Die Fantastischen Vier: Silberhochzeit - immer noch tight

Für die da, also DIE deutsche HipHop-Band gibt es Grund zu feiern, nämlich den 25. Geburtstag. Aus diesem Anlass gab’s dieser Tage ne neue Single namens - Überraschung! „25“! Das Album „Rekord“ wird im Oktober nachgeschoben und im Sommer nur ein paar handverlesene europäische Festivals beehrt. Und es gibt eine Clubshow in Ulm, das dortige Roxy feiert nämlich den gleichen Geburtstag wie die Fantas! Die Show ist natürlich längst ausverkauft, aber trotzdem ein wunderbarer Anlass für ein Gespräch mit der Band. Ein sehr gut gelaunter Thomas D stand uns ausführlich Rede und Antwort.

X: Moin Thomas, wo bist Du denn gerade?
TD: Ich bin auf’m Hof in der Eifel. Und zwar draußen mit meinem ballbewahnten Hund, und ich probiere gerade meine neue Ballkanone mit ihm aus! Macht wahnsinnig Spaß, aber ich hör jetzt auch auf, obwohl, komm, einen Ball noch!

X: Die Arbeiten an Eurem Jubiläumsalbum „Rekord“ sind dann also abgeschlossen?
TD: (lacht) Nein. Aber hey, die Nacht ist die Braut des Künstlers! Ich kann morgens ganz gut Interviews machen, aber noch keine Texte schreiben. Und nächste Woche treffen wir uns dann wieder, da dann auch schon zum Aufnehmen von seither theoretisch fertigen Sachen, aber wir schreiben auch noch an neuen Songs.
X: Wo und mit wem nehmt Ihr auf?
TD: Wir sind da sehr flexibel geworden, was unsere Aufnahmemöglichkeiten angeht. Letztens haben wir uns hier auf dem Hof getroffen und waren kreativ tätig. Wenn’s dann an die Aufnahmen geht, dann hauptsächlich in Berlin; da hat Thomilla, der DJ-Partner von Michi Beck und einer unserer Produzenten ist, sein Studio.

X: 25 Jahre, also Silberhochzeit, das erreichen nur wenige Bands. Was ist das Geheimnis? Wie hält man die Liebe am Kochen und festigt die Ehe über so lange Zeit?
TD: Da gibt es vielleicht schon ein paar Mechanismen, die es erleichtern so lange zusammenzuleben. Smudo sagt an der Stelle immer gerne „getrennte Betten!“ (lacht). Ich weiß nicht ob gerade das, das Geheimnis einer guten Ehe ist. Aber dem anderen Freiheiten zu lassen, was sich bei uns in unseren Soloaktivitäten äußert, ist wichtig. Aber auch, dass nicht einer den anderen dominiert. Von uns Vieren ist keiner der Boss, wir sind ein kreatives Team und es hat jeder das gleiche Stimmrecht. Und nicht zuletzt sind wir alle recht unterschiedlich, schätzen das aber auch aneinander und sehen das als Stärke.
X: Oh, Basisdemokratie. Das kann bei vier Stimmen aber auch schnell zu ner Pattsituation führen. Oder entscheidet da Manager Bär dann mit seiner fünften Stimme?
TD: Nein, es ist so, dass nein, mehr als ja zählt. Ab zwei nein ist der Vorschlag also abgelehnt. Wenn dann aber mindestens drei dafür sind, dann sichert uns das auch intern ab und schützt uns vor Fehlentscheidungen.

