Glücklich hinterm Glas: The Notwist

Nach fünf langen Jahren Pause erscheint dieser Tage endlich ein neues Studioalbum von The Notwist. Die Band aus dem beschaulichen oberbayerischen Weilheim hat es in 25 Jahren Bandgeschichte zu internationaler Relevanz gebracht und sich über die Jahre mehrfach verpuppt und gewandelt. „Close To The Glass“ ist nach dem Meilenstein „Neon Golden“ aus dem Jahr 2002 ein erneuter Höhepunkt in ihrem Schaffen. Der fast schon schüchterne aber sehr sympathische Michael Acher gab XAVER am Telefon interessante Einblicke ins Sein und Schaffen der Band.

XAVER: Micha, dieser Tage ist wieder die vielleicht unliebsame Phase der intensiven Promoarbeit vor der Veröffentlichung des neuen Albums angesagt. Freut Ihr Euch trotzdem, dass es jetzt endlich losgeht?
Michael Acher: Ja, auf alle Fälle. Es hat dann ja doch ziemlich lang gedauert, und wir freuen uns dann immer, wenn wir wieder live spielen können.
X: Du hast eben gesagt, dass es mit dem Album länger als gedacht gedauert hat. Was ist passiert?
MA: Eigentlich wollten wir schon vor einem Jahr fertig sein. Wir sind dann aber mit der Art und Weise wie wir aufgenommen haben nicht weiter gekommen. Dadurch hat sich dann der ganze Studioaufenthalt nochmal um ein paar Monate verzögert. Zudem haben wir uns dann noch in Details versenkt, weil wir einfach noch nicht zufrieden waren, und so hat sich alles verzögert.

X: Die Filmmusik zu „Sturm“ war 2009 Eure letzte Albumveröffentlichung. Habt Ihr Euch da bewusst Zeit gelassen, oder wie kommt’s zu den fünf Jahren zwischen den Alben?
MA: Naja, von einer richtigen Auszeit kann da nicht die Rede sein. Nach der neuen Platte geht man auf Tour, was sich auch gerne mal über zwei oder drei Jahre zieht. Nachdem man die Stücke dann über Jahre gespielt hat, kommt der Punkt, wo man sich dann denkt „ach, jetzt will ich das aber alles nicht mehr spielen, jetzt brauchen wir mal wieder was Neues!“. Dann hatten wir aber noch viele andere Sachen, u.a. eben diesen Film, Theatermusiken oder Sachen mit den anderen Bands und Projekten. Und als wir dann alle wieder The Notwist machen wollten, mussten wir erst mal zusammenfinden, also zeitlich. Wir haben dieses Mal auch einige Stücke live im Studio eingespielt und da viel ausprobiert. Das will aber alles koordiniert werden und so zieht sich das dann schon mal in die Länge.
X: Du hast vorhin erwähnt, dass es Probleme mit der Art und Weise des Aufnehmens gab, meintest Du damit das live aufnehmen?
MA: Wir sind als Band gerade so glücklich. Wir haben ne tolle Energie und ne total gute musikalische und auch persönliche Kommunikationsform gefunden. Wir waren noch nie so ne geschlossene Band wie aktuell. Und das wollten wir eben auch ins Studio bringen. Nach ner Zeit hat uns aber dieses Basteln an den Details gefehlt. Es ist zwar viel Gutes aufgenommen worden, es war aber auch sehr unterschiedliches Material. Da musste noch viel verfeinert und zusammengebracht werden.
X: D.h. die The Notwist-Songs entstehen im Kollektiv. Ihr arbeitet nicht jeder für sich im stillen Kämmerchen und skizziert Sachen?
MA: Doch, das ist eigentlich schon so. Meist sind Stücke von den unterschiedlichen Komponisten vorhanden und die bearbeiten wir dann gemeinsam. Markus versucht dann auch oft, zu Stücken von Martin und mir Gesänge zu finden. Auf dem neuen Album gibt es aber auch Stücke wie z.B. „Kong“, da hatten wir eine Idee dazu, was für ein Stück wir wollen. Wir haben uns dann als komplette Band getroffen und versucht, so eine Art Stück zu machen, und das ist komplett im Übungsraum entstanden. „Lineri“, dieses ganz lange Instrumental, wurde auch live als komplette Band eingespielt und an einem Stück durchgespielt, aufgenommen und später gab’s dann nur noch ganz wenige Overdubs.

