Gruselige Denkanstöße: Broilers

Neben den Toten Hosen gibt es mittlerweile eine weitere Düsseldorfer Band, die es ganz nach oben in die Charts und auf die besten Plätze bei den großen Festivals geschafft hat. Nachdem die Broilers bereits mit ihrem Vorgängeralbum „Noir“ (2014) auf Platz 1 der deutschen Albumcharts geprescht sind, haben sie dieses Husarenstück Mitte Februar mit ihrem siebten Studioalbum „Sic!“ wiederholt. Sänger Sammy Amara und Drummer Andreas Brügge gründeten die Band im zarten Alter von gerade mal 12 Jahren und widmeten sich zunächst dem reinen Oi-Punk. Mit der Zeit öffnete sich die Band in Richtung Ska und Rockabilly und begeistert heute mit smartem Stadionrock quer durch alle Genres und Käuferschichten. Kurz nach dem erneuten Charterfolg nahm sich Keyboarder Christian „Chris“ Kubczak Zeit für ein entspanntes Telefonat mit dem XAVER.

XAVER: Moin Chris, man sollte ja gar nicht meinen, dass Punkrocker um 10 Uhr morgens schon ansprechbar sind…
Christian Kubczak: Ach weißt Du, ich habe einen schulpflichtigen Sohn und bin tatsächlich schon seit halb 6 Uhr auf den Beinen!

X: Chris, zu allererst natürlich Gratulation zum erneuten Platz 1 der Charts!
CK: Ja, was soll ich sagen? Dankeschön!
X: Ihr habt das ja schon einmal erleben dürfen, ich nehme an, dass es deswegen aber nicht weniger aufregend war!?
CK: Ja, durchaus, ich glaube das wird sich auch nicht ändern. Wenn das mal zur Regel wird, dann ist es auch irgendwie gefährlich.
X: Da werdet Ihr die ein oder andere Saftschorle gehoben haben nach der Nachricht…
CK: Nee, wenn Du unsere Facebook-Fotos mit den leuchtenden Augen gesehen hast…
X: Ja, da könnte man doch tatsächlich meinen, dass Ihr Euch beim Feiern so richtig Mühe gegeben habt, da konnte man auch eine gewisse Erschöpfung herauslesen.
CK: Auf jeden Fall!

X: Mühe gegeben habt Ihr Euch mit dem neuen Album. Erzähle doch einmal ein bisschen von den Aufnahmen, wo wart Ihr, wie lange wart Ihr im Studio usw.
CK: Üblicherweise fangen wir direkt nach dem Touren wieder an mit neuen Stücken. In dem Fall war es dann so, dass wir 2015 die „Noir“-Phase mit einem letzten Konzert im September abgeschlossen haben und uns dann zum ersten Mal in der Bandgeschichte ein Jahr Pause vom Livebetrieb gegönnt haben. So konnten wir zum ersten Mal wirklich in Ruhe ein Album aufnehmen. Denn vorher war es immer mal wieder so, dass wir die Aufnahmen immer mal wieder unterbrochen haben um Festivals zu spielen. Wir haben uns also ein Jahr lang nur auf die neuen Songs konzentriert, und das war schon ganz angenehm. Aufgenommen haben wir wieder in der Nähe von Münster, bei Vincent Sorg in den Principal Studios. Da sind ja auch die Vorgängeralben schon entstanden. Den Anfang von 2016 haben wir also mit diversen Demosessions im Studio verbracht und dann danach immer im Proberaum an den Songs weitergefeilt bevor im Sommer 2016 dann die tatsächlichen Albumaufnahmen und im Anschluss etwas Feintuning gemacht wurden.
X: Und wie ist da das Prozedere, kommt Sammy mit dem Grundgerüst der neuen Tracks und Ihr arbeitet das dann gemeinsam aus?
CK: Sammy kommt mit 100 Prozent der Texte und musikalischen Ideen. Es ist aber durchaus so, dass die Texte von allen abgenickt werden müssen. Er sagt uns also worum es geht und was die Aussage ist; wir müssen da ja schließlich alle dahinter stehen. Da wird schon auch mal diskutiert. Musikalisch arbeiten wir seine Ideen entsprechend aus.

