Ein Herz groß wie ein Smart: Gunther von Hagens

Gunther von Hagens, geboren 1945, ist ein deutscher Anatom, Wissenschaftler und Unternehmer. Bekannt wurde er durch die Körperwelten-Ausstellung, die besonders in Deutschland viel Staub aufgewirbelt hat und gar zu Demonstrationen und kirchlichen Protestaktionen führte. Diese Ausstellungen beruhen auf dem von von Hagens entwickelten Prinzip der Plastination, einem dauerhaften Konservierungsverfahren toter menschlicher und tierischer Körper mittels Austausch der Zellflüssigkeit durch reaktive Kunststoffe. 2012 gibt es in ganz Deutschland nur eine Körperwelten-Ausstellung, und zwar ab Juni in Ludwigsburg.

XAVER: Herr von Hagens, kaum eine Ausstellung hat in den letzten Jahren so viel Staub aufgewirbelt wie Ihre Körperwelten-Schau - haben Sie sich über die vielen Proteste geärgert oder doch eher gefreut, weil Sie wussten, dass das im Endeffekt sehr gute Werbung ist?
Gunther von Hagens: Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Denn wen freut es nicht, wenn sich Mitmenschen über das, was man selbst geschaffen hat, freuen!
X: Sie haben Ihr Abitur über Abendkurse an der Volkshochschule erlangt und mit 20 Jahren dann in Jena Medizin studiert - wollten Sie denn schon von Kindesbeinen an Arzt werden oder was waren Ihre ursprünglichen beruflichen Pläne?
GvH: Als sechsjähriger Bub verbrachte ich wegen einer Kopfverletzung und einer dabei offensichtlich werdenden Blutungsneigung viele Monate im Krankenhaus. Damals fasste ich den Entschluss Arzt zu werden.
X: In der ehemaligen DDR wurden Sie wegen der Teilnahme an Demonstrationen gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings und einem anschließenden Fluchtversuch inhaftiert, bis Sie dann zwei Jahre später von der BRD freigekauft wurden. Wie haben Sie diese Zeit im Gefängnis in Erinnerung?
GvH: Als den perfekten Ort der Selbsterfahrung und Selbstentwicklung, an dem ich gelernt habe, mit Schwierigkeiten umzugehen.
X: Seit 1977 beschäftigten Sie sich in Heidelberg mit der Imprägnierung anatomischer Präparate und erfanden so die Plastination. Wie kamen Sie denn dann später auf die Idee der Körperwelten-Ausstellung?
GvH: 1987 plante die AOK in Pforzheim eine kleine Anatomieausstellung zwecks gesundheitlicher Aufklärung. Innerhalb von nur drei Wochen kamen etwa 15.000 Besucher. Durch dieses große Besucherinteresse kamen wir auf die Idee, eine größere Ausstellung zu erschaffen, in der erstmals ganze plastinierte Körper sowie gesunde und kranke Organe im Vergleich gezeigt wurden.
X: Sie haben Ihre Methoden über die Jahre konstant weiterentwickelt und es zuletzt sogar geschafft, einen kompletten Elefanten entsprechend zu bearbeiten - da war bestimmt einiges vonnöten, das lässt sich ja rein von den Dimensionen her nicht mit dem menschlichen Körper vergleichen, oder?
GvH: Nach vielen hundert Plastinationen kenne ich den menschlichen Körper inzwischen wie meine Westentasche. Doch bei den Tieren fühle selbst ich mich wie ein Forscher auf anatomischer Entdeckungsreise. Der Mensch sucht stets das Außergewöhnliche, das alle Vorstellungen Sprengende. Er will staunen! Bei der Plastination von Tieren reizt mich vor allem die Machbarkeit. Sie fordert meine gesamte kreative Potenz! Je größer sie sind, desto größer ist die anatomische und technologische Herausforderung. Zum Vergleich: Für die Plastination eines Menschen brauchen wir 1.500 Stunden. Die Giraffe hat 14.000 Stunden gedauert, Elefant „Samba“ 64.000 Stunden in zweieinhalb Jahren.
X: Und wie kommt man überhaupt an einen toten Elefanten?
GvH: Indem ganz konkret eine Körperspenderin den Zoodirektor in Neunkirchen, Herrn Dr. Norbert Fritsch, genau dann auf die Möglichkeit der Plastination hinwies, als dieser sich genötigt sah, den dort verstorbenen Elefanten in der Tierkörperbeseitigungsanlage mit der Kettensäge zu zerteilen.
X: Haben Sie einen Überblick, wie viele Menschen Sie über die Jahre für Ihre Ausstellung in Plastinate verwandelt haben?
GvH: Etwa 300, soviel wie ein kleines Dorf Einwohner hat.
X: Ich habe den Eindruck, dass - auch durch Ihre Arbeit - der Tod in den letzten Jahren deutlich entmystifiziert wurde. Man sieht jetzt auch ständig im Fernsehen Obduktionen, ganze Serien beschäftigen sich mit der Arbeit von Pathologen usw.. Können Sie sich denn an Ihre erste Begegnung mit dem Tod erinnern, wann haben Sie zum ersten Mal einen Toten gesehen?