X: Keine langjährige Ehe kommt ohne Krisen aus. Gab’s Momente wo die Zukunft der Band auf der Kippe stand?
TD: Also wir sprechen hier von einem geflogenen Stuhl in 25 Jahren, das ist ne ganz gute Quote, da geht in ner durchschnittlichen Ehe mehr Porzellan zu Bruch. Aber es ist schon auch so, dass wir ab der „Lauschgift“ (aus dem Jahr 1995, Anmerk. D. Verf.) immer dachten, es würde keine weitere Platte geben. Und das hat sich auch erst in den letzten paar Jahren verbessert. So was resultiert auch gerne mal aus dem Endspurt bei so ner Produktion, wo man dann vermeintlich alles, auch noch die letzte und beste Idee in den Kreativtopf wirft. Danach kann man dann schon mal das Gefühl haben, dass es das jetzt auch war. Wo soll denn bitte jetzt noch etwas her kommen, ich hab doch alles rausgehauen?! Später auf Tour hat man dann Spaß mit dem Material und dann kommt schnell wieder der Wunsch nach dem nächsten Album auf. Und das ist ja auch irgendwie unsere Daseinsberechtigung als Künstler. Shows von uns sind für die Zuschauer ja auch wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Und bei manch einem geht das tatsächlich 25 Jahre zurück und man verbindet die Songs der Alben mit den eigenen Erlebnissen und geht auf eine Art Zeitreise - und wir wollen natürlich auch, dass diese Reise weiter geht! Klar sind wir stolz auf ein „MfG", auf ein „Troy“ oder „Sie ist weg“, „Krieger“, „Was geht?“, „Tag am Meer“ und wie sie alle heißen. Aber ich finde, da können schon noch ein paar dazu kommen!

X: Ich hab Euch ca. 1993 das erste Mal in Schwäbisch Gmünd im Stadtgarten live gesehen. An ne Vorgruppe kann ich mich da nicht erinnern, aber ich hatte noch lange Jahre ein T-Shirt von Euch, dass die Farbe je nach Körpertemperatur verändert hat!
TD: Oh Gott, ich hoffe Du hast keinen Krebs von den Dingern bekommen!
X: Ach, die Waschmaschine hat das irgendwann getötet und ich fühl mich gut, danke! Aber ich hab mich später dann schon mal gefragt, wie das wohl überhaupt funktioniert hat, und seit ich Kinder habe, denke ich tatsächlich auch hier und da mal über Themen wie Chemie in Textilien nach …
TD: (lacht) Das war Magie, nicht Chemie! Aber, immerhin hast Du Kinder, die Fruchtbarkeit hat also offensichtlich nicht gelitten! Solange die Kids nicht auch die Farbe wechseln …
X: Da muss ich jetzt mal den Test machen und den Sohn in den Kühlschrank packen, mal kucken, was sich da farblich tut!

X: Stichwort Albernheiten: In den seitherigen YouTube-Clips zum 25. bekommt man den Eindruck, dass Ihr immer noch viel Spaß habt miteinander. Das sieht manchmal so aus wie Jungs auf Klassenfahrt, viel Rumgealbere usw.. Ist das auch Kontrastprogramm zu Eurem „normalen“ Leben?
TD: Total. Ich hab mir beim Schauen der Clips schon auch gedacht, dass das sehr albern rüberkommt, als ob wir nur lustig wären - was ja nicht der Fall ist. Aber der Kameramann und Regisseur dieser Clips ist ein ganz enger Vertrauter und da macht man dann eben auch ganz schnell auf. Das Alberne hat aber schon großen Anteil an unserer gemeinsamen Zeit und Vergangenheit. Wir zelebrieren unseren Humor schon sehr gerne, wenn wir zusammen sind. Und mittlerweile ist die Band sicherlich auch Auszeit von unserem normalen Leben. Wir haben alle Familie und Kinder und da gibt’s dann eben auch Frontaufgaben, die man normalerweise nicht so mit dem Popstar-Leben assoziiert. Und obwohl wir alle unsere Frauen und Kinder sehr lieben, genießt man dann auch die Bandphasen.

