Der Schelm und die Fee: Gregor Gysi

Der meistgehörte Satz in Verbindung mit Gregor Gysi ist wohl: „Ein toller Typ und Rhetoriker, leider bei der falschen Partei!“ Man mag politisch zu ihm stehen, wie man will, aber man muss seinem Geist Respekt zollen. Man kennt den 1948 in Berlin Geborenen hauptsächlich als Politiker, er hat aber auch an anderer Stelle überzeugt; ob nun als Anwalt, Buchautor oder alleinerziehender Vater. Im April ist er zu Gast in der Region, und zwar in Herbrechtingen auf Einladung der dortigen Stadtbücherei. Trotz Terminchaos und einer leichten Erkältung hat er sich im März Zeit genommen und während einer Autofahrt gewohnt eloquent und schelmisch, aber auch fröhlich und locker auf unsere Fragen geantwortet.

XAVER: Hallo Herr Gysi, wie geht es Ihnen?
Gregor Gysi: (fröhlich) Ach, das Wetter ist so gut, deswegen geht es mir auch einigermaßen gut. Ansonsten leide ich darunter, dass ich dachte, ich hätte mehr Zeit (seit er den Fraktionsvorsitz der Linken abgegeben hat, Anmerk. d. Verf.). Da aber scheinbar alle denken, dass ich jetzt mehr Zeit habe, bekomme ich doppelt so viele Einladungen. Und da ich nicht Nein sagen kann, kommt so eine Fülle an Terminen heraus.

X: Herr Gysi, bei der Recherche ist mir erst mal aufgefallen, dass wir beide am 16. Januar Geburtstag haben. Sie sind, soweit ich weiß, kein religiöser Mensch, aber glauben Sie an Sternzeichen?
GG: Nein. Ich lese Horoskope - glaube aber nicht daran. Ich habe dazu mal etwas sehr Schönes von einem Naturwissenschaftler gelesen: „Wenn die Sterne auf die Eigenschaften eines Menschen Einfluss haben, dann doch bei der Zeugung und nicht bei der Geburt.“ Denn bei der Geburt ist der Mensch ja schon fertig. Aber aus kommerziellen Gründen haben die Sternforscher sich für das Geburtsdatum entschieden, weil: Wer weiß schon, wann er gezeugt wurde, ne? (lacht herzlich)

X: Weil es so schön zum heutigen Weltfrauentag passt, hier ein Zitat von Ihnen: „Männer können in der Regel keine Feministen sein, ich kenne nur eine Ausnahme - mich selbst.“ Was macht Sie denn zum Feministen?
GG: Na, erstens Mal: Das war damals natürlich ironisch gemeint; wenn man mich kennt, weiß man das. Aber was soll ich auch sagen, wenn die taz mich fragt, ob Männer Feministen sein können? Ich glaube aber, dass man versuchen muss, die Gleichstellung wirklich zu begreifen und zu akzeptieren. Was auch heißt, dass man viele Nebenfragen bedenkt. Nicht nur, dass es Kindertagesstätten oder ähnliche Betreuungseinrichtungen wie Nachmittagsbetreuungen an Schulen braucht - man muss z.B. wissen, dass die Ferien länger dauern, als die Leute Urlaub haben. Alles so Gedanken, die sich unsere Gesellschaft nicht macht. Ein Feminist muss so etwas immer mitdenken. Und dann darf er nicht den Ehrgeiz haben, über der Frau zu stehen, sondern er muss eben akzeptieren, dass sie über ihm steht, wenn sie mehr Sachverstand etc. hat. Und man müsste auch zu Hause versuchen, eine gerechte Arbeitsteilung hinzubekommen, was für die meisten Männer auch nicht so leicht ist. Aber am besten geht man immer nach den vorhandenen Fähigkeiten. Es gibt z.B. Hausarbeiten, die ich gut kann, und andere grauenhaft schlecht; wenn man sich dann dahin gehend verständigt, ist das schon sehr sinnvoll. Aber es kommt noch hinzu, dass man aufhören muss, zu versuchen, dass Frauen wie Männer werden, nur um Erfolg zu haben. Das ist überhaupt der entscheidende Punkt. Wenn wir mal an Margaret Thatcher denken, die hat versucht, sich so männlich wie möglich darzustellen, um erfolgreich zu sein. Und das liegt an unserer Männerwelt. Männer sind etwa durch Statistiken zu überzeugen; Frauen nicht! Wenn man uns Männern sagt: „Die Sozialhilfe ist um 3 Prozent gestiegen“, dann haben wir Männer gesagt: „Och, ist doch nicht schlecht, immerhin um 3 Prozent.“ Die Frau fragt dann aber nach und will wissen, was das für die alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin mit zwei Kindern konkret bedeutet. Und das kann man dann wieder getrost vergessen.
X: Wo Sie es gerade angesprochen haben, was ist es denn, was Sie im Haushalt gar nicht können?
GG: Bügeln! Mein Sohn kann ausgezeichnet bügeln, wahrscheinlich, weil ich es nicht kann und er das erledigen musste. Aber waschen und saugen usw., das kann ich ganz gut.

