Essenz ohne Geschwür: Silbermond

Fast unbemerkt haben sich Silbermond über die letzten 20 Jahre von einer Teenieband zu einer ernst zu nehmenden, erwachsenen Band entwickelt. Was als Schülerband begann, hat die Jahre überdauert, was schon immer eine Art „Familienunternehmen“ war, ist noch enger geworden, seit Sängerin Stefanie Kloß und Gitarrist Thomas Stolle ein gemeinsames Kind haben. Vor ein paar Wochen erschien nach einer längeren (Baby-)Pause ihr mittlerweile sechstes Album. XAVER traf die Sängerin zusammen mit Schlagzeuger Andreas Nowak auf ihrer Promotour in Ulm. Beide sind richtig gut gelaunt und freundlich – obwohl so eine Promotour auch ganz schön stressig ist und man von einem Termin zum nächsten hetzt. Beim kurzen Gespräch bleiben natürlich viele Fragen unbeantwortet, aber das müssen wir dann eben auf der Tour Anfang 2020 klären!

XAVER: Hallo, ihr zwei, erst mal ganz herzlichen Glückwunsch zu Platz eins in den Albumcharts – ich konnt’s erst gar nicht glauben, dass ihr euer Album tatsächlich in der Vorweihnachtszeit veröffentlicht, weil da ja an sich nur Weihnachtsalben, Robbie Williams, Helene Fischer und Co. Chancen auf die oberen Plätze haben.
Andreas Nowak: Coldplay nicht zu vergessen!
Stefanie Kloß: Boah, das dachten wir auch. Und eigentlich wollten wir auch viel schneller fertig werden. Und dann haben wir doch noch etwas mehr Zeit gebraucht und der Veröffentlichungstermin wurde entsprechend weiter nach hinten und näher ans Weihnachtsgeschäft geschoben. Aber wir hatten dann ja doch sehr viel Glück und das ist sehr schön!
X: Na, na, nicht so bescheiden, neben dem Glück habt ihr vor allem auch ein richtig starkes Album gemacht!
SK: Ja, wir sind auch sehr glücklich mit dem Album. Auch wenn wir zu einem gewissen Punkt dann eben loslassen und es aus der Hand geben mussten. Aber man gibt es ja nicht nur aus der Hand, sondern auch in andere Hände und es ist jetzt schon, wo das Album noch gar nicht so lang draußen ist, der Knaller, was die Leute uns dazu schreiben. Die verbinden das dann total mit ihrem Leben und das ist dann das, was die Platte immer noch wachsen lässt. Für mich ist so eine Platte ja nie zu Ende, selbst wenn sie dann gepresst ist. Für mich wachsen die Songs auch danach immer noch weiter. Sonst könnten wir solche Songs wie „Sinfonie“ und „Durch die Nacht“ gar nicht mehr spielen, weil die ja irgendwie schon ewig her sind. Aber ich finde das Wahnsinn, wie die in den Konzerten und durch die Geschichten der Fans so wachsen … Und deswegen finde ich das auch so schön, mir diese persönlichen Geschichten der Fans durchzulesen.
X: Wenn du sagst, die Songs und Alben wachsen immer noch weiter: Habt ihr mitbekommen, was Marius Müller-Westernhagen auf seinem aktuellen Album gemacht hat?
SK: Ja, er hat ein altes Album komplett neu aufgenommen.
X: Genau, sein Debütalbum sogar, und zwar mit einer Bluesband in einer alten Kirche in der Nähe von Woodstock, USA.
AN: Cool, eine ganz geile Idee an sich.
X: Habe ich so vor allem auch noch nicht gehört. Klar, es gibt Bands, die ein Best-of-Album live einspielen oder etwas in der Art.
AN: Ich war mal bei Dredg und die haben dann live auch ihr Debütalbum, „Leitmotif“, am Stück gespielt.
X: Grandiose Band. Besonders der Drummer, der ja nicht nur überragend Schlagzeug spielt, sondern streckenweise sogar noch gleichzeitig Keyboard. Hast du ein Lieblingsalbum von Dredg?
AN: (überlegt) „Catch Without Arms“, die ersten drei sind aber alle sehr gut.
X: Wohl wahr; bei mir ist „El Cielo“ ganz knapp vorne, aber sorry, Stefanie, wir wollen hier nicht zu sehr ins nerdige Fachsimpeln abdriften!
SK: (lacht) Nee, kein Problem, ich mag die Band auch sehr gern.

X: Zum neuen Album: Das bringt es auf zehn Songs und 35 Minuten Spielzeit. Wie ist das bei euch, nehmt ihr mehr auf und entscheidet dann später, was wie aufs Album kommt oder hattet ihr vielleicht gar nicht mehr Songs, als jetzt auf dem Album sind?
SK: Doch, doch, wir hatten mehr. Tatsächlich haben wir, kurz bevor wir das Album abgegeben haben, sogar noch zwei Songs runtergeschmissen. Wir wollten dieses Mal einfach, dass die Platte wirklich rund ist. Wir wollten dieses Mal, dass da kein Song dabei ist, wo später jemand sagt, dass er auf den eigentlich auch verzichten könnte, aber wenn die anderen den wollen … Das war eben der Plan, dass es dieses Mal eben wirklich die Essenz ist. Wobei ich die Leute auch gut verstehen kann, die sich wundern, dass es nur zehn Songs sind. Aber wir hatten sonst immer 14 oder auch mal 16 Songs. Dieses Mal sollte es eben ein Fluss sein, homogen eben und ohne komische Ausreißer.
X: Im Mai hattet ihr mit „Mein Osten“ ja schon einen neuen Song veröffentlicht und mit dem hatte ich irgendwie auch auf dem Album gerechnet – aber hey, Rechnen war ja noch nie so mein Ding!
AN: Es war auch nie der Plan, dass der aufs Album kommt. Das war von Anfang an unabhängig von der Albumproduktion geplant – obwohl wir zu der Zeit durchaus auch schon andere Songs fürs Album eingespielt hatten.
X: Wenn ihr dann aber dieses Mal noch kurzfristig zwei Songs gestrichen habt, gibt es dann irgendwo eine Schublade mit massig unveröffentlichten Songs und kommt da vielleicht mal eine Veröffentlichung?
SK: Oh, ich glaube, dafür wäre Thomas nicht zu haben. Das ist so ein Typ, der ungern auf alte Demos zurückgreift. Wir hatten auf ein paar Konzerten der „Leichtes Gepäck“-Tour auch schon ein, zwei Songs live gespielt, die jetzt auch nicht auf dem Album sind. Und die Songs sind ja nicht weg, aber es fühlt sich tatsächlich auch irgendwie komisch an, alte Songs wieder auszugraben, weil man im Kopf ja schon viel weiter ist. Mit etwas Abstand würde man dann eben manches schon wieder anders machen oder schreiben. Das passiert also eher selten, dass wir uns aus der Schublade wieder etwas rausgreifen.

X: Habt ihr in der Band eine absolute Demokratie, muss also eine Mehrheit oder gar jeder dafür sein, etwas zu machen?
AN: Das ist schon eine Demokratie. Falls aber tatsächlich ein Einzelner ganz böse Bauchschmerzen mit einer Entscheidung hat und alle anderen sind dafür, dann hört man schon auf den Einzelnen, bevor das bei dem dann ein Geschwür wird. Das ist aber auch wichtig; jeder muss eine gleichberechtigte Meinung haben, sonst wird das Verhältnis auch indifferent und schwierig.

