Einmal Gehirn anmachen! Jupiter Jones

2011 war definitiv das Jahr von Jupiter Jones. Mit ihrem vierten Album und der Übersingle „Still“ kam der lang verdiente Durchbruch. „Still“ war letztes Jahr der meistgespielte deutsche Song im Radio, hat sich als Single mittlerweile über 360.000 Mal verkauft und hat der Band viele Türen geöffnet. Maßgeblich mitverantwortlich für den Erfolg ist der Gitarrist und Manager der Band, Sascha Eigner, seines Zeichens Wahlhamburger, Hundebesitzer und offensichtlicher Literatursympathisant - oder wie viele Leute kennt Ihr mit einem fetten Hermann Hesse-Tattoo auf der Brust? Optisch wirkt der Mann erst mal etwas schratig bzw. Bartträger des Jahres-Auszeichnungs-verdächtig. Das XAVER-Gespräch verlief aber sehr angenehm; ein schlauer, freundlicher, eloquenter und einfach angenehmer Zeitgenosse. Im Juni gastiert er mit seiner Band im Ulmer Zelt - hingehen!

XAVER: Moin Sascha. Du bist ja nicht nur Gitarrist, sondern auch Manager von Jupiter Jones. Bist Du denn ein typischer Frühaufsteher? Interviews morgens um zehn sind ja eher unüblich…
Sascha Eigner: Ja, das muss ich eben. Ich muss morgens quasi ins Büro und allerspätestens um zehn bin ich dann auch hier.
X: Bist Du dann auch auf Tour immer schon um die Zeit aus den Federn?
SE: Ja, schon. Ich habe seit fünf Jahren immer den Hund dabei, und da muss man eben früh raus.
X: Du sagtest eben, dass Du immer viel im Büro zu tun hast. Nach drei Platten auf Eurem eigenen Label habt Ihr das aktuelles Album in Zusammenarbeit mit dem Major Columbia Berlin/Sony Music veröffentlicht - und Du musst immer noch so viel selbst erledigen?
SE: Es ist sogar mehr Arbeit geworden, weil die Band eben größer geworden ist. Es ist nicht mehr unbedingt die gleiche Arbeit, da hat sich einiges verlagert. Vorher habe ich das Label noch dazu gemacht, und das war eben klassische Labelarbeit wie Produktmanagement, Zusammenarbeit mit den ganzen Promotern, Kontakt zum Vertrieb und so weiter. Das ist jetzt natürlich fast weggefallen, weil ich bei der Sony einen Produktmanager habe, mit dem ich sehr eng zusammenarbeite, so dass ich meine Erfahrungen aus den letzten Jahren mit einbringen kann. Aber gerade im Bereich Management ist es enorm mehr Arbeit geworden, weil es mehr zum Abklären gibt und weil man viel genauer hinschauen muss - wo sich die Band jetzt hin entwickeln soll etwa und wie wir das hinbekommen.
X: Du erwähntest eben den engen Kontakt mit der Sony. War die Entscheidung für das Label eine Personenentscheidung - es waren ja bestimmt mehrere Labels an Euch interessiert?
SE: Ja, auf jeden Fall. Wir hatten tatsächlich mehrere Angebote und wir haben schon im Demostadium des Albums mit vielen Leuten gesprochen. Mir war es besonders wichtig, dass das Team stimmt, dass die verstehen, wo diese Band herkommt und was sie geleistet hat in den letzten Jahren und wo unsere Fanbase ist. Was wir machen können und wollen und was eben nicht, dass wir z.B. nicht ständig im Fernsehgarten rumstehen können, weil das eben nicht unser Ding ist. Und das Team von Columbia/Sony Berlin hat unsere dahingehenden Visionen am ehesten geteilt.
X: Wart Ihr sehr angespannt, als das neue Album dann fertig war und die ersten Reaktionen von Fans und Presse anstanden?