X: Ihr feiert dieses Jahr Euer 25. Bandjubiläum, viele Bands kommen gar nicht so weit auf ihrem gemeinsamen Weg. Und was Du eben beschrieben hast, klingt wirklich sehr harmonisch, so als wärt Ihr gerade auf Eurem Zenit angekommen…
MA: Auf alle Fälle. Es gibt und gab schon immer wieder mal Momente, wo es etwas angespannter ist. Markus und ich kennen uns ja auch schon länger als 25 Jahre (lacht). Wir wissen einfach, wie wir miteinander umgehen, haben eine Kommunikation gefunden, wo das musikalisch und menschlich funktioniert. Auf sehr intensive Arbeitsphasen folgen dann auch immer wieder Pausen, was ja auch gut und wichtig ist, da kann jeder so sein Ding machen und ist in seiner privaten Welt. Und das ist mit ein Grund dafür, dass das dann als Band so gut klappt.

X: Ende Februar kommt das neue Album „Close To The Glass“. Verrätst Du mir was zum Titel?
MA: Markus hat das irgendwo gelesen, ich kann Dir gar nicht mehr sagen wo. Und dieser Gegensatz hat uns gleich so gefallen und fasziniert. Also einerseits ganz nah dran, aber dann doch sehr weit weg, weil hinter Glas.

X: Das Artwork verrät auch recht wenig, wer hat’s gemacht und warum habt Ihr Euch gerade dafür entschieden?
MA: Das Artwork ist von Brian Röttinger und wir mögen einfach, was der so macht. Markus hatte eine Platte im Studio dabei, die auch auf Sub Pop veröffentlicht wurde und bei der das Cover auch von ihm war. Und wir fanden alle, dass das, was er macht, sehr gut zu dem passen würde, was wir gerade so musikalisch machen. Dann hat sich Sub Pop glücklicherweise in Sachen US-Veröffentlichung für uns entschieden, und so hatten wir dann auch schnell Kontakt zu Brian Röttinger.
X: Das mit Sub Pop ist bestimmt auch so etwas wie ein wahrgewordener Traum, oder?
MA: Doch, auf jeden Fall. Wir mögen die Bands, die sie haben. Es fällt regelrecht auf, dass sie sehr aktiv sind und ihre Arbeit sehr ernst nehmen. Die machen echt viel und wir haben es da mit überwiegend sehr freundlichen Leuten zu tun.
X: Nachdem Ihr in den USA dann so einen engagierten Partner habt, sind nach der ausgedehnten Europatour denn auch US-Dates geplant?
MA: Im Juni fahren wir für eine Woche oder so nach Amerika, im Juli werden wir auch noch ein Festival dort spielen und im Oktober werden wir dann eine ausgedehnte dreiwöchige Amerikatour spielen.

X: Habt Ihr bei Euren Touren Einfluss auf Eure Vorgruppen?
MA: Genau. Wir versuchen eigentlich immer, Freunde mitzunehmen, und das alles so zu gestalten, dass es Spaß macht. Wie auf den Platten versuchen wir auf der Tour auch, dass alles so klingt, wie wir das wollen. Es sind also immer Bands, die uns sehr gut gefallen. Und wir wollen auch, dass der ganze Abend für die Zuhörer interessant wird und die auch wissen, was wir gerne hören.
X: In Euren Anfangstagen hattet Ihr da noch nicht so viel Einfluss und Möglichkeiten. Da wart Ihr selbst oft als Vorgruppe unterwegs, u.a. hab ich Namen wie Bad Religion, Therapy und Blumfeld gelesen. Haben sich da Freundschaften entwickelt, hast Du da heute noch Kontakt?
MA: Ganz ehrlich. Mit Therapy, Bad Religion oder auch Fugazi ist man zu der Zeit nicht wirklich in Kontakt gekommen. Da waren wir eine dazugebuchte Vorband und man war da auch nicht immer herzlich willkommen. Kontakte gibt’s da auch keine mehr. Das war früher auch einfach ganz anders. Da waren hier hauptsächlich US-Bands auf Tour, hatten immer volle Häuser und als deutsche, bayerische Hardcore-Band war man da nicht so gern gesehen.