X: Ich habe im Vorfeld auch irgendwo gelesen, dass ihr über ein Ende der Band nachgedacht habt. Wo lag denn das Problem?
SK: Das hast du zu diesem Album jetzt gehört?
X: Ja, als ich mich eben vor dem Interview durchs Netz gegraben habe.
SK: Da wurde etwas aus dem Kontext gerissen, weil wir nämlich in einem Radiointerview über die Zukunft der Musik gesprochen und gesagt haben, dass vieles sich ja eher in Richtung einzelner Songs bewegt, die digital veröffentlicht werden, und wir heute ja noch nicht wissen, ob wir überhaupt noch mal ein Album veröffentlichen werden. Von einer Trennung der Band war also nie die Rede. Und es heißt ja auch im ersten Song auf dem Album, dass wir da so viele neue Lieder im Ohr sind… Wir kucken so krass nach vorne und haben irgendwie auch das Gefühl, dass es jetzt erst so richtig losgeht!
X: Der letzte Song auf dem neuen Album heißt ja „Ein schöner Schluss“; das hätte man ja auch in die Richtung interpretieren können.
SK: Wir hatten vor der Veröffentlichung des Albums die Tracklist veröffentlicht und da haben viele Fans tatsächlich nachgefragt, ob das ein Abschiedssong ist und wir aufhören. Aber gerade der Song ist … Du hast das doch heute in einem anderen Song ganz schön gesagt … wie hast du „Ein schöner Schluss“ genannt?
X: „Ein Liebesappell ans Leben“?
SK: Ja, genau. Und wir haben es ja auch wirklich gut. Wir haben diese Band, wir dürfen unterwegs sein und zusammen Musik machen. Und sind dabei immer noch die besten Freunde und haben das nicht verloren in diesem Musikbusiness. Und wir haben eine Familie, die toll ist und uns unterstützt, in allem, was wir tun. Wir sind gesund. Das sind alles so Sachen, wo ich mir sage: Wenn es jetzt vorbei wäre, dann wäre das echt o. k. Dieser Gedanke, dass es schön ist, wie es ist, der fehlt auch immer wieder mal im Alltag.

X: Was mich auch etwas gewundert hat: Es sind gar keine Gäste auf dem Album. Stefanie hat ja auch am einen oder anderen TV-Format mitgewirkt und zum Beispiel Moses Pelham taucht auch immer wieder mal als Überraschungsgast bei euren Shows auf. Ist das generell nicht so ein Thema bei euch oder hat sich dieses Mal einfach nichts ergeben?
SK: Also generell haben wir da kein Problem damit, wir hatten in der Vergangenheit ja zum Beispiel schon Xavier Naidoo und auch mal Jan Delay dabei. Wir sind also nicht prinzipiell gegen so was, aber wir sind prinzipiell gegen etwas zu arrangiertes. Das also von außen so was an uns herangetragen wird, weil jemand eben zufällig bei derselben Plattenfirma ist oder so was. Wenn aber auf natürliche Art und Weise etwas entsteht, dann ist das cool.

X: Nur wart ihr noch nie eine Band, die über Drachen, Schwerter und sonstigen Schmonz geschrieben hat; das war immer aus dem Leben gegriffen. Beim neuen Album ist das aber noch eine Stufe persönlicher geworden. Einerseits sind rund um die Entstehung mehrere Leute im engeren Umkreis der Band gestorben, andererseits gab es im engsten Kreis ein neues „Bandmitglied“. Wurdest du durch deine eigene Mutterrolle vielleicht auch gezwungen, dich mit der einen oder anderen Sache in deinem Leben noch mal neu zu beschäftigen?
SK: Ja. (überlegt) Ich weiß auf jeden Fall, was du meinst. Das sind auch so Sachen, gegen die man sich nicht wehren kann. Da kommt dann so ein Wurm in dein Leben und dann ändert das eben auch deine Sichtweise auf ganz, ganz viele Dinge. Ich denke, jeder, der das schon mal erlebt hat, weiß, dass das etwas mit einem macht, wenn Menschen gehen. So etwas lässt einen nicht kalt und man denkt dann eben auch darüber nach, was man mit der eigenen Lebenszeit so anfängt. Oder auch: Wo fängt Leben an und wo hört es auf und was machen wir eigentlich dazwischen und wie wertvoll wollen wir das gestalten? Und je wertvoller wir das gestalten, ist es dann nicht auch umso leichter für die Menschen, denen wir etwas Gutes hinterlassen? Und so ein Song wie „Hand aufs Herz“ ist etwas, das fast automatisch kommt, dass du dir überlegst, wie du gerade so in deiner Elternrolle bist, ob du alles richtig machst und ob man vielleicht gerade genau so ist wie die eigenen Eltern. Und ist das gut oder will man nicht eigentlich ganz anders sein? Da wird einem manchmal auch erst bewusst, was die eigenen Eltern geleistet haben. Meine Mutter hat so vieles ganz allein mit mir und meiner Schwester gewuppt – wow. So was erdet dann auch sehr und lässt einen noch mal für so vieles dankbar sein.

