Gewaltfreie Anarchie – und Schokolade! Yello

Seit 40 Jahren kennt man Yello als multimedial-kreatives Duo. Sänger Dieter Meier und sein kongenialer musikalischer Partner Boris Blank sind absolute Vorreiter in Bezug auf die Verschmelzung von elektronischer Musik und Pop. Sie sahen sich aber nie nur als reines Musikprojekt, sondern produzieren ihre Musikvideos stets selbst und sind auch anderweitig künstlerisch aktiv. Auch in den USA feiern sie Erfolge und ihr Track „Oh Yeah“ ist in diversen Hollywood-Filmen zu hören. Der Titel „The Race“ ist Vielen noch als Erkennungsmelodie der Musiksendung „Formel Eins“ im Ohr und wird auch heute noch ständig in (Motorsport)Clips verwendet … Die Formation erlebt gerade ihren x-ten Frühling, spielt reihenweise ausverkaufte Shows und ihr Sprachrohr ist viel mehr als nur ein Sänger. Über die vielen Facetten und Interessen des Dieter Meier könnte man locker mehrere Bücher schreiben. Der Zweiundsiebzigjährige war bzw. ist u. a. professioneller Golf- und Pokerspieler, Konzeptkünstler, Rinderzüchter, Bio-Winzer, Chocolatier und Investor. Beim Telefonat Ende August war er ein sehr aufgeweckter und freundlicher Gesprächspartner. Für einen authentischen Gesprächseindruck bitte den schweizerischen Singsang-Slang dazu-denken!

XAVER: Herr Meier, schön dass sie sich die Zeit für das Interview nehmen. Wo sind Sie denn gerade?
Dieter Meier: Gerade noch in Zürich, dann aber schon bald wieder in Berlin.
X: Da spielen Sie Ende August ein Konzert. Was passiert denn dieser Tage so bei einem Yello-Konzert?
DM: Dass es sehr live ist. Die Stimme natürlich so und so, es sind aber auch zwölf Musiker auf der Bühne und es ist durchaus auchRaum für Improvisation da. Geprobt haben wir die Produktion schon vor Monaten, denn wir haben ja im November 2016 im Kraftwerk in Berlin gespielt. Da war ursprünglich nur ein Konzert geplant, die Nachfrage war dann aber so groß, dass wir vier Vorstellungen vor über 8.000 Leuten gegeben haben. Das war unser zweiter Auftritt, nach unserem Auftritt beim Jazzfestival in Montreux. Und ich darf sagen, dass die Leute bei den Konzerten absolut enthusiastisch waren über den Sound von Yello – zum ersten Mal live. Es ist auch eine sehr visuelle Sache, indem wir die einzelnen Stücke unter Verwendung der Materialien aus den Videos auf großer LED-Wand präsentieren – man könnte fast von einem Gesamtkunstwerk reden!
X: Die erwähnten zwölf Musiker, sind das langjährige Weggefährten, oder sind die frisch für die Konzerte 2017 und 2018 zusammengestellt worden?
DM: Zum Teil sind das Leute, mit denen wir seit 40 Jahren zusammenarbeiten, es sind aber auch Musiker relativ neu dabei – vor allem die Bläser – die Boris für das Kraftwerk-Konzert engagiert hat, und die gehören jetzt zur aktuellen Besetzung für die Konzerte im Herbst/Winter.
X: Werden Sie denn mit der Produktion auch die Welt bereisen?
DM: Es gab sehr interessante Angebote … nicht gerade für die ganze Welt, aber ich sag mal Europa zu bespielen. Wir haben uns dann aber entschieden, erst mal die neun Konzerte zu spielen und dann mit den dabei gesammelten Erfahrungen weitere Shows anzugehen. Boris Blank ist jedenfalls nach 40 Jahren absolut auf den Geschmack gekommen, dass eben das Hier und Jetzt eines Livekonzertes dann doch etwas anderes ist als die einsame Arbeit im Studio.

