Des Königs Fußnägel: Nils Strassburg & the Roll Agents

Obwohl er sich nun schon vor 41 Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat (manche Frevler behaupten gar, er sei tot!), über eine Milliarde verkaufte Tonträger und eine Medienpräsenz von der die allermeisten heutzutage nur träumen können, Elvis Aaron Presley ist immer noch der King. Ihn zu imitieren versuchen Tausende, ihm gerecht zu werden und seine Songs treffend zu interpretieren gelingt nur ganz wenigen. Einer von ihnen ist aus dem Ländle: Nils Strassburg. Zusammen mit seinen Roll Agents steht er seit gut sechs Jahren für eine Elvis-Show der Extraklasse; voller Leidenschaft, Drive und Herzblut. Wenn der King heute noch mal auf die Bühne gehen würde, sähe das wohl ganz ähnlich aus. Im Dezember touren sie mit „Las Vegas Christmas“ und im neuen Jahr dann mit „Viva Las Vegas“ durch die Lande. Wir hatten eine äußerst angenehme und interessante königliche Telefonaudienz.

XAVER: Nils, du kommst grade vom Einkaufen zurück. Da geht bei mir direkt das Kopfkino los und ich sehe dich im Pailletten-Jumpsuit durch den Supermarkt grooven … aber privat bist du bestimmt anders unterwegs.
Nils Strassburg: Na ja, das ist so eine Mischung. Die Koteletten sind ja echt und die Haare sind pechschwarz. Wenn ich länger nicht auftrete, dann trage ich Vollbart. Von den Klamotten her gehe ich privat eher so in die Rockabilly-Richtung. Wenn ich da im vollen Elvis-Ornat zum Shoppen gehe, denken ja alle, ich hätte voll einen an der Klatsche.
X: Das kannst du vielleicht in Las Vegas oder in New York bringen.
NS: Na, aber selbst da gehörst du dann zu den Idioten beziehungsweise zu den Verrückten – aber wer weiß, vielleicht bin ich ja verrückt!
X: Ach, es kommt immer stark darauf an, wen man fragt!
NS: Eben! (lacht) Aber Elvis lief damals eben seiner Zeit entsprechend rum und da dann ziemlich auffällig. Schlaghosen waren zu der Zeit eben in. Gerade ist Rockabilly wieder so ein bisschen in und da das eh mein Style ist, passt das ja. Ich investiere aber tatsächlich ziemlich viel Geld in Klamotten von Elvis. Also in Original-Replikas aus der Zeit – wobei ich mich immer frage, was mache ich denn dann eigentlich damit, denn das ist alles nicht für die Bühne geeignet. Ich könnte mittlerweile auch locker ein kleines Museum eröffnen.
X: Outfit ist ein gutes Stichwort. Hast du da eine feste Schneiderin für die Kostüme?
NS: Ich habe sowohl in den USA als auch in England einen entsprechenden Kontakt. Und dieser Stil in Elvis-Zeit hat dem Mann auch gutgetan und ihn gut aussehen lassen. Hat einen schlanken Fuß gemacht und ein breites Kreuz, dann die taillierten Sachen, und der Stehkragen wirkt auch sehr männlich. Heute ist die Mode ja sehr androgyn … und diese Hochwasserhosen – da frage ich mich manchmal schon, ob man wirklich jeden Scheiß mitmachen muss! (lacht) Aber zurück zu Elvis. Die Sachen kann man im Alltag halt leider nicht tragen, es sei denn, ich werde als Elvis zu einer Kinopremiere eingeladen, da kann ich dann schon in einem schwarzen Elvis-Zweiteiler mit Schlaghosen kommen.
X: Solche Vorlieben können ja auch mal zur Prüfung für eine Partnerschaft werden. Darfst du denn noch frei über die Kreditkarte verfügen? So eine Sammelleidenschaft wird ja auch schnell zu Platzfrage.
NS: Also das mit dem Platz ist wirklich ein Problem. In meinem Arbeitszimmer stehen mittlerweile sogar schon zwei Schränke. Aber vieles ist ja auch Arbeitskleidung und mit vier Bühnenoutfits kommt man nicht aus. Und wenn man dann eine neue Show konzipiert, müssen auch wieder neue Outfits her, das gehört einfach dazu. Elvis ist eben nicht nur Musik, Elvis ist das „whole package“, das Gesamtkunstwerk. Die Musik, die Optik, die Bühnenklamotten, die Show … Ich bin also quasi gezwungen, da ständig zu erweitern. Obwohl ich mich kürzlich schweren Herzens von einem Outfit getrennt habe. Da hat mich der SWR aktiv angesprochen und ich habe mich dann entschieden, eins zu verkaufen. Obwohl ich an sich alles aufheben wollte. Aber das ist ja alles auch kostspielig, so ein Anzug kostet zwischen 2.000 und 3.000 Euro! Und wie gesagt, was mache ich damit? Vielleicht trägt meine Tochter mal aus Spaß einen zum Fasching – ich will aber nicht hoffen, dass meine Tochter später einmal meine Gewichtsklasse hat! (lacht) Aber mit den LPs ist es ganz ähnlich: Ich kaufe immer wieder LPs, und merke dann, dass ich die schon drei Mal habe.
X: Jetzt haben wir viel über Outfits und LPs gesprochen, aber wie sieht’s mit anderen Sachen aus? Sammelst du auch Gitarren, Schuhe, Hüte und so weiter?
NS: Ich bekomme da immer wieder etwas geschenkt. Was ich auf jeden Fall nicht habe, ist jeglicher Kitsch, also dieses ganz schlimme Merch-Zeug. Aber ich habe zum Beispiel hier einen von Sting unterschriebenen Fender-Bass an der Wand hängen, das muss also immer irgendwie wertig sein, so was. Aber von Elvis, abseits von den Klamotten vom Original-Schneider … (überlegt) Ich habe ein Plektrum, ich habe eine Pomadendose und ich habe eine Medikamentendose von ihm. Ich bin da schon immer ein bisschen auf der Jagd, aber so ein Original-Elvis-Anzug geht schon mal für über 300.000 Euro weg! Das ist dann was für Ultrafans, die zudem noch stinkreich sind, eh schon einen Fußballklub haben und sich dann halt auch noch einen Original-Elvis-Anzug holen. Bei so originalen Sachen versenkt man dann aber auch kein Geld.
X: Das ist quasi Altersvorsorge!
NS: Genau, und wertbeständig! Aber von so ganz strangen Sachen wie einer Haartolle oder Fußnägeln halte ich mich fern.
X: Es gibt Leute, die viel Geld für Elvis’ Fußnägel hinblättern?
NS: Ja klar, aber da wird dann auch viel Schabernack getrieben.