X: Ihr äußert Euch ja auch schon seit Jahren dezidiert politisch. Dieser Tage gibt es ja begründeten Grund zur Sorge, wenn man sich den Rechtsruck und den Populismus sowohl national als auch international so anschaut. Andere Bands halten sich da wohl auch bewusst mit einer klaren Verortung zurück um sich keine Käuferschichten zu verbauen. Das war im Hause Broilers offensichtlich nie ein Thema…
CK: Nee! Und es kommt ja ganz oft der Vorwurf des Ausverkaufs und des Anbiederns an den Mainstream, nach der „Noir“ war das ja ganz extrem. Ich kann da nur sagen, wie es ist. Wir schreiben die Songs so, wie sie uns gefallen und so ist das Material eben entstanden. Und da ging es auch nie darum irgendwelche neuen Käuferschichten zu gewinnen. Und wenn wir jetzt wirklich darauf aus wären Käuferschichten zu maximieren, dann sollte man sich doch mit solchen eindeutigen politischen Aussagen zurückhalten. Und ich finde, wenn man so in der Öffentlichkeit steht, dann hat man auch den Auftrag seine Meinung kund zu tun.
X: Ich habe ja den Eindruck, dass solche politisch etwas düsteren Zeiten für die Künstler gar nicht so schlecht sind, da ist viel motivierendes Material da um aktiv zu werden. Wenn ich mir z.B. anschaue, was Melissa McCarthy bei SNL dieser Tage so treibt…
CK: (lacht) Man kann als Künstler eben immer nur Denkanstöße liefern, was die Leute dann draus machen liegt dann nicht mehr in der Macht des Künstlers. Ich finde generell, dass Kunst auch dazu da ist um so einen Diskurs und vielleicht sogar eine gesellschaftspolitische Diskussion anzuregen.
X: Da passt die aktuelle Single “Keine Hymnen heute” ja politisch bestens in die Zeit. Im Video dazu wird ein Akkordeon zertreten – das war doch bestimmt hart für Dich?
CK: Das stimmt, ich spiele ja auch Akkordeon. Ich fand aber die ganze Situation beim Dreh total beklemmend. Wir kamen da so gegen acht Uhr zum Videodreh am Set an und die waren da schon fleißig am Drehen. Es stürmte gerade die kleine SS-Truppe die Treppe hoch um so eine Tür einzutreten. Und das so live zu sehen, wie die da in voller Montur agierten; das war ganz schön beklemmend. Klar, das waren Schauspieler, aber wenn man sich mal vor Augen hält, dass es da mal eine Zeit gab, wo so etwas an der Tagesordnung war… gruselig!
X: Kein Wunder, dass diese Zeit und die Kleidung bis heute und natürlich besonders in Hollywood, für das absolute Böse stehen.
CK: Das hatten die damals schon raus. Dieses martialische Auftreten mit den schwarzen, langen Ledermänteln hatte schon den entsprechenden psychologischen Effekt – eben angsteinflößend und einschüchternd. Und es hat sich erwiesen, dass dieses Konzept leider relativ zeitlos ist!
X: Den Regisseur Joern Heitmann habt Ihr bestimmt für den Clip ausgewählt, weil Euch seine Arbeit für Fler, Tic Tac Toe, Lou Bega und die No Angels so überzeugt hat?
CK: (lacht) Ja, genau! Nein, der hat ja auch für diverse andere wie z.B. Rammstein, die Hosen, die Scorpions, K.I.Z. und Genetikk gearbeitet. Tatsächlich war es aber so, dass wir ein grobes Konzept im Kopf hatten, was schon so in die Richtung ging, wie es schließlich auch geworden ist. Wir haben Angebote von diversen Regisseuren und Agenturen eingeholt, hatten dann ein paar Konzepte auf dem Tisch liegen und das von Joern Heitmann kam unseren Vorstellungen einfach am nächsten. Wir versuchen als Band ohnehin maximalen Einfluss auf die Geschehnisse um unsere Musik zu haben.

X: Vor den Clips steht immer Skull & Palms Recordings präsentiert, das ist Euer Label. Wie muss man sich das vorstellen, sind das Leute aus Eurem engsten Umfeld, die das Business schmeißen? Denn Ihr könnt Euch wohl neben der Musik kaum auch noch um ein Label zu kümmern?
CK: Naja, nachdem der Vertrag bei Century Media bzw. People Like You ausgelaufen ist, kamen eine Menge wirklich sehr gute Angebote von anderen Plattenfirmen rein. Wir haben dann aber letzten Endes gesagt, dass wir am liebsten die Entscheidungsgewalt in eigenen Händen behalten würden. Dann muss man eben auch nicht mehr mit irgendwelchen Budgetverantwortlichen über Sinn und Unsinn diskutieren, sondern wir machen dann auch einfach mal ohne bis ins letzte Detail abzuwägen. Und wenn das dann eine Fehlentscheidung war, auch ok, aber es war dann immerhin unsere Fehlentscheidung. So kam es dann also zum eigenen Label, wobei wir uns natürlich etwas administrative Hilfe im Hintergrund geholt haben. Mit unserem Management JKP haben wir da natürlich einen sehr kompetenten Partner und die übernehmen im Endeffekt auch diese geschäftlichen Aspekte dieser Plattenfirma. Wobei wir jetzt die einzige Band auf dem Label sind, es ist nicht so, dass wir noch diverse andere Bands unter Vertrag genommen haben oder unter Vertrag nehmen wollen. Das ist für die Zukunft vielleicht auch einmal denkbar, aber im Moment haben wir mit den Broilers wirklich genug Arbeit.