X: Ich muss im Zusammenhang mit Ihrer Person oft an eine Frau aus der griechischen Mythologie denken: Kassandra. Sie haben in den letzten Jahrzehnten so einige Entwicklungen richtig prophezeit. Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr etwa, oder auch die Euro-Einführung fällt mir da ein - geglaubt hat Ihnen aber kaum jemand. Wie gehen Sie denn mit Frust um?
GG: (überlegt) Hm, indem ich mich ablenke, andere Dinge mache. Ich versuche allgemein nicht einseitig zu sein, das ist meine einzige Chance. Wenn ich nur Politiker gewesen wäre, dann hätte mich so etwas vielleicht kaputtgemacht. Es war also von Vorteil, dass ich auch noch Anwalt war und somit wusste, was wir im Bundestag an Gesetzen beschließen und was die Justiz dann daraus macht - das sind ja zwei verschiedene Dinge. Auch habe ich immer Bücher veröffentlicht und im Jahr meist so um die zwei Vorlesungen gehalten. Ich wollte bewusst tiefer in ein Thema eintauchen und wissen, ob die Medien es schon geschafft haben, dass ich nur noch in 1:30 denken kann. So etwas regt meinen Geist an, weil ich dadurch nicht so eng werde. Und so kann man auch Frust abbauen, denn wenn ich an anderer Stelle ein Erfolgserlebnis oder ein schönes Gespräch habe, sage ich mir eben: „Natürlich hören sie wieder nicht auf mich, und hinterher werden wir wieder alles bezahlen.“ Und so kommt es dann meistens auch.

X: Sie sind ein sehr emsiger Mensch, arbeiten viel mit Ihrem Kopf. Gibt es da etwas, was Sie als Ausgleich bzw. Kontrastprogramm betreiben?
GG: Naja, ich strampel ab und an etwas auf meinem Hometrainer im Keller rum - das ist übrigens auch die einzige Gelegenheit, wo ich mal im Fernsehen rumzappe, einfach weil das sonst allzu langweilig ist. Aber ich muss Ihnen sagen, das stimmt schon in gewisser Hinsicht. Bestimmte Zeiten haben ihren Tribut gefordert und ich habe bestimmt locker ein Lebensjahr verschenkt. Andererseits war das auch eine Zeit der Bereicherung; wen ich alles kennenlernte! Ich konnte mit Nelson Mandela sprechen, mit Mitterrand … das sind bei all dem Stress auch enorme Bereicherungen. Ich sehe da beides, sowohl die Anstrengung als auch den Frust. Wenn ich noch mal in der Situation von Dezember 1989 wäre, würde ich Nein sagen. Aber so im Nachhinein muss ich auch sagen, dass es ungeheuer bereichernd für mich war.
X: Sie sprachen gerade von einem Jahr Ihrer Lebenszeit, die Sie der Stress gekostet hat. Ihr Körper hat Ihnen ja schon mehrfach deutliche Warnschüsse vor den Bug gesetzt - vom mehrfachen Herzinfarkt bis zur Gehirn-OP. So etwas wie Ruhestand können Sie sich nicht vorstellen, oder?
GG: Nein. Aber ich habe ein relativ sorgenfreies Leben. Es gibt ja Menschen, die immer an das mögliche Unglück denken und dadurch ganz stark von Angst getrieben sind. Angst ist aber keine Weltanschauung, sondern nur so ein Zustand. Dieses Denken fehlt mir komplett, ich gehe immer davon aus, mir passiert nichts. Als ich meinen ersten Herzinfarkt hatte, sagte mir der Arzt: „Herr Gysi, da kommen noch mehrere. Es gibt also zwei Möglichkeiten, entweder Sie sterben und werden in Würde beerdigt, oder Sie überstehen alles und können dann noch 20 Jahre lang ein Pflegefall werden.“ Ich habe dann zu ihm gesagt: „Ich habe mich gerade für die zweite Variante entschieden!“ (lacht)