X: Deine Liebe zum King wurde wohl schon in Kindertagen geweckt. Die Musik lief aber eigentlich gar nicht bei deinen Eltern daheim, du hast bei deinem Cousin einen Fernsehbericht gesehen. Sind denn deine Eltern heute durch dich Elvis-Fans?
NS: Meine Eltern haben sich tatsächlich erst sehr spät damit auseinandergesetzt. Während meiner frühen Fanzeit eigentlich nicht, erst als ich dann als Erwachsener damit auf die Bühne gegangen bin und jetzt damit mein Geld verdiene. Sie haben jetzt viele unserer Shows gesehen und schauen mittlerweile auch freiwillig Elvis-Dokus im Fernsehen. Meine Eltern waren immer große Fans der Beatles und von Joe Cocker. Ich bin in den USA geboren; wir haben von Anfang der 70er bis zum Ende der 70er in den USA gelebt und haben die Zeit auch musikalisch voll miterlebt – aber Elvis war halt nie auf ihrem Schirm. Der war da schon in einer Art Parallelwelt und nicht mehr modern. Aber heute sind meine Eltern natürlich stolz, wenn wir mal 2000er-Hallen ausverkaufen.
X: Kann man ja auch sein!
NS: In neuen Städten spielen wir dann schon auch mal vor 300 Leuten. Um so eine Produktion sinnvoll vor die Leute zu bringen, braucht man aber auch 500 Leute am Abend, sonst kann man’s eigentlich lassen.
X: Na ja, ihr fahrt aber auch eine richtig aufwendige Show, da stehen ja nicht nur vier Leute auf der Bühne, mit Bläsern, Back-up-Sängerinnen und so weiter
NS: Genau, wir sind elf Mann auf der Bühne. Und vor Kurzem haben wir sogar eine Symphonic-Geschichte gemacht, da war dann noch ein 20-köpfiges Streichorchester dabei! Was ich eh nicht verstehe, ist, wie man heute eine Elvis-Show machen kann, die eigentlich auch 1973 hätte stattfinden können. Das ist totaler Quatsch, Elvis war seiner Zeit immer voraus! Heute sind das Leute wie Pink oder – auch wenn ich ihre Musik nicht mag – Helene Fischer, die da vorne mit dabei sind. Und ich versuche das eben, im Rahmen der Möglichkeiten, auch zu machen. Wir haben noch nicht das Riesenbudget, versuchen aber, clever zu sein. Und wenn wir die Leute dann die Halle vergessen lassen und sie gedanklich nach Vegas katapultieren, dann haben wir was richtig gemacht!
X: Du siehst viele Konzerte: Gibt’s jemanden, der dich richtig überzeugt hat in den letzten Jahren?
NS: Da fallen mir zuallererst immer Take That ein, und zwar auf ihrer Comeback-Tour ohne Robbie Williams. Erstens sind die Jungs unglaublich sympathisch und zu Männern geworden. Zweitens haben sie eine sehr beeindruckende Show abgezogen. Und musikalisch haben sie massig Hits im Repertoire, die jeder mitsingen kann. Das war in der Schleyerhalle, ganz schlecht besucht, weil eben ohne Robbie, aber all die Bekannten, die ich getroffen habe, waren fassungslos, was wir da erlebt haben. Und das war echt mal eine Las Vegas-reife Show! Einerseits das ganz große Show-Brett, dann aber auch wieder ganz intime Momente, wo sie gezeigt haben, dass sie echte Mucker sind. Und so was haben wir bei uns in der Show auch, wo wir nur zu dritt auf der Bühne stehen und Musik machen. Wo die Leute dann checken: Hey, das ist nicht nur ein Idiot im Strampelanzug, das ist ein Musiker! Ein anderes Highlight der letzten Zeit waren Fanta 4 im Wizemann!
X: Ha, da war ich auch – wie cool war das bitte, oder?
NS: Eben, die haben mal trotz Megakarriere, Arenashows und TV-Ruhm ganz lässig gezeigt, dass das immer noch die gleichen vier sind, die ich damals schon im Müsli gesehen habe. Nicht abgehoben, nicht durchgeknallt, eben einfach authentische Helden in ihrem Genre.