X: Im Vorprogramm spielen 2Raumwohnung. Wahrscheinlich kennen Sie Inga Humpe schon lange – können Sie sich noch an Ihr erstes Treffen erinnern?
DM: Das kann ich jetzt so genau nicht sagen, aber es war sicher in Berlin. Die Stadt ist ja ohnehin meine zweite Heimat, 1980 hab ich da meinen ersten Spielfilm gedreht und verbringe seither immer wieder viel Zeit in meiner – ja, man kann schon sagen – Lieblingsstadt! Wenn ich mich entscheiden müsste, wenn ich für den Rest meines Lebens nur noch in einer Stadt leben könnte, dann würde ich mich ohne zu zögern für Berlin entscheiden.
X: Dann sind Sie also ein erklärter Stadtmensch?
DM: Nein, ich bin auch ein Naturmensch. Ich betreibe ja in Argentinien Landwirtschaft und habe dort oft Situationen großer Einsamkeit, wo man zum nächsten Haus gut 100 Kilometer fährt. In dieser Einsamkeit dort fühle ich mich auch sehr, sehr wohl. Ich bin also kein reiner Städter und bin ja auch auf dem Land und in Zürich aufgewachsen. Und Zürich ist auch eine herrliche, komfortable und hervorragende Stadt, aber sie hat halt nicht den Spirit und nicht das Artistische und das Grungig-freche wie Berlin.
X: Berlin hat sich über die letzten Jahre aber auch sehr verändert; sind Sie glücklich mit dem aktuellen Gesicht der Stadt?
DM: Na ja, so was hat natürlich immer zwei Seiten. Berlin ist ja auch sehr touristisch und teurer geworden, aber das ist halt immer so. Wenn eine Stadt so viel bietet, dann zieht das sehr Vieles an sich. Aber ich glaube nicht, dass „The Spirit of Berlin“ dabei verloren gegangen ist, es kommen immer noch Kreative aus aller Welt, um dort zu leben und zu arbeiten.

X: Am Tag des Konzerts wird auch Ihr zweites Restaurant in Berlin eröffnet, bzw. es findet ein Test-Opening statt.
DM: Ja, das war mal mein Wunsch. Ich bin ja der Hauptbesitzer des Restaurants und es war ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess, das aus ursprünglichen Büroräumen umzugestalten. Ich habe mich dann aber doch gegen das vorzeitige Test-Opening entschieden, weil das Restaurant schon ein bisschen exponiert ist, weil die da jetzt seit drei Jahren rumbauen. Und ich finde, wir sollten das aufmachen, wenn es fertig ist. Wir haben schon zwei, drei andere Baustelleneröffnungen gehabt und das wären mir dann doch ein bisschen zu viele gewesen. Wir bringen das jetzt zu Ende und eröffnen, wenn dann in ein paar Wochen alles fertig ist.

X: Sie haben vorhin Argentinien erwähnt. Dort besitzen sie fünf Farmen und einen Weinberg; wie kam es zu dieser starken Beziehung zu diesem Land?
DM: Ich war 1975 zum ersten Mal in Argentinien und habe das Land auch bereist. Und dabei habe ich diese großartige Leere, die Weite und die Großzügigkeit kennengelernt. Das Land hat mich sofort fasziniert, aber dann kam erst mal diese schlimme Zeit mit der Militärdiktatur und dann konnte man da ja, also vor allem mit meiner politischen Ausrichtung, nicht mehr hingehen. 1996 war das dann vorbei und ich habe mich entschieden, dort etwas biologisch anzubauen. Argentinien hat ja sowohl vom Boden als auch vom Klima her ideale Voraussetzungen, um dort biologische Weine von großer Qualität anzubauen.
X: Diese Bio-Idee, war die im Land schon angekommen, oder waren Sie dort als Pionier unterwegs?
DM: Im Wein-Sektor war das dort schon eher eine neue Sache. Und das sind bis heute eher wenige, die das anbieten. Und wenn, dann nur, weil die Weine her schlecht sind und sie sich durch das Bio-Siegel ein zusätzliches Verkaufsargument erhoffen.

X: Neben Bio-Fleisch und Wein engagieren Sie sich gerade auch in Sachen Schokolade …
DM: Ja, das ist so. Da ist ein Aroma-Forscher der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaft auf mich zugekommen, weil ich aus vollreifen Kaffeebeeren einen sehr aromatischen Kaffee herstelle. Er hat ein Verfahren zur Kaltextraktion von Kakaobohnen erfunden und nachdem die gesamte Industrie das abgelehnt hat, ist er auf mich zugekommen. Wir haben jetzt also seine Erfindung in ein industrielles Konzept verwandelt, wir haben jetzt also eine kleine Pilot-Fabrik, und unsere Schokolade ist eben die einzige, die nur die Aromen der Kakaobohne beinhaltet. 99,9 % der anderen Schokolade auf dem Markt arbeitet mit zugesetzten Aromen und Geschmacksstoffen. Eigentlich ist die Schokoladenindustrie der größte Etikettenschwindel der Nahrungsmittelbranche!
X: Bei Ihren vielseitigen Interessen und Ihrer bekannten Investorenrolle bekommen Sie doch bestimmt täglich eine Vielzahl von Anfragen zu neuen Projekten. Haben Sie ein Sekretariat, das diese Menge filtert und aussiebt? Wie wählen Sie aus, was Sie machen und was Sie lieber sein lassen?
DM: Ich habe schon so eine Art Sekretariat, wo die Fäden zusammenlaufen. Aber ich mache eigentlich nur Dinge, wo ich zu den Menschen, mit denen ich dann arbeite, auch eine große Empathie habe. Weil bei all den neuen Dingen, und ich betrete ja immer wieder freudig Terra incognita, ist das Wichtigste das Vertrauen und die Freude, mit jemandem zusammen zu sein. Und dann übersteht man auch schwierige Situationen und Krisen und man ist nicht in einer „Schuldzuweisungs-GmbH“ tätig.