X: Ende Oktober erscheint das neue Album samt Jubiläumstour. Davor seid Ihr aber schon punktuell live aktiv, u.a. auch bei Rock am Ring, Rock im Park und dazwischen sehr intim im Ulmer Roxy, das in diesem Jahr auch seinen 25. Geburtstag feiert. Wie kam’s zu dieser „kleinen“ Clubshow?
TD: Anfangs wollten wir ne ganze Reihe an Clubshows spielen und haben die Leute aufgefordert uns Gründe zu sagen, warum wir gerade in ihrem Club spielen sollen. Da hatte das Roxy natürlich ein sehr gutes Argument auf seiner Seite. Wir haben auch im Roxy gespielt, ich erinnere mich, es ist schon lange her. Ich weiß aber nicht mehr genau, wie der Abend war, was dafür spricht, dass er ganz gut war, denn die miesen Sachen behält man ja meist am besten für sich. Neben den ausgesuchten Festivals ist die Roxy-Show dann aber doch die einzige Clubshow. Die große Tour gibt’s dann im Herbst zur Veröffentlichung der CD.

X: Ich geh selbst seit Jahren ins Roxy. Und ich hab da zum ersten Mal Blumentopf und Xavier Naidoo gesehen, aber auch Neurosis, Snapcase und Kabarett wie Hagen Rether. Kannst Du Dich an Deine ersten besuchten Konzerte in Stuttgart erinnern?
TD: Ich kann mich daran erinnern, dass die Stereo MCs damals im Müsli gespielt haben. Das war damals unsere Stammkneipe bzw. -disco. Unser Management war direkt über dem Laden. Das hat mich damals sehr beeindruckt, weil das eben große Helden für uns waren. Jahre später hab ich mir die Stereo MCs dann noch mal in Stuttgart angeschaut, auf dem Wasen als Vorgruppe von U2 und den Toten Hosen. Ich bin durch die ganze Menge bis vor in die zweite Reihe gelaufen. Hab mir das Konzert angeschaut und bin danach wieder gegangen, total asozial gegenüber den Hosen und U2, aber ich wollt an dem Tag nur die Stereo MCs sehen.
X: Na, das war doch bestimmt auch ein Getuschel um Dich rum: „Das ist doch! ... ist das nicht? … boah, der hier!“
TD: Ja, da waren schon ein paar geflasht. Und die wollten dann auch direkt Fotos machen. Dabei standen die Stars doch auf der Bühne!
X: Nächstes Mal dann also mit Perücke!
TD: Ja klar, am besten so'n riesiger Afro!
X: Von wegen, da hassen Dich dann die Leute hinter Dir!

X: Zum 20. Geburtstag gab’s einen Tribute-Sampler über zwei CDs mit vielen eher unerwarteten Künstlern wie z.B. Scooter, In Extremo, Roger Cicero, Knorkator und Thomas Anders. Sind das alles Freunde aus dem engeren Bandumfeld?
TD: (lacht) Nein. Hüstel, hüstel. Manche kennen wir, manche mögen wir sogar. Aber de facto hat der Bär, unser Manager, uns das zum Geburtstag geschenkt. Wir wussten davon vorher quasi nichts. Und seine Anfragen gingen wohl mit dem Ziel raus, da ein möglichst breites musikalisches Spektrum abzubilden, das sich dann mit unseren Songs beschäftigt. Das war für uns aber so, wie wenn zu ner großen Party unerwartet auch Gäste kommen, die man an sich nicht so auf dem Zettel hatte. Wir haben uns trotzdem brav für dieses außergewöhnliche Geschenk bedankt.