SE: Ja, natürlich. Uns war eben auch klar, dass das viele unserer seitherigen Fans nicht verstehen werden, diesen Schritt weg vom Do-It-Yourself hin zum Majorlabel. Es gab zu Anfang schon auch einige Reaktionen in dieser Richtung, warum das denn jetzt sein musste und dass wir unsere Seele verkauft hätten. Uns war es nach zehn Jahren durchaus klar, dass das ein ganz wichtiger Schritt ist. Mir war bewusst, hätten wir jetzt „nur“ 10.000 CDs verkauft, hätte das gleichzeitig bedeutet, dass die Band nach und nach auslaufen würde. Ich habe mich auch dafür entschieden, zu einem Majorlabel zu gehen, weil das einfach finanziell nicht mehr machbar war. Wenn man das Label selber betreibt, muss man immer unglaublich viel Geld vorschießen und investieren, bevor das Album dann erscheint.
X: Die von Dir erwähnten 10.000 Einheiten habt Ihr ja locker getoppt, goldene Schallplatte für 100.000 verkaufte Exemplare ist mein letzter Stand...
SE: 150.000 sind’s mittlerweile.
X: Krass. Ab einer bestimmten Zahlengröße kommt man mit dem Vorstellen ja nicht mehr hinterher, aber 100.000 Leute, das sind fast so viele wie Trier Einwohner hat… sick, oder?
SE: (zögert) Ja, das ist für die heutige Zeit sehr viel. Allerdings ist es im Vergleich zu vor zehn Jahren wenig. Wir hätten vor fünfzehn Jahren etwa das Zehnfache verkauft. Weil da eben das leidige und dieser Tage auch wieder viel diskutierte Thema mit den Raubkopien nicht da war. Für heutige Verhältnisse ist es sehr viel. Aber man muss sich auch mal überlegen, dass jedes Wochenende Hunderttausende in die Fußballstadien gehen und da ihre Tickets zahlen, und für eine Band sind 100.000 verkaufte Alben schon ein Riesenerfolg. Im Vergleich zu vielen anderen Dingen ist es dann doch noch sehr wenig.
X: Neben der goldenen Schallplatte gab’s auch einen Echo, Preise, Auszeichnungen. Ist Euch sowas wichtig?
SE: Das war schon eine wichtige Sache. Der Echo ist nun mal der wichtigste deutsche Musikpreis und auch einer der wichtigsten internationalen. Und außerdem war das ein Fanpreis. Da ging es nicht nur um schnöde Zahlen, sondern da haben die Fans für ihre Band abgestimmt und somit ist dieser Radio-Echo auch ein ganz besonderer Preis für uns. Die Konkurrenz war ziemlich gut und hatte zum Teil auch viel Internet-affinere Fans.
X: Und wo steht der Echo dann?
SE: Wir haben tatsächlich jeder einen bekommen. Das ist eine häufige Frage, ob’s da nur einen gab oder ob jeder einen hat - ich habe in meiner Wohnung ein Zimmer, in dem ich mir ein Studio aufgebaut habe, für neue Songs und so. Und da steht er auf einem Fender Rhodes.
X: Stichwort Studio. Ihr habt seither immer etwa im Zweijahres-Rhythmus neue Alben veröffentlicht - dann seid Ihr doch bestimmt schon wieder dabei, neues Material zu testen?
SE: Leider noch nicht! (lacht) Wir waren im letzten Jahr bestimmt 300 Tage unterwegs in Sachen Promotermine und natürlich Auftritte. Und ich brauche immer extrem viel Ruhe, ich kann das nicht so zwischen Tür und Angel und ich kann auch nicht im Tourbus neue Songs machen. Das hatten wir auch noch nie, dass so viel um uns herum passiert ist, dass wir nicht dazu gekommen sind, an neuem Material zu arbeiten. Das nächste Album ist ganz grob für nächstes Jahr im Sommer angesetzt.
X: Produziert hat wieder Wolfgang Stach. Das ist ja ’ne Marke - BAP, Guano Apes, Moby, Emil Bulls... wie seid Ihr auf den gekommen?