X: Bei Euren letzten Shows habt Ihr Euch hauptsächlich auf Material ab „Neon Golden“ konzentriert. Älteres Material baut Ihr nicht mehr ein, oder?
MA: Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben ganz viele alte Stücke einstudiert, sodass wir die spielen könnten und entscheiden das dann immer so nach Lust und Laune. Aber so ganz alte Stücke, von der „Nook“ oder so, spielen wir fast gar nicht mehr.
X: Dann ist Euer Programm auf Tour also nicht jeden Abend das gleiche…
MA: Wir stellen immer wieder mal etwas um. Zu Beginn der Tour versuchen wir, einen musikalischen Bogen über das ganze Konzert zu ziehen, und da ist eine feste Reihenfolge schon gut. Das macht den ganzen Abend runder. Wenn man dann ein paar Shows gespielt hat, fangen wir an umzustellen.

X: 2014 ist ja wie erwähnt Euer 25. Bandgeburtstag. Ist da etwas Besonderes, ein Konzert oder eine spezielle Veröffentlichung, geplant?
MA: Uns ist das selbst erst kürzlich aufgefallen! Wir haben da jetzt also gar nichts vorbereitet und werden ganz normal mit dem Album auf Tour gehen. Aber 25 Jahre, das ist schon ziemlich lang (lacht)!

X: Im Laufe der Bandgeschichte habt Ihr immer wieder Musik zu Filmen gemacht, gibt’s da aktuelle Pläne?
MA: Da gibt’s im Moment nichts. Aber Markus und ich haben ein Theaterstück gemacht, welches jetzt im März Premiere in Berlin hat.
X: Für Sturm habt Ihr ja sogar den Deutschen Filmpreis bekommen. Sind Euch Auszeichnungen denn wichtig?
MA: Das hat uns natürlich auf alle Fälle gefreut. Das ist ja eine Ehre. Wir waren extrem überrascht, haben uns aber sehr gefreut.

X: Musik war in Eurem Elternhaus sehr präsent. Ihr habt zeitweise in der Dixie-Band Eures Vaters gespielt. Gab’s für Dich einen Punkt in Deinem Leben, wo Du Dich entschieden hast, Deinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen und keinen konventionellen Beruf zu ergreifen?
MA: Nee, eigentlich nicht. Ich kann nix anderes und es stand auch nie zur Debatte. Bei Markus genauso. Wir machen das jetzt schon so lange und es kam dann auch ganz automatisch, dass es immer mehr und besser wurde und man angefangen hat, etwas Geld damit zu verdienen. Das ist einfach unser Beruf und wir können auch nichts anderes. Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst hingehen sollte! Ich glaube meinem Bruder und eigentlich allen in der Band geht’s da genauso. Wir sind und bleiben Musiker und das ist der beste Beruf, den es gibt!
X: Klar, oft kommt dann aber der Punkt im Leben, wo man sich fragen muss, ob die Kunst das Leben trägt und finanziert. Erst recht, wenn dann Familie ins Spiel kommt.
MA: Ja, wir haben alle Familie und wir sind eigentlich permanent an diesem Punkt, wo man sagt, es geht nicht mehr. Wir stecken eben wahnsinnig viel Zeit und Geld in unsere Platten, dass man ab und zu am finanziellen Abgrund steht. Irgendwie geht’s dann aber doch immer weiter und zwischendurch können wir dann auch wieder spielen. Es kommt uns auch entgegen, dass wir alle sehr vielseitig und anderweitig aktiv sind. Ich spiel viel am Theater und finanzier mir meine Leidenschaft dann durch andere Projekte. Und wenn’s dann gar nicht mehr geht, dann können wir immer noch in der Dixie-Band des Vaters mitmachen und etwas verdienen. Alles Musikalische ist besser, als in ner Fabrik am Band zu stehen oder etwas in der Art. Mit dem neuen Album war’s aber schon extrem; wir haben 18 Monate aufgenommen und in der Zeit fast keine Konzerte gespielt. Da mussten wir schon schauen, dass man irgendwie über die Runden kommt. Es war aber klar, dass wir danach dann spielen können und wieder Geld verdienen werden. Das Schicksal ist also bewusst so gewählt und es gäbe auch keine Alternative! Und das ist gut so!
X: Hey, das ist doch schön, wenn man sagen kann, es ist wie es ist und es ist gut so. Das freut mich für Euch!
MA: Ja, da hast Du recht. Danke!


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