Froh dabei zu sein: Philipp Poisel

Von Herbert Grönemeyer entdeckt und unter Vertrag genommen zu werden, ist ja schon mal kein schlechter Start für eine Künstlerkarriere. Von Herbert hat Philipp Poisel auch gleich das Nuscheln und nicht gar so deutlich zu verstehende Singen übernommen. Und auch wenn der Ludwigsburger gar nicht so sehr nach Star aussieht, das zweite Album stieg sehr hoch in die Charts ein, hielt sich dort auch richtig lange und die anstehende Tour ist vielerorts längst ausverkauft und/oder in größere Hallen verlegt worden. Er spielt mit Hubert von Goisern, überzeugt im Fernsehen, covert Peter Fox und Hannes Wader - dem Mann gelingt zurzeit fast alles. In seinen Songs kommt er zwar recht melancholisch und einsam rüber, im Gespräch ist er dann aber recht beschwingt und locker.

XAVER: Philipp, das aktuelle Album heißt „Bis nach Toulouse“, was steckt hinter dem Titel?
Philipp Poisel: Die CD ist inspiriert von meinen Erlebnissen der letzten zwei Jahre, also der Zeit, die seit dem letzten Album vergangen ist. Und da habe ich schon einige freie Zeit in Frankreich verbracht und auch eine komplette Rundreise gemacht, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich lieber ans Mittelmeer oder an den Atlantik will. Das hat schon so eine Romantik, wenn man da unterwegs ist, diese ganzen Städtenamen sieht, auf der Autobahn fährt und die Sonne auf- oder untergeht. Und dann sieht man die Felder und die Landschaft und das ist es natürlich, was einen inspiriert und auch Gefühle von Sehnsucht und so in einem hervorruft. Toulouse steht da schon als Sinnbild. Für eben so ein Stück Freiheit oder eine Welt, in der alles gut ist. Ein Ort, an dem alles gut ist. Ich habe mit meinen Eltern früher viele Urlaube in Frankreich verbracht und daher auch noch viele Erinnerungen an eine gute, unbeschwerte Zeit. Dadurch hat sich dieses Bild in mir gefestigt, dass in Frankreich irgendwie diese gute Zeit liegt und das somit auch ein Ort ist, an den man sich wünscht, wenn einem hier alles zuviel wird. Und tatsächlich ist es auch so, dass ich gerne nach Frankreich fahre und im Auto dorthin unterwegs bin.
X: Aber Du warst selbst noch nie in Toulouse?
PP: Nein, aber ich hätte nur von der Autobahn abfahren müssen, man sieht die Abfahrt auch auf dem Cover der CD!
X: In der Info zum Album steht, dass Du Dich dieses Mal weiter aus dem Fenster gelehnt hast als je zuvor - was meinst Du damit?
PP: Damit meine ich, dass ich mich diesmal getraut habe, auch bei Arrangements in Richtungen zu gehen, die einer Band bedürfen. Weil einfach klar war: Es gibt eine Band. Und diesmal war klar, man kann auch mal Songs wagen, die man z.B. alleine auf der Gitarre nicht so gut interpretieren kann. Insofern habe ich mich weiter aus dem Fenster gelehnt und in einer Banddimension gedacht und nicht nur an Akustikgitarre mit so ein bisschen was drum herum. Ich war dann freier, einfach das zu machen, von dem ich denke, dass es gut klingt.
X: Reisen ist für Dich als Mensch und Musiker sehr wichtig, oder?
PP: Es war mir immer total wichtig und auch eine große Leidenschaft oder etwas, was meinem Leben Bedeutung gegeben hat. Also dieser Wunsch danach unterwegs zu sein, der ist immer noch da. Das ist jetzt durch die aktuelle Situation ein bisschen in den Hintergrund getreten. Ich bin eigentlich so frei wie nie zuvor in dem, was ich mache, aber auf der anderen Seite ist man dann seinem eigenen Projekt irgendwie verpflichtet. Oder man will alles so gut machen, dass man sich für die anderen Sachen keinen Freiraum mehr lässt. Es ist für mich auch eines der größten Gefühle, wenn man im Auto sitzt und weiß, man fährt Richtung Süden. Dann kann ich wirklich allen Ballast abwerfen und fühle mich als freier Mensch. Ich habe auch mal versucht, mich mit der Gitarre durchzuschlagen. Das war eine großartige Form von Freiheit, weil einem keiner sagt, was man zu machen hat. Man ist auf der Straße auch abhängig, aber man hat es immer genau in dem Moment selbst in der Hand, was man macht. Ob man jetzt spielt, ob ein paar Münzen reinkommen oder ob man sich an den Strand legt oder weiter trampt. Es gibt einem ein großartiges Gefühl frei zu sein. Auf der anderen Seite ist man natürlich auch total beschränkt, weil man ja kein Bett hat und ständig Stress und gucken muss, wo man die nächste Nacht verbringt, was man isst und wie man weiter kommt.