SE: Wir kennen ihn schon ziemlich lange. Und zwar haben wir 2005 mal einen Wettbewerb gewonnen, bei dem ein Teil des Preises eine eintägige professionelle Produktion war. Und der Produzent war zufällig Wolfgang Stach. Damals haben wir schon gemerkt, dass das mit ihm und uns wunderbar funktioniert.
X: O.k., ist der Wolfgang Stach dann mittlerweile so eine Art Hausproduzent für Euch geworden oder habt Ihr Euch fürs nächste Album noch nicht festgelegt?
SE: Also sagen wir mal so, wir haben darüber noch nicht ganz konkret gesprochen, aber zu 95 Prozent werden wir das nächste Album mit Wolfgang machen. Wir kennen uns jetzt eben schon sehr, sehr gut und haben das Gefühl, dass wir zusammen noch etwas bewegen und mehr aus uns rausholen können.
X: Kam mit dem Erfolg auf breiter Ebene auch das ein oder andere seltsame Angebot, das Ihr dankend abgelehnt habt? Du sagtest vorhin, dass Ihr nicht unbedingt in den Fernsehgarten wollt…
SE: Ja, die kommen immer wieder und da muss man dann jedes Mal wieder abwägen, ob man das machen will, ob das cool für die Band ist und zu uns passt. Wir waren ja letztes Jahr auch bei The Dome und da gab’s schon irritierte Kommentare, „Wie könnt Ihr denn DA hingehen?“ usw.. Aber wir haben das für uns besprochen, fanden das im Prinzip gar nicht schlimm und haben gesagt, dass es eben nur eine Fernsehsendung ist.
X: Aber das ist doch Vollplayback, oder?
SE: Nee, das ist Halb-Playback. Aber bei so einer Riesenproduktion mit 15 Bands, da kannst Du nicht alle live spielen lassen. Das ist ja beim Bundesvision-Songcontest nicht anders.
X: Auf Wikipedia werdet Ihr als Punkrock-Band bezeichnet. Eine andere bekannte deutsche Punkrock-Band aus Berlin (aus Berlin!) spielt ihren größten Erfolg in Sachen Charts nicht mehr bei ihren Konzerten. Habt Ihr noch Spaß an Eurer Übersingle „Still“?
SE: Ja, klar. Denn wenn wir keinen Spaß mehr dran hätten, dann würden wir das auch nicht spielen - auch wenn man das vielleicht nicht glauben mag. Es gibt uns jetzt zehn Jahre und es gibt Songs, die haben wir weitaus öfter gespielt als „Still“. Wir spielen z.B. auf jedem Konzert „Auf das Leben“, wir spielen auf jedem Konzert „Kopf hoch & Arsch in den Sattel“. Das ist eben so in einer Bandkarriere, dass man bestimmte Songs einfach immer spielt, weil sie so mit einem verwachsen sind und weil man sie auch selber so gut findet und natürlich auch das Publikum sie hören will. Wir haben also gar kein Problem mit dem Song, er hat uns ja auch so viel Gutes gebracht.
X: Bis zu einem gewissen Grad ist die Single auch so eine Art „Trojanisches Pferd“, oder? Der Song ist ja eher untypisch für den Rest des Albums - gab’s da auch schon empörte Reaktionen?
SE: Ach, bei amazon gab es da schon ein oder zwei Rezensionen, deren Autoren sehr enttäuscht waren, dass außer „Still“ und „Berlin“ nichts mehr für sie dabei war. Da muss ich mich aber fragen, ob die die Reinhörfunktion entdeckt haben. Man kann in jeden Song mindestens 30 Sekunden reinhören. Einmal Gehirn anmachen, und dann kaufen!
X: Deine erste Assoziation, wenn Du den Begriff „Klassische Musik“ hörst, ist?
SE: Bach. Ich versuche gerade so ein bisschen, mich in klassische Musik einzuhören und dafür habe mir ein paar alte Platten gekauft.