X: Im April sind Sie auf Einladung der Stadtbücherei in Herbrechtingen zu Gast. Was sind denn Ihre ersten Erinnerungen an eine Bücherei?
GG: Naja, die erste Erinnerung war da natürlich die Bücherei meiner Eltern. Da beide Verleger waren, hatten wir sehr viele Bücher zu Hause. Ich habe noch zwei Erinnerungen zum Thema Buch: Mein Freund wohnte gegenüber, seine Mutter war alleinerziehend, weil der Vater im Krieg gefallen war. Sie hatte drei Kinder, war katholisch und sie hatten genau zwei Bücher: ein Kochbuch und eine Bibel. Und der Freund hatte es viel, viel schwerer als ich. Trotzdem ist er Oberarzt geworden. Und ich frage mich, ob heute jemand aus solchen Verhältnissen noch Oberarzt werden würde; ob es da nicht Verschiebungen in unserer Gesellschaft gibt. Das zweite Erlebnis in Sachen Buch war das wunderbare chinesische Sittenbuch „Jin Ping Mei“ mit schweinischen Stellen, das komischerweise Anfang der 50er-Jahre in der DDR erschienen war. Meine Schwester und ich wussten, wo das steht und sind dann immer heimlich hin und haben diese Stellen gelesen.

X: Vielerorts, auch hier in Baden-Württemberg, stehen Wahlen vor der Tür bzw. sind bereits gewesen. Viele Leute gehen leider erst gar nicht hin. Sie haben in mehreren Interviews interessante Vorschläge gemacht, mit denen man die herrschende Politikverdrossenheit angehen könnte. Bitte fassen Sie die kurz zusammen.
GG: Es ist bedauerlich, wenn die Politiker nach der Wahl immer sagen, es ist traurig, dass so viele nicht wählen gegangen sind. Wir müssen uns überlegen, wie wir Demokratie attraktiver machen. Menschen verhalten sich eben nur verantwortlich, wenn man ihnen auch Verantwortung gibt. Deswegen sage ich immer, man müsste die Bundestagswahl damit verbinden, dass wir erstens diesen Menschen noch drei weitere Stimmen geben. Also die Wähler kreuzen ihren Direktkandidaten an, dann die Liste einer Partei und nun sollen sie noch direkt auf der Liste dieser Partei drei Kreuze machen. Das ist mir deswegen wichtig, weil somit die Abgeordneten ihrer Partei so nahe sein müssen, dass sie auf die Liste kommen und aber gleichzeitig den Wählerinnen und Wählern so nah sein müssen, dass sie angekreuzt werden. Die herrschende Fraktionsdisziplin funktioniert auch nur deswegen so zuverlässig, weil die Abgeordneten wissen, dass sie beim Ausscheren später nicht mehr so hoch auf der jeweiligen Liste landen. Mein System würde das ändern. Zweitens würde ich den Parteien, die im Bundestag vertreten sind, das Recht geben, eine verfassungsgemäße Frage an die Bevölkerung zu stellen, die nur in ihrer Wirkung auf den Haushalt beschränkt sein muss. Das Bundesverfassungsgericht müsste in einem verkürzten Verfahren prüfen, dass sowohl die Antwort ja, als auch die Antwort nein Grundgesetz-konform ist. Damit wäre schon mal eine Frage nach der Todesstrafe ausgeschlossen. Damit hätten wir fünf Fragen, über die die Bevölkerung verbindlich über eine Legislaturperiode des Bundestages entscheidet, und zwar unabhängig davon, welche Regierung gebildet wird. So könnten die Leute wirklich direkt entscheiden z.B. „Soll die Bundeswehr in Afghanistan eingesetzt oder zurückgezogen werden?“, da hätten die Menschen - und das ist wichtig - Erfolgserlebnisse! Man wählt vielleicht eine Partei, die gar nicht in den Bundestag kommt, oder dramatisch verliert. Aber du hast dich gleichzeitig bei fünf Fragen in Vieren durchgesetzt - da hast du doch ein Erfolgserlebnis!

X: Im Sport ist es ja im Bestfall so, dass man sich auf dem Platz bekämpft, aber anschließend einen zusammen trinken geht. Haben Sie Freunde aus anderen Fraktionen?
GG: (überlegt) Nein … Freunde wäre übertrieben. Aber es hat sich sehr verändert. Zu Beginn war es so, dass es drei Arten gab, mich zu behandeln: Man ignorierte mich drinnen im Bundestag und auch draußen, oder man war sachlich zu mir drinnen und auch draußen, oder man ignorierte mich drinnen und hat draußen mit mir geredet, wenn es keiner sah. Die letzte Variante war mir am unangenehmsten. Das hat sich aber verändert, ich habe mir im Laufe der Jahre einen gewissen Respekt erarbeitet. Mein Gast beim Meeting im Deutschen Theater war ja Volker Kauder, das war vor zehn Jahren noch völlig undenkbar. Ich kann also schon mal mit jemand Essen oder ein Glas Wein trinken gehen, das ist inzwischen völlig unproblematisch. Dann gibt es aber natürlich ein paar, die einen nicht ausstehen können; aber die hat man immer, das hängt gar nicht so sehr von der Fraktion ab. Die können eben den Typ Gysi nicht leiden und das kann ich verstehen - manchmal kann ich mich auch nicht leiden. Dann gehe ich auch nicht mit mir essen, sondern lass mich allein! (lacht)

X: Und zum Abschluss die Frage nach Ihren drei Wünschen, wenn Sie der berühmten Fee begegnen würden?
GG: Oh, da muss ich gleich sagen, da bin ich unverschämt, wenn ich schon mal Wünsche äußern kann … Dann würde ich mir zuerst wünschen, dass ich alle toten und lebenden Sprachen in allen Dialekten, schriftlich und mündlich perfekt beherrsche.
X: Wow.
GG: Ich wäre der Oberkommunikator der Welt. Selbst wenn irgendwelche alten Hieroglyphen nicht entziffert werden könnten - ich ginge vorbei und könnte das mal eben vorlesen und direkt übersetzen. Das wäre doch fantastisch, oder? Mein zweiter Wunsch wäre zu privat, den erzähl ich Ihnen nicht! (lacht) Und mein dritter Wunsch wäre dann unverschämt, ich würde mir nämlich wünschen, dass ich jeden Monat wieder einen Wunsch freihabe. Und, ach, wir ändern den zweiten doch noch: Ich würde mir wünschen, dass es wirklich keinen Krieg und keinen Hungertod mehr auf der Welt gibt. Schicken Sie mir die Fee vorbei?
X: Na klar, kein Problem, sobald die hier durch ist, schicke ich sie zu Ihnen!


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