X: Vor 41 Jahren ist Elvis gegangen und trotzdem ist er ungebrochen populär – wie erklärst du dir diese Faszination bis heute? Andere Helden aus der Zeit sind ja längst nicht mehr so präsent.
NS: Der Mann hat halt einen ganz krassen Weg aus ärmlichen Verhältnissen hinter sich gehabt, hat schwarze und weiße Musik zusammengebracht und wurde dafür in verschiedenen Staaten mit Einreiseverboten geächtet; seine Platten wurden auf der Straße verbrannt. Heute versuchen Leute Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie sich halb nackt in ihren Videoclips präsentieren. Elvis hatte mit seinem Hüftschwung eine natürliche sexuelle Energie auf der Bühne, und wenn er gesungen hat, hatte man den Eindruck, dass er nur für einen allein gesungen hat. So was kenne ich von anderen Künstlern oder Alben nicht. Dabei hat er die Songs noch nicht einmal selbst geschrieben. Sie aber so geprägt, dass sie bis heute bekannt sind und gecovert werden. Und das alles ohne große Skandale! Na ja, abseits von seiner Medikamentensucht und dem einen oder anderen Drogenvergehen – aber das gehört unter Stars quasi zum guten Ton! Ich habe auch viele Leute aus dem „Elvis-Zirkel“ persönlich kennengelernt und habe mit ein paar von ihnen sogar regelmäßig Kontakt. Und da höre ich immer wieder, wie er – ich adaptiere das jetzt mal – in die vollbesetzte Schleyerhalle reinkam und sich alle nach ihm umgedreht haben. Der hatte diese besondere Aura bei den Auftritten. Er hat gestrahlt – man kann es kaum in Worte fassen. Im Prinzip war er der erste Mann auf dem Mond, und über den zweiten redet keiner mehr!


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