X: Ich frage, weil Ihr im Dezember die „Aida Night Of The Proms“-Tour spielt. Das sind Shows, bei denen klassische Musik mit Popmusik zusammentrifft. Habt Ihr bei dem Angebot etwas gezögert? Denn wenn man sich die seitherige Liste der mitwirkenden Künstler/Bands (u.a. Chris DeBurgh, Pur, Seal, Mick Hucknall) anschaut, dann hatte das bislang wenig mit Punkrock zu tun…
SE: Ja, wir haben schon zunächst mal gezögert, aber nur aus Unwissenheit. Ich hatte das auch so als verstaubtes Schlagerding auf dem Zettel, das ist es aber gar nicht. Wenn man sich tatsächlich mal damit beschäftigt, dann stellt man fest, das ist schon sehr hochwertig. Vor allem die ganze Konzertproduktion, was Licht usw. angeht, das ist alles ziemlich bombastisch. Und auch so ein 70köpfiges Orchester, das ist schon was Besonderes. Als wir das alles mitbekommen haben, war schnell klar, dass wir das machen würden. Wir sind ohnehin begeistert von diesen Unplugged-Konzerten, und im kleinen Rahmen haben wir das auch schon früher gemacht. Außerdem: Wann hat man in seinem Leben schon mal die Chance, in den 17 größten Hallen Deutschlands zu spielen, die zudem noch alle ausverkauft sind?
X: Der Modus dieser Tour hat bestimmt auch seine Reize. Ihr spielt immer mehrere Tage in ein und derselben Metropole - da hat man dann ausnahmsweise mal Zeit, sich in der Stadt umzuschauen…
SE: Ja, genau. Man hat bei der Tour sowieso viel Zeit, weil das Geile ist: Man muss kaum was machen! Da gibt’s noch nicht mal einen Soundcheck, das wird einmal in Antwerpen geprobt und eingestellt und dann kommt man für drei Songs auf die Bühne und geht dann wieder.
X: Ich hoffe, das nervt jetzt nicht, aber können wir ein bisschen über den Bandnamen sprechen? Viele Leute wissen ja gar nicht, dass Jupiter Jones im englischsprachigen Raum der Name des ersten Detektivs bei den Drei ??? ist… habt Ihr den Namen je bereut?
SE: Nee, überhaupt nicht.
X: Und rechtliche Probleme gab’s auch nie?
SE: Darüber haben wir uns wohl mal Gedanken gemacht. Das war dann aber auch schnell wieder vorbei, als auf der Europa- und Drei ???-Homepage in den News auf uns als tolle, neue Band hingewiesen wurde. Mittlerweile kennen wir auch Oliver Rohrbeck sehr gut (die deutsche Stimme von Jupiter Jones/Justus Jonas, Anmerk. d. Verf.), der hat ja auch bei unserem dritten Album mitgemacht. Und wir durften auch schon bei Aufnahmen zur neuen Serie mitmachen!
X: Seid Ihr denn alle Fans der Serie?
SE: Ja, und wir hören die Folgen auch immer noch regelmäßig; viele hören sie zum Einschlafen. Ich höre das oft beim Autofahren, eher selten Musik und fast nur Drei ???-Folgen. Unser tolles Label Sony besitzt ja Europa, und letztes Jahr haben wir ein Geschenk von denen erhalten: Jeder von uns hat alle Drei ???-Folgen auf CD bekommen!
X: Wie cool… hast Du eine Lieblingsfolge?
SE: Ja, ich habe zwei Lieblingsfolgen: „Der unheimliche Drache“ und „Der tanzende Teufel“.
X: Und zum Abschluss noch ein bisschen Träumerei - mit welchen Bands würdet Ihr denn am liebsten mal auf eine ausgedehnte Tour gehen? Eine gewisse Vorliebe für Dave Grohl und die Foo Fighters war vorhin schon herauszuhören; ich vermute also mal, dass die gesetzt sind…
SE: Wir haben alle einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack. Aber die Foo Fighters sind auf jeden Fall die Band, auf die wir uns alle einigen können. Zudem gibt’s noch so eine Zweierfraktion in der Band, zu der ich leider nicht gehöre, die vergöttern Peter Gabriel. Ich könnte mich dazu durchringen, den auch mit auf die Tour zu nehmen!
X: Zwei Karten bitte!


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