X: Im letzten Jahr erschien das Album „Toy“. Dieses Experimentell-Spielerische ist glaube ich auch etwas ganz Zentrales in der Arbeit von Yello, oder?
DM: Absolut! Es gibt ja in diesem wild zusammengestiefelten Buch, das unter dem Namen „Die Bibel“ segelt, auch ein paar vernünftige Sätze. Und einer, der dem Wanderprediger aus Nazareth in die Schuhe geschoben wird, und vielleicht hat er das ja auch gesagt, ist: „Werdet wie die Kinder“. Und das ist ein Credo meines Lebens.
X: Das heißt, Sie haben sich das Kindliche bis heute bewahrt?
DM: Nein, nein, nicht bewahrt, das wäre ja kindisch! Es geht nicht darum, wie ein Kind zu bleiben, sondern wie ein Kind zu werden. Angesichts der ganzen Verschüttungen, die wir ja durch Schule, Beruf usw. erleben, müssen wir das, was uns ausmacht, erst wieder finden, erfinden und ausgraben. Wir sind nicht einfach funktionierende Teile einer pervertierten Gesellschaft in einem pervertierten System, wir sind Individuen. Und dieses Einzelne in sich zu entdecken ist auch eine Art der gewaltfreien Anarchie.
X: Nachdem Sie ja eine ganz eigene, auch pädagogische, Ansicht haben, vermute ich mal, dass Sie Ihre vier Kinder auch in diesem Sinne erzogen haben. Was haben Ihre Kinder denn für Lebenswege eingeschlagen?
DM: Also zuerst mal haben wir die Kinder natürlich überhaupt nicht erzogen! Kinder lernen ja vom Hingucken und Hinhören. Wenn man Kindern also sagt, was sie tun sollen, dann kommt es oft zu diesen Spannungen zwischen dem was man a: sagt und b: lebt. Wir haben die Kinder also höchstens mal versucht, vor Gefahren zu bewahren. Die haben alle Abitur gemacht und machen die verschiedensten Dinge. Meine älteste Tochter produziert Filme, meine zweitälteste Tochter führt ein sehr inspiriertes Geschäft, in dem alles selbst entworfen und produziert wird, die machen Keramik, Schmuck und Stoffe. Die Jüngste ist die kreative Kraft und hat eine große Begabung und hat das, was meine Frau Gemahlin bis vor zwei Jahren gemacht hat, übernommen. Mein jüngster Sohn studiert Geschichte und Religionsgeschichte, hat aber auch eine große Affinität zur Musik. Er hat sein eigenes Studio und produziert dort zusammen mit einem Freund sehr, sehr interessante Musik. Wir sind sehr glücklich darüber, wie sich die Kinder entwickelt haben. Sie sind auch als Erwachsene nach wie vor sehr nah an uns dran, denn sie mussten sich ja auch nie von uns emanzipieren. Eben weil wir ihnen schon als kleinen Kindern auf Augenhöhe begegnet sind und weil wir von ihnen genauso viel lernen, wie sie von uns.

X: Bei der Recherche ist mir erst bewusst geworden, wie vielseitig sie interessiert sind. Sie waren tatsächlich auch Golf-Nationalspieler?
DM: Ich war tatsächlich mal in der Junioren-Nationalmannschaft. Das war aber auch kein Zufall, ich habe mir das selber beigebracht. Ich habe im Haus meiner Eltern Golfschläger gefunden und habe dann damit im Garten rumgehackt. Meine Mutter hat mich dann darauf hingewiesen, dass es dafür spezielle Golfplätze gibt und da bin ich dann mal hingegangen. Und ich wurde dann tatsächlich in diesem doch eher versnobten Milieu aufgenommen. Ich war enorm fasziniert, und das ist wieder fast eine Allegorie auf mein Leben, aus einem Schwung heraus einen Ball auf eine Laufbahn zu bringen, von wo er dann irgendwo – hoffentlich im Ziel - landet. Und dieses „aus dem Schwung heraus etwas zu bewegen“, das ist meine Herangehensweise im Leben. Da haut man durchaus auch mal daneben, aber aus dem Danebenhauen lernt man ja auch wieder etwas!
X: Bei aller Vielseitigkeit, mit dem Begriff Multitalent können Sie sich aber gar nicht anfreunden, oder?
DM: Nein, das ist einfach ein blödes Wort. Ich fühle mich ja schon mal gar nicht besonders talentiert in irgendetwas. Vielleicht ist aber mein einziges Talent, dass ich es wage, mich auch lächerlich zu machen und auch mal auf die Schnauze zu fallen.


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