X: Sehr überrascht war ich auch über einen Gast auf Deinem letzten Soloalbum. Mit Moses Pelham scheint also mittlerweile auch alles im Lot zu sein?
TD: Yeah Man, vom Erzfeind zum Erzfreund - oder wie nennt man das? Wir hatten in unseren frühen Jahren da ja so ne Geschichte zwischen dem Rödelheim Hartreim Projekt und uns. Das ist aber wirklich sehr lange her, und spätestens als ich Moses letztes Album gehört habe, war ich einfach nur noch begeistert. Da sind so viel Kraft, Emotion und Poesie in seinen Songs, ich musste ihn einfach anrufen und ihn anfragen. Das Kriegsbeil war ja eh längst begraben. Und ich finde Moses hat sich auch sehr verändert bzw. man kannte ihn früher halt einfach nicht so. Er ist ein ganz toller Mensch.
X: Und es gab „Skandalfotos“ auf denen Ihr Euch sogar innig geküsst habt!!!
TD: Verdammt, jetzt ist es raus, ja, wir haben geknutscht! Cool, oder? Das war so eine Fotoaktion gegen Homophobie. Und da muss ich mich hier auch gleich mal outen: Ich bin totaler Fan von Conchita Wurst. Das ist so toll, dass die Welt, zumindest die, die beim ESC mitgemacht hat, in großen Teilen gesagt hat: „Ja, Mädchen mit Bart, Du sollst das gewinnen, wir stehen auf Dich!“. Auch ein toller Mensch, was man so in den Interviews mitkriegt. Und was für ein Schwachsinn wäre es zu glauben, dass jemand besser oder schlechter ist als ein anderer. Wir sind alle anders, keiner ist gleich! Und diese Andersartigkeit sollten wir zelebrieren.
X: Aber hey, man soll die Hoffnung nicht aufgeben, in zehn Jahren gibt’s dann bestimmt nen Putin-Gastbeitrag auf nem Conchita Wurst-Album und vielleicht küssen die sich dann auch öffentlich!
TD: (lacht) Ja, genau!

X: Und Ihr seid über die Jahre irgendwie Allgemeingut geworden. In Heidenheim gibt’s sogar ne Kneipe namens „Populär“, an deren Namensgebung Ihr wohl nicht ganz unschuldig seid …
TD: Ja krass, oder? Und dabei hatten wir in 25 Jahren gerade mal eine Nummer-1-Single, das war „Sie ist weg“, selbst „Die da“ war nur auf Platz 2. Dafür hatten wir viele Alben auf Nummer 1, d.h. die Leute wollten eben mehr als nur eine lustige Nummer. Wir hatten dann aber ein paar Songs, die gesellschaftlich so nen Nerv getroffen haben … so was wie „MfG", so nen Song macht man auch nur einmal. Ein paar andere Songs sind in den Sprachgebrauch mancher Leute übergegangen. Und das ist ja auch ein größeres Gut als nur Hits.
X: Eben. HSV, VfB olé, olé - fußballerisch sind die genannten Vereine ja knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt - jetzt steht die WM ins Haus. Wer wird Weltmeister?
TD: Boah, da fragst Du mich? Meine Glaskugel ist da zu dieser frühen Morgenstunde noch sehr milchig. Da müsste man Michi fragen, der ist der Fußball-Fan in der Band. Ich schau schon gerne WM und ich hoffe natürlich, dass das deutsche Team weit kommt.

X: Eigene TV-Show, Chart-Notierungen ohne Ende, sackweise Auszeichnungen, riesige Shows und Touren, Grönemeyer als Gastsänger, Synchronstimme für Pinguine. Gibt’s noch was, das Du mit den Fantas erreichen möchtest?
TD: Ja, im Nachhinein liest sich das immer imposant. Wer weiß, was einen noch erwartet und was um die Ecke kommt. Am Ende wünsch ich mir schon, dass die Fantas es noch ein Weilchen packen und wir den Menschen weiterhin noch ein paar Momente bescheren, die für sie etwas Besonderes sind. Mehr kann man sich nicht wünschen, glaub ich.

X: Ne echte Band lässt ihre Fans nicht hängen, heißt es in Eurer aktuellen Single „25“. Wir sprechen uns also in 25 Jahren zur Goldenen Hochzeit wieder?
TD: (lacht) Ja klar, wenn ich dann noch rappen und auf der Bühne stehen kann, werde ich das auch tun. Aber rein statistisch stirbt jeder Vierte an Krebs …
X: Boah, das ist jetzt aber ne miese Rechnung, die Du da aufmachst, das will ich gar nicht zu Ende denken!
TD: Wenn wir also alle noch leben … wie gesagt, am Anfang dachten wir, es hört bald auf, aber mittlerweile lassen wir uns überraschen, was noch kommt!



Die Fantastischen Vier
06.06. Ulm, Roxy - AUSVERKAUFT!
19./20.12. Stuttgart, Schleyerhalle


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