X: Hast Du auf der Straße dann eigene Songs gespielt oder Sachen gecovert?
PP: Hauptsächlich gecovert. Vor allem Stücke, die man laut singen kann, denn darauf kommt es an, wenn man Straßenmusik macht! Goo Goo Dolls, Bob Dylan und auch Wir sind Helden waren da dabei…
X: Anfang 2009 wurde bei Dir ein Tumor diagnostiziert. Welche Auswirkungen hatte das, neben dem wohl davon inspirierten Stück „Froh dabei zu sein“, auf dein Album und dein Leben?
PP: Also dieses Erlebnis hat sich bestimmt nicht insgesamt auf die Platte ausgewirkt. Es gab eine Zeit, da hat mich das sehr beschäftigt. Vor allem als ich im Krankenhaus war, weil ich halt eine Diagnose hatte, die sehr unklar war, da zieht man sich dann schon warm an, um auf alles gefasst zu sein. Und da macht man sich tatsächlich auf das Schlimmste gefasst und dann kommen natürlich auch Gedanken wie „was, wenn man nicht mehr so lange hat?“ Und da habe ich schon auch gemerkt, dass ich gar keinen Bock habe, irgendwie vorzeitig hier abzutreten und deshalb kommen dann auch Verlassensängste auf. Also man liegt auf dem Bett - es stehen zwar die Leute da, die man gerne hat, die einem wichtig sind und die sind zwar da, aber man weiß, wenn man jetzt irgendwie schwer krank ist und es lässt sich nichts machen, dann kann einem keiner mehr helfen. Ich habe dann aber in den Tagen trotzdem eine sehr, sehr positive Zeit gehabt, weil ich irgendwie total in dem Moment war. Meine Freunde sind da, meine Familie. Und deshalb ist eigentlich alles wunderbar so. In der ersten Zeit ich war dann sehr bedacht und sehr gesundheitsbewusst. Inzwischen esse ich auch wieder das Schwarze vom Fleisch und habe mein Handy in der Hosentasche. Was für mich auch zeigt, dass ich gerade auch nicht die Krankheit im Hinterkopf habe. Oder die Angst, dass ich irgendwie krank sein könnte, sondern dass es mir wieder gut geht. Es ist im Moment eigentlich gar kein Thema für mich ist.
X: Abseits der Bühne wirkst Du meist positiv und sorgenfrei. Deine Musik wird aber gerne mal als „melancholisches Gejammer“ eingeordnet. Wie viel von Dir steckt in Deiner Musik?
PP: Ich denke, dass meine Musik mich wahrscheinlich nicht komplett repräsentiert, sondern nur einen Teil von mir widerspiegelt. Und das sind auf der einen Seite Sorgen oder Gedanken, die man sich macht. Kummer, Liebeskummer und was sonst dazu gehört. Und so eine Sehnsucht, die ich habe. Natürlich sind das Sachen, die bestimmt jeder kennt. Auch der, der mehr so eine Frohnatur ist, hat bestimmt auch Sehnsucht nach Geborgenheit und Zuneigung. Und auch Sehnsucht nach was Neuem und Unbekanntem an Tagen, an denen man voller Tatendrang ist. Das sind eben Teile von mir, die ich gut in die Musik reinlegen oder gut ausleben kann. Oder auch Situationen, die im echten Leben schwierig sind, wie z.B. bei „Wie soll ein Mensch das ertragen“. Da geht es ja um die Situation, wie es ist, wenn man für jemanden mehr empfindet, obwohl es eigentlich so offiziell nur eine Freundschaft oder so was ist. Ich habe am Anfang eine Zeit lang immer gedacht, meine Musik nach außen hin so zu repräsentieren, aber ich habe mich dann dazu entschieden, so zu sein, wie ich bin. Es gibt Situationen da bin ich furchtbar schüchtern, da sage ich irgendwie kein Wort. Und manchmal fühle ich mich wohl und dann kann man mich auch als heiteren Menschen erleben.
X: Ist das dann alles autobiographisch oder auch teilweise ausgedacht?
PP: Ich mache eigentlich nur, was ich irgendwie erlebt oder gefühlt habe. Ansonsten macht es mir auch keinen wirklichen Spaß. Ich brauche schon das Gefühl, dass das, was ich da interpretiere, von mir kommt und der Hintergrund mein Leben ist. Es gibt natürlich die Versuchung. Oft sieht man irgendwelche Tendenzen oder Trends oder was irgendwie andere Leute machen und denkt: „Ah das ist cool! So was will ich auch mal machen, so einen Sound.“ Und dann versucht man in der Richtung was zu machen und merkt, dass man gerade dabei ist, etwas zu kopieren und das funktioniert dann nicht.
X: Du kommst aus und wohnst auch immer noch in Ludwigsburg. Ist das eine bewusste Entscheidung gegen Musikermagnet-Metropolen wie Berlin und Köln?
PP: Auf jeden Fall und dessen bin ich mir auch bewusst, dass Ludwigsburg eigentlich ein ganz guter Kompromiss ist. Also in Berlin, da wäre ich wahrscheinlich ständig verwirrt, zumindest was Musik machen angeht. Da wäre ich tatsächlich dauernd abgelenkt und man muss sich auch teilweise im Internet verkneifen, danach zu schielen, was andere machen.
X: Wie ist denn Dein Verhältnis zu Deinem Labelboss Herbert Grönemeyer?
PP: Wir sehen uns gelegentlich. Mal trifft man sich vielleicht zum Frühstück oder zum Mittagessen und er schaut auf den Konzerten vorbei, wenn es ihm die Zeit irgendwie erlaubt. Da trifft man sich natürlich und unterhält sich. Auch über Sorgen oder die Frage, wie es so weitergeht. Dann hat er manchmal auch den ein oder anderen guten Tipp parat. Aber ich glaube, der Chef ist ganz zufrieden.
X: Deine Mutter hat Dich wohl seit jeher stark unterstützt in Sachen Musik machen. Stimmt es, dass Du sogar Musiklehrer werden wolltest, an der Schule aber nicht genommen wurdest?
PP: Stimmt tatsächlich und ich habe mich damals auch ein bisschen geärgert über dieses System. Ich wollte Realschullehramt für Musik machen. Aber die Musikprüfung... ja, ich war wirklich enthusiastisch und hatte das Ziel Musikunterricht zu machen, der jungen Menschen auch wirklich Spaß bereitet, aber das Fach Musik ist oft ziemlich... Mein Musikunterricht war nie so besonders großartig. Also ich hatte da auf jeden Fall so ein Ziel, so eine Mission irgendwie und bin dann kläglich gescheitert an dieser Prüfung. Man sagte mir auch, ich sollte dringend noch mal Gitarrenunterricht nehmen, weil was ich da auf der Gitarre machen würde, wäre absolut nicht ausreichend. Also ich habe mir immer ein Schlagzeug gewünscht. Ich fand die Vorstellung cool, am Schlagzeug zu sitzen. Und schon fest in dem Glauben, ich würde ein Schlagzeug bekommen, hat mir meine Mutter dann eine Gitarre geschenkt. Und irgendwann habe ich auch angefangen, mich mit dieser auseinanderzusetzen. Meine Eltern haben mich schon irgendwie immer meinen Weg gehen lassen, aber dass sie mich am Musikinstrument außerordentlich gefördert hätten, kann man nicht sagen. Es war eher so, dass ich nach der Schule irgendwie an die Gitarre ran bin und meine Mutter dann gefragt hat, ob es denn nichts für die Schule zu machen gäbe.
X: Es läuft ja alles prächtig für Dich dieser Tage, hast Du Pläne für die Zukunft?
PP: Ich habe gemerkt, dass ich manchmal bin wie ein Hund, der ein Reh im Wald riecht und dann ganz plötzlich auf etwas ganz anderes Lust hat. Ich versuche, mir immer so ein bisschen die Hintertür offen zu halten, um notfalls das noch machen zu können, wozu ich gerade Lust habe, und um mich nirgends festzulegen, nur weil ich da am besten sein kann. Wenn ich bei irgendwas leidenschaftlich dabei bin, ist das optimal. Und was morgen ist, weiß eh kein Mensch.


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