GvH: Im Krankenhaus, als ich als 16-jähriger Hilfspfleger einer Leichenöffnung zur Feststellung der Todesursache zusehen durfte.
X: Haben Sie denn selbst schon entschieden, was mit Ihrem Körper nach dem Tod geschieht, wird Ihr Körper später auch ausgestellt?
GvH: Ich bin selbst auch Körperspender. Die Entscheidung über die Art meiner Plastination, ob nun in Scheiben oder am Stück, überlasse ich gern meinen Nachkommen. Mein Sohn schlägt vor, dass ich in Scheiben geschnitten und in mehreren Ausstellungen gezeigt werde. Mir gefällt dieser Gedanke, denn dann kann ich an mehreren Orten gleichzeitig körperlich lehren, einfach wohltuend exhibitionistisch! Meine Ehefrau und Kuratorin der Ausstellung Körperwelten möchte mich lieber als plastinierten Empfangschef am Ausstellungseingang stehen sehen. Dann kommen vielleicht mehr Besucher.
X: Haben Sie einen Organspendeausweis?
GvH: Was für eine Frage! Ja, aber selbstverständlich!
X: In der „Körperwelten - Eine Herzenssache“ ist u.a. die Plastinatgruppe „Die Pokerrunde“ zu sehen, die ja auch im James Bond-Film „Casino Royal“ zu sehen war - wie waren Ihre Erfahrungen mit Hollywood?
GvH: Dahinter steckt eine britische Unternehmung. Die haben sehr professionell gearbeitet!
X: Sie sind ja selbst im Film auch kurz zu sehen - hat sich da ein Jugendtraum erfüllt, war das etwas Besonderes für Sie?
GvH: Es war für mich in der Tat sehr interessant zu sehen, wie solch’ ein Film entsteht.
X: Über 34 Millionen Menschen haben die sechs Ausstellungen in Europa, Nordamerika und Asien gesehen, eine unglaubliche Zahl. Gab es eigentlich auch in anderen Ländern vergleichbare Proteste?
GvH: In keinem anderen Land bin ich derart Kritik, Restriktionen und sogar Verboten ausgesetzt wie in der Bundesrepublik Deutschland. Während beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz die Zusammenarbeit mit mir ablehnt, erhielt ich vom Britischen Roten Kreuz eine Verdiensturkunde für die besonders gute Zusammenarbeit. Während ich für das englische Publikum in mehreren erfolgreichen Anatomie-Fernsehfilmen, einschließlich Autopsie, als führender Protagonist auftrat, verpflichteten sich die meisten deutschen Fernsehsender nach Aufforderung der der evangelischen Kirche nahe stehenden Grimme-Stiftung „freiwillig“, keine Autopsie im deutschen Fernsehen zu zeigen. Mehrfach musste ich mich gegen Vorwürfe wehren, die Parallelen zwischen dem Massenmord der Nazis und der Ausstellung Körperwelten zogen. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde die Ausstellung bisher verboten. Weil alle Menschen einen Körper haben und die Körperschauinteressierten sich in allen gesellschaftlichen Gruppen finden, sind anatomische Sehverbote undemokratisch. Sie wurden bisher nur in Deutschland ausgesprochen, das weder über die liberale Tradition Englands, noch über ein Gesetz, das die Freiheit des Wortes wie in den USA (Freedom of Speech Act) garantiert, verfügt. Wenn sie verboten wird, so sagt dies lediglich etwas über das eigene Körper- und Todesverständnis der Zensoren als über deren politisches Konzept aus. Nur in Deutschland gilt das Schüler entmündigende anatomische Sehverbot für Schulklassen, nicht etwa im liberalen Berlin, Leipzig oder Frankfurt am Main, sondern im traditionell obrigkeitshörigen Brandenburg. So kommt es, dass dieses Sehverbot im Plastinarium, paradoxerweise in Guben nahe Cottbus gilt, dem Ort, in dem ich von 1968 bis 1970 als politischer Häftling der DDR einsaß. Rückblickend betrachtet hätte ich mir diese Peinlichkeit, wie den sich aus dem Sehverbot ergebenden Besuchermangel mit seinen ökonomischen Konsequenzen, ersparen können, wenn ich das Plastinarium irgendwo anders in der Welt etabliert hätte, beispielsweise in Haifa, Israel, in Rom, Italien, in Taipeh, Taiwan oder in Singapur, wo meine Ausstellungen, wie in allen anderen 35 Ländern, in denen sie bisher vor insgesamt 35 Millionen Besuchern gezeigt wurden, stets unzensiert von den Behörden willkommen geheißen wurden. Dabei würde ich gar nicht erwarten, dass deutsche Politiker den Blick auf den plastinierten Körper unterstützen, wie es der türkische Präsident durch seinen Besuch der Ausstellung Körperwelten in Istanbul tat oder das koreanische Erziehungsministerium durch die Übernahme der Fahrtkosten zur Ausstellung für Schulklassen. So wurde für mich, als ehemaliges Kind der DDR, dieses Fortbestehen des ostdeutsch-brandenburgischen anatomischen Sehverbotes für Schulklassen - unterstützt durch zwei so genannte „Bildungsminister“ - zur schwerwiegendsten Enttäuschung meiner westlichen Demokratieerwartung. Es ist genau diese deutsche Art der unkritischen Abwehr Andersdenkender, die Deutschland in der Vergangenheit so diktaturanfällig gemacht hat. Dabei spielten gerade die Autoritäten, die führenden Repräsentanten des wissenschaftlichen und öffentlichen Lebens, eine unrühmliche Rolle.