X: Mit der Menge an Alben wird es doch bestimmt langsam auch recht schwierig sich auf eine Setlist zu einigen… herrscht da Demokratie, oder wer entscheidet da?
CK: Auch ein sehr schönes Thema, das Du da ansprichst. (lacht) Jetzt für die ersten Warm-Up-Shows, diese ersten drei kleinen Dinger, haben wir uns zusammengesetzt. Wir versuchen immer ein möglichst breites Spektrum abzubilden. Wir sagen immer, dass wir die Alben für uns aufnehmen, die Konzerte aber für die Leute spielen. Da sehen wir uns also durchaus in einer Dienstleister-Position! Denn im Endeffekt geben die Leute an so einem Abend gutes Geld für ein Ticket aus und wollen gut unterhalten werden. Es gibt ja z.B. auch Bands, die dann konsequent nur neues Material spielen und ihre alten Sachen, aus welchen Gründen auch immer, gerne mal außen vor lassen. Und das wollen wir nicht, wir wollen auch immer wieder alte und ganz alte Songs bringen und den Leuten das geben, was sie auch hören möchten. Ich kenne das ja selbst als Konzertgänger. Wenn ich zu einer Band gehe, die es schon über 20 Jahre gibt, dann will ich zwar auch neues Material hören, aber eben auch die alten Hits. Wir machen also eine möglichst ausgewogene Liste mit Songs aus allen Phasen, wobei dann natürlich irgendwann der Punkt kommt, wo man sich eingestehen muss, dass 50 Songs doch etwas zu lange werden. Und dann wird gekürzt und geschaut. Auf der kommenden Tour wird es wohl so sein, dass wir von Abend zu Abend auch mal Songs auswechseln und irgendwann eine Setliste haben, die wir gut finden. Aber dann ist wahrscheinlich auch bald wieder Festival-Zeit und da gelten dann wieder andere Gesetze. (lacht)
X: Kannst Du Dich denn dann noch an Dein letztes besuchtes Konzert erinnern?
CK: Das letzte Konzert, das ich besucht habe… da muss ich jetzt mal nachdenken, ist schon ein bisschen was her… (überlegt lange)
X: OK, dann schieben wir die Frage. Kannst Du Dich dann vielleicht noch an Dein erstes Konzert erinnern, das Du besucht hast?
CK: Das erste Konzert? Das waren tatsächlich Die Ärzte (aus Berlin! – Anmerk. d. Verf.) auf ihrer Reunion-Tour nachdem sie „Die Bestie in Menschengestalt“ rausgehauen haben. Ich meine, da war ich so um die 15 Jahre alt! Das war in Oberhausen, im Musikzirkus Ruhr. In einem alten Zirkuszelt, das war ziemlich geil!
X: Kann ich mir vorstellen; ist doch ein optimaler und in der Rückschau wohl auch irgendwie wegweisender Start!

X: Und wie steht das heute um Dein „Fan-Sein“? Checkst Du noch regelmäßig nach neuen Bands, oder lebst Du zufrieden mit den Klassiker-Perlen in Deinem Plattenschrank?
CK: Nee, Musik ist zwar mittlerweile auch ein Beruf, aber war eben auch schon immer eine Leidenschaft. Ich schaue schon immer, was es neues gibt und kaufe monatlich mehrere Platten. Ich geh auch regelmäßig auf Plattenbörsen. Ich hab eine Zeit lang auch viel auf CD angeschafft und dann auch digital, aber irgendwann kam dann so ein Punkt – bei mir war es der Kontakt mit Spotify – wo ich total unreflektiert und völlig unselektiert Musik gehört habe. Ich habe auch gar nicht mehr so bewusst zugehört und bin dann wieder weg vom digitalen Format. So bewusst und gezielt Geld für Musik auszugeben, ist dann doch etwas ganz anderes.

X: Vorhin haben wir auch schon kurz über Festivals gesprochen, gibt es da etwas, worauf Du Dich besonders freust?
CK: Ja, klar. Wir spielen in Österreich das Nova Rock-Festival und da spielt auch David Hasselhoff!
X: Whaaaaat? Der Mann, der die Berliner Mauer niedergesungen hat? Sehr cool!
CK: Ja, der spielt da nachts im Zelt eine Special Show – ich werde mich natürlich bei ihm bedanken, dass die Mauer weg ist!


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