaft verprellen. Gab’s im Vorfeld Diskussionen im Fettes-Brot-Lager?
BB: Nein, gar nicht. Es gibt sicherlich Sachen, wo wir auch mal den Mund halten, aber den Mund halten bedeutet eben nicht automatisch, dass man keine Meinung hat. Bei manchen Themen sollte man vielleicht auch nicht noch ausführlich in den Medien diskutieren und berichten, weil dann diese Themen und Menschen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die AfD braucht zum Beispiel nicht noch mehr Aufmerksamkeit!

X: Ihr steht schon lange Jahre im Fokus der Aufmerksamkeit. Manche eurer Genrekollegen sind oder waren auch sehr präsent im Fernsehen – aktuell zum Beispiel Sido bei Voice of Germany. Ihr habt doch bestimmt auch schon entsprechende Angebote bekommen. Warum habt ihr euch dagegen entschieden?
BB: Wir haben schon von verschiedensten Fernsehformaten Angebote bekommen, haben uns aber bisher immer dagegen entschieden. Und zwar aus mehreren Gründen. Angefangen von Nutzung unserer Songs für Werbung bis hin zu irgendwelchen Gameshows. Das war manchmal schon auch verlockend und interessant, weil man sich da gerne mal ausprobieren würde. Und wir haben da über die Jahre nicht nur eine ganze Menge Angebote liegen lassen, sondern auch eine ganze Menge Geld, das uns angeboten wurde. Wobei ich das Thema nicht für alle Zeiten ausschließen würde. Wer weiß, was die Zukunft bringt!
X: Wobei ich mir eine TV-Show mit euch, bei der ihr quasi Narrenfreiheit habt und machen könnt, was ihr wollt, doch sehr amüsant vorstellen würde. Aber ihr macht ja schon ein paar Jahre diese Radiosendung …
BB: Ich wollte es auch gerade sagen … (lacht) Zum Glück haben wir ja eine Sendung, in der wir machen können, was wir wollen! Da können wir unsere eigene Musik spielen und über Sachen reden, die uns bewegen. Und bei „Was wollen wissen?“ gibt’s eben nicht nur lustige Sachen, sondern auch hin und wieder mal Leute, die mit einem ernsten Thema ankommen, und das ist auch O. K. Das macht echt viel Spaß, die Sendung!
X: Für alle, die jetzt Interesse haben: Die Sendung kommt auf N-JOY und Bremen Vier und gibt’s auch zum Streamen/Download. Und das Ganze gibt’s seit Februar auch in Buchform. Sind denn weitere Ausflüge in die Buchwelt geplant?
BB: Auch das würde ich nicht ausschließen, aber ich weiß, dass so ein richtiges Buch zu schreiben eben auch verdammt viel Arbeit ist. Dieses erste Buch hat sich ja quasi mit ein paar Flaschen Wein von selbst geschrieben; man musste ja nur die schönsten Sachen aus den Radiosendungen aufschreiben. So ein Roman erfordert ja noch mal wesentlich mehr Einsatz. Aber wir drei haben ja genug Ideen, vielleicht kommt das ja mal irgendwann.

X: Mitte Oktober startet dann eure „Lovestory“-Tour und du hast vorhin den Spaß bei den Proben angesprochen. Touren hat tolle und bestimmt auch nervige Aspekte, aber wie motiviert ihr euch für diesen ewigen Zyklus aus Songwriting/Albumaufnahmen/Promo/Touren/Festivals und dann wieder alles von vorne?
BB: Ach, erst mal: Auch wenn das natürlich auch mal nervig oder anstrengend ist, ist es trotzdem ein sehr tolles Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Das klingt jetzt so ein bisschen abgedroschen, aber jeden Abend von tausenden Leuten für die Musik bejubelt zu werden, die man sich ausgedacht hat, das ist schon mal eine ganze Menge wert. Und das macht auch echt Spaß und man kommt als Künstler ja sonst auch nie so direkt in Kontakt mit den Menschen, die die Musik toll finden. Und ich mag unser Publikum, wir sprechen da allem Anschein nach sympathische Leute mit an und das freut mich dann auch, die zu sehen. Motivierend ist es eben, nicht immer dasselbe zu machen. Das haben wir jetzt bei den Proben gesehen. Wir versuchen immer, eine Setlist zusammenzustellen, die uns selber überrascht, lassen den einen oder anderen Song weg und spielen stattdessen mal wieder einen alten Song. Oder wir denken uns beim Proben irgendwelche Quatschsongs, andere Versionen oder Mash-ups aus, die wir so noch nicht gespielt haben. Wir sind ja auch mit einer Liveband unterwegs und sind da nicht sklavisch an irgendwelche Samples oder DJs gebunden.

X: Das Thema Setlist haben wir ja gerade gestreift. Das stelle ich mir mit dem umfangreichen Backkatalog echt schwierig vor. Wie klärt ihr das? Im ehrlichen Faustkampf?
BB: (lacht) Es hat sich über die letzten Jahre bewährt, dass wir den Posten des Setlist-Ministers an Boris abgegeben haben. Und das ist für ihn Segen und Fluch zugleich, weil das kein gar so beliebter Job ist. Er investiert da viel Zeit in Überlegungen, was wo wie funktioniert, schlägt dann stolz seine perfekte Lösung vor und wird mit den enttäuschten Gesichtern der Musiker und seiner MC-Kollegen konfrontiert. Er hat aber schon einen ganz guten Überblick und seine Vorschläge sind dann immer gut, wenn Dr. Renz und ich sie verfeinert haben. (lacht)

X: Anfang August habt ihr in Tim Mälzers „Bullerei“ gespielt. Erzähl doch mal, eine Band wie euch in einem Restaurant habe ich auch noch nicht gesehen … Was war denn der Anlass?
BB: Zehn Jahre „Bullerei“ waren der Anlass. Und es gibt dort tatsächlich jedes Jahr ein kleines Fest, wo dann Musiker auftreten. Dieses Jahr war’s dann aber besonders voll, weil eben sowohl viele Leute kamen, die sehr gutes Essen zu schätzen wissen, als auch viele Leute, die gute Musik schätzen. Thees Uhlmann hat dann auch noch ein paar Songs auf der Gitarre gespielt und es war wirklich ein besonders schöner Abend! Und man muss dem Herrn Mälzer ja wirklich eins lassen: Dieses Restaurant, das er da hat, das ist wirklich sehr lecker und sehr gemütlich da.
X: Ich sehe schon, ihr habt nach wie vor viel Spaß und keinerlei Motivationsprobleme – dann hoffe ich mal, dass das noch ein paar Jahre so bleibt und wir dann in wenigen Jahren euer 30. Jubiläum feiern dürfen! Danke fürs Gespräch!
BB: Das mit dem Jubiläum kann ich dir jetzt natürlich nicht hundertprozentig versprechen, aber die Chancen stehen nicht schlecht! (lacht) Und hey, ich danke dir fürs Gespräch!


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