X: Viele Proteste waren ja auch religiös motiviert - sind Sie selbst ein religiöser Mensch, glauben Sie an Gott - oder ist das in Ihrer Position undenkbar?
GvH: Ich bin nicht religiös, eher als Agnostiker zu bezeichnen. Als Erfinder und Wissenschaftler fühle ich mich mehr dem Zweifel als einer nicht nachprüfbaren Gewissheit verpflichtet. Deshalb bemühe ich mich beruflich mehr um den Körper als um die Seele. In den Körperwelten sehen die Menschen, was mit ihrem Körper passieren kann, wenn der Tod sie ereilt hat. Das verleiht dem unausweichlichen körperlichen Tod eine gewisse, weil die Verwesung aufschiebende Tröstlichkeit. Diese diesseitige, für die Nachwelt erlebbare Tröstlichkeit ziehe ich einer auf das Jenseits gerichteten seelischen Tröstlichkeit vor.
X: Jemand, der in den Medien auch recht präsent ist und sich ebenfalls mit den Themen Tod, Sterben usw. beschäftigt, ist der Kriminalbiologe Mark Benecke. Der hat früher wohl auch für Sie gearbeitet - haben Sie noch Kontakt?
GvH: Wir haben regelmäßig Kontakt und er hat mich erst vor einem Monat hier in Guben besucht.
X: Können Sie etwas zum Team hinter den Kulissen sagen, wie viele Leute arbeiten dieser Tage für Sie?
GvH: Als wissenschaftlicher Direktor bin ich für etwa 100 Mitarbeiter verantwortlich.
X: Auf der Homepage gibt’s auch einen Bereich mit Zitaten von Prominenten. Haben Sie denn viele dieser Leute persönlich kennen gelernt?
GvH: Jedenfalls habe ich mich mit allen ausführlich unterhalten.
X: Besonders Danny DeVitos Kommentar fand ich überraschend: „Sehr gut gemacht! Ich bin jetzt richtig hungrig.“ Das dürfte aber eher die Ausnahme sein, dass die Besucher durch die Ausstellung Appetit bekommen, oder?
GvH: Diese Äußerung war sicher nicht ernst gemeint, aber sie zeigt Humor!
X: In Ludwigsburg findet 2012 die einzige Körperwelten-Ausstellung in Deutschland statt - haben Sie eine persönliche Beziehung zu der Stadt?
GvH: Ich war schon mehrmals in Ludwigsburg, weil gleich zwei meiner früheren Studienkollegen dort wohnen, die ich dann und wann besuche.
X: Sie haben viel erlebt und erreicht in Ihrem Leben. Gibt es noch einen unerfüllten Traum, den Sie sich noch erfüllen wollen?
GvH: Die Plastination eines Blauwales, dessen Herz so groß wie ein Smart ist.
X: Ich habe bei den Recherchen für das Interview gelesen, dass Sie vor einiger Zeit an Parkinson erkrankt sind. Ich stelle mir das, besonders als Mediziner, als recht hartes Schicksal vor. Ihr ganzes Leben haben Sie der Medizin gewidmet und müssen Ihre Krankheit doch akzeptieren. War das auch frustrierend für Sie?
GvH: Leider ist es mir nur noch in meiner Vorstellung möglich, selbst Plastinate herzustellen, jedoch bin ich nicht mehr praktisch dazu in der Lage. Doch noch kann ich gedanklich, also nur in der Vorstellung, präparieren, Arbeitsanweisungen geben und so die Arbeit des Plastinations-Teams betreuen. Meine geistigen Fähigkeiten sind ungetrübt, jedoch lassen sich die körperlichen Symptome, wie meine undeutliche Sprache und meine zitternde Hand, nicht stoppen. Meine Bewegungsmuster werden zunehmend unkoordiniert. Mein handwerkliches Geschick, das mir präzises und schnelles Präparieren ermöglicht hat, geht unwiederbringlich verloren. Jedes Glück geht einmal zu Ende. Nichts, nur der Tod ist auf Dauer, das Leben die Ausnahme. Da ich dies verinnerlicht habe, bin ich nicht frustriert, zumal mir noch einige, wenn vielleicht auch nur wenige Jahre bleiben. Krebs zu haben wäre schlimmer.
X: Herr von Hagens, vielen Dank für das Gespräch, ich wünsche Ihnen noch recht viele Jahre!


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