X: Im Song „Für Amy“ geht’s um ein Mädchen so um die 14 Jahre und du schreibst im Text, dass du selbst heute nicht noch mal so alt sein möchtest. Auch und besonders wegen dieses ganzen Inszenierungsdrucks durch Instagram & Co. Ihr seid aber selbst auch auf verschiedenen Social-Media-Plattformen präsent und aktiv, und wie so vieles, ist das eben auch ein zweischneidiges Schwert. Man kann und will ja auch nicht alles komplett verteufeln.
SK: Wir sind auch keine Typen, die alles komplett verteufeln, was Weiterentwicklung angeht. Was will man denn auch machen? Soll man Streaming kacke finden und wieder Kassetten verkaufen? Bei allen diesen Entwicklungen muss man eben abwägen; für vieles sind wir ja auch dankbar. Gerade was Musik angeht und wie man an Informationen kommt, ist das Internet ja die bahnbrechendste Entwicklung, die es gibt. Ich hänge so gerne nach Konzerten bei Instagram ab und schau mir an, wie die Leute das gesehen haben, was ihre Highlights waren und ihre Stimmung. Ich liebe es, diesen direkten Draht zu den Leuten zu haben.
X: Das heißt ihr managt eure Profile auch alle selbst und habt keine Angestellten, die sich darum kümmern?
AN: Nee, nee, das machen wir schon alles selbst.

X: Noch mal zurück zu emotionalen und persönlichen Songs und Texten. Ich stelle mir das sehr schwierig vor, so intime Sachen wie „In meiner Erinnerung“, wo es um deinen viel zu früh verstorbenen Vater geht, zu schreiben, aufzunehmen und dann auch noch vor Tausenden von Leuten live zu singen.
SK: Wir haben das ganze Album ja zusammen eingespielt.
X: Ihr habt das Album komplett live eingespielt? Wie cool!
SK: Und grad bei „In meiner Erinnerung“ haben die Jungs immer souverän gespielt und dann schon gemerkt, o. k., das müssen wir wegen Stefanie noch mal machen. Und noch mal. Und noch mal … Das war und ist nach wie vor nicht easy. Und jetzt, wo wir unterwegs sind und das auch ab und zu mal spielen, geht es mittlerweile ganz gut – so lange nur wenige Leute im Raum sind. Also etwa bei einem Radiosender, wo neben uns nur ein Kameramann und ein Assistent mit im Raum sind – dann geht das gut. Je mehr Leute im Raum sind, desto schwieriger ist es.
X: Das heißt, ihr wünscht euch, dass möglichst wenige Leute zur Tour Anfang 2020 kommen!
SK: (lacht) Ja genau, kommt bitte nicht nach München, Nürnberg und Stuttgart! Ich hoffe, dass ich das bis dahin hinkriege … mal sehen. Bis jetzt war es immer eine große Herausforderung. Ich lass das jetzt einfach mal auf mich zukommen.

X: Bevor ihr damals als Schülerband eigene Songs gemacht habt, wart ihr eine ganze Zeit als Coverband unterwegs – was waren damals so die Hits auf eurer Setlist, könnt ihr euch noch erinnern?
SK: Ja, klar! Klassiker waren auf jeden Fall „Ironic“ und „You Oughta Know“ von Alanis Morissette …
AN: „Otherside“ und „Aeroplane“ von den Red Hot Chili Peppers … „I Will Survive … Beatles …
SK: „Twist And Shout“, genau!
X: Und was würdet ihr heute covern, wenn ihr noch eine Coverband wärt?
AN: Na ja, Billie Eilish müsste dabei sein.
SK: Wir haben letztens in einer Fernsehshow als Liveband im Studio mitgemacht. Da mussten bei Joko & Klaas Familien irgendwelche Wettschulden einlösen. Und die mussten dann anhand ganz weniger Töne ein Lied erkennen. Und da hatten wir richtig Bock drauf und Spaß dran, noch mal als Coverband anzutreten. Was haben wir da denn alles gespielt?
AN: Nena war ganz geil!
SK: Genau, „99 Luftballons“, oder auch Juju und Henning May mit „Vermissen“, und „Griechischer Wein“ haben wir auch gespielt! Wir haben da nach wie vor Spaß dran und bei den Sessions in letzter Zeit haben wir auch immer „Go Your Own Way“ von Fleetwood Mac gespielt.


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