Der Nerd der Herzen: Mark Benecke

Er ist einer der renommiertesten Kriminalbiologen weltweit, Mitglied des Spaß-Nobelpreis-Komitees der Harvard-Universität, bekennender Donaldist, peta-Aktivist und Vorsitzender des Vereins Pro Tattoo. Der 42jährige Mark Benecke untersuchte Hitlers Schädel, arbeitete an vielen bekannten Kriminalfällen mit und landete schon mehrmals mit seinen Büchern auf der Bestsellerliste. Er schafft es dabei sein Renommee innerhalb der Wissenschaftswelt zu behalten, obwohl er die Grenze zum Boulevard oft und auch offensichtlich genussvoll überschreitet und kaum eine Woche vergeht, in der er nicht im Fernsehen präsent ist. Wenn man dem Mann eine Zeit lang zuhört, dann merkt man sehr schnell, wie viel Wissen in dem kahlen Kopf und hinter dem verschmitzten Lächeln steckt. Er brennt so offensichtlich für seine Materie und kommt gleichzeitig so völlig bodenständig daher, dass man ihn einfach gern haben muss. Und - Vorsicht! - Sie werden bei diesem Interview Interessantes lernen, und es tut gar nicht weh - Infotainment nennt man das auf gut (?) Neudeutsch. Ende Januar ist er wieder in Herbrechtingen zu Gast - die letzten beiden Veranstaltungen vergingen wie im Flug und waren jeweils drei Stunden lang!

XAVER: Mark, es ist kurz vor Weihnachten, bist Du gerade unterwegs oder im heimischen Köln?

MARK BENECKE: Ich bin daheim und kümmere mich um den Jahres-End-Shit.
X: Oh, Papierkram?

MB: Nee, das noch nicht mal. Aber wir haben das ganze Labor umgebaut und jetzt ist die Bibliothek noch dran. Und dann muss ich die ganzen Vorgänge noch abarbeiten. Hm, also doch Papierarbeit…

X: Heute Abend kann man Dich bei Joko und Klaas in ihrer Weltuntergangssendung sehen. Dich als seriösen Wissenschaftler hätte ich dort nicht erwartet - oder glaubst Du, dass heute Nacht tatsächlich Ende Gelände ist?

MB: Naja, ich hatte da ja meinen letzten Wunsch enthüllt und der wurde mir dann auch erfüllt. Insofern wär‘s natürlich ungünstig, wenn das Licht nicht ausgehen würde, denn dann wär‘s ein bisschen peinlich...
X: Du hast dort u.a. mit zwei leichtbekleideten Damen einen Traum von Dir erfüllt bekommen - Schlammcatchen - wie war‘s?

MB: Ja, da muss man eben durch: Das Wunschfee-Problem... Ich seh‘ es allerdings auch schon als Vorbereitung auf den Wahlkampf im nächsten Jahr. Da trete ich ja wieder als Spitzenkandidat für DIE PARTEI an… Als erste populistische Maßnahme geht das Schlammcatchen wohl durch.
X: Und wie war das so, wenn ein so lange im Verborgenen gehegter Wunsch in Erfüllung geht?

MB: Es war sogar besser als ich es mir vorgestellt hatte. Wir mussten sehr lange backstage auf unseren Auftritt warten und waren schon drauf und dran, zusammen im Schlamm Kniffel zu spielen anstatt zu catchen.
X: Die Stellenausschreibung vom ZDF hätte ich gerne gesehen: „Gesucht werden zwei attraktive Damen zum Schlammcatchen mit ganzkörpertätowiertem Wissenschaftler“!


X: Du bist ein mutiger Mensch und erträgst tapfer was der Promistatus so an Härten mit sich bringt. Bei der Recherche hab‘ ich gesehen, dass Du unter auch schon mal zu Gast bei der arte-Sendung „Durch die Nacht mit…“ warst. Und zwar mit der gelernten Kinder-Krankenschwester Michaela Schaffrath aka. Gina Wild...

MB: Ja, das war auch so eine Sache. Zum Glück wurde unsere Episode, anders als andere gute, nichtpornografische Filme mit ihr, auch ausgestrahlt. Ein öffentlich-rechtlicher Film, in dem sie eine kleine Nebenrollte hatte, wurde beipsielweise zwar angekündigt, aber einen Tag vorher hat der Senderat des ZDF - wenn ich das recht in Erinnerung habe - doch kalte Füße bekommen. Regisseur unserer Sendung war der bekannte Horrorfilm-Regisseur Jörg Buttgereit und es war alles sehr lustig, ich glaube man kann sich das auch irgendwo im Netz anschauen und auch auf DVD. Wir waren irgendwann sternhagelblau und sind dann Schlittschuh gelaufen. Die haben uns dann sogar den Champagner weggenommen und uns Vittel in die Limousine gestellt, weil wir so hacke waren.

X: Gibt’s Tage an denen Du morgens aufwachst und Angst hast, dass Du Dir die letzten Jahre nur erträumt hast?

MB: Ja, nach dem Schlammcatchen war das so. Da saß ja dann der Herr Feuerstein, unser Kaninchen Hermine kuschelte mit Micaela Schaefer und dann war die Cosma Shiva Hagen da... das war dann schon so ein Moment, der einem wie ein Traum vorkam.

X: Im aktuellen Buch geht es um Hitlers Leichenreste, Sexualmörder und die Lust am Mord. Bist Du vom Bösen fasziniert?

MB: Nein, überhaupt nicht. Ich liebe es zu tüfteln. Schon früher hab‘ ich lieber mit meinem Chemiebaukasten gespielt, während die Jungs und Mädchen draußen Fußball gespielt haben. Jetzt beschäftige ich mich mit Blut, Urin, Kot und Sperma und versuche zu rekonstruieren, was am Tatort passiert ist. Dass dadurch automatisch Gerechtigkeit entsteht, bezweifle ich. Ich freue mich einfach, wenn die objektiven Bausteine zusammenpassen und fertig.

X: In einem gemeinsamen Interview mit Dir und Elke Heidenreich hat Frau Heidenreich erzählt, dass sie auf der Weihnachtsfeier ihres Klempners umsonst gelesen hat und von ihm das Versprechen bekommen hat, dass er sofort kommt, wenn sie mal ein Problem hat, das einen Klempner verlangt. Was könntest Du denn einem Handwerker im Tausch anbieten?

MB: (lacht und überlegt) Ich glaub‘ ich bin ganz gut zu gebrauchen, wenn es darum geht Menschen zu helfen, die sozial manchmal aus den falschen Gründen stigmatisiert sind...dass ich denen oder anderen zeige, dass das doof ist. Z.B. war Micaela Schaefer in der Joko-und Klaas-Sendung. Und die ist total nett und cool.
X: Echt?

MB: Ja! Mir geht es total oft so, dass ich mit Leuten in ‘ner Sendung sitze und andere eine vorgefasste Meinung über die haben - dass ein Supermodel eben automatisch doof sein muss etc. Wenn man sich z.B. Interviews mit Micaela anschaut, dann sagt die da durchaus auch vernünftige, interessante und coole Sachen. O.k., sie ist nicht Philosophin oder Politikwissenschaftlerin von Beruf, genauso wie ich nicht Model bin, aber wovon sie spricht, davon hat sie Ahnung.

X: Du bist weltweit als Kriminalbiologe unterwegs und kommst auch viel mit Kulturen in Berührung in denen gerade in Sachen Tod der Aberglaube doch deutlich wichtiger ist als in unseren Breitengraden. Ich denke da besonders an Asien, wie waren Deine Erfahrungen da?

MB: Ich kann da jetzt nur aus Ländern berichten, wo ich längere Zeit gearbeitet habe; Singapur, Vietnam und Philippinen. Die Leute da thematisieren das von sich aus überhaupt gar nicht, also irgendwelche Todesvorstellungen oder so was. Auf Nachfrage kommt dann aber schon mal was ganz anderes. In Singapur hab‘ ich mit dem Chef der Rechtsmedizin gesprochen. Mit dem hab‘ ich viel Zeit verbracht, weil er mich u.a. zum Flughafen gefahren hat. Und da habe ich ihn gefragt, was denn an unserem Bild der Asiaten dran ist, also dieses stoische, immer Lächelnde. Denn mit der Arbeit in so einem Institut geht das ja recht wenig zusammen. Der hat mich dann angeschaut, als ob ich vollkommen irre wäre und meinte nur, dass doch alle Menschen überall gleich sind! Und ich hab‘ mir dann nur gedacht „Mann, was für ‘ne saudumme Frage!“ Dieses Religiöse und Abergläubische ist überall gleich vorhanden, nur eben verschieden ausgeprägt. Z.B. hatte ich im Labor an der Uni mal eine TA, ‘ne Technische Angestellte, die kam aus Norddeutschland, und deren Mutter hatte wirklich noch eine geöffente Schere unter dem Fußabtreter an der Eingangstür liegen, weil Hexen nicht über Scheren gehen können! Das meinte die ernst! Man zeigt das nicht mehr so offen, weil es vielleicht als uncool gilt. Jetzt ist das darum eben in andere Lebensbereiche diffundiert, z.B. Homöopathie und ähnlicher zehntausendfach widerlegter Schwachsinn.

X: Dieses Jahr kam auch wieder ein Kinderbuch von Dir auf den Markt („Das knallt dem Frosch die Locken weg“), wie kam‘s dazu, hat Dich der Verlag angesprochen oder hattest Du das Projekt im Kopf?

MB: Ja, mich sprechen immer Verlage an, ich bin nicht so kreativ. Ich hatte mal ‘ne Ladung Sendungen mit schrägen Experimenten fürs Frühstücksfernsehen gemacht. Und ich sag‘ bei allen Veranstaltungen immer, dass es wichtig ist, neugierig wie ein kleines Kind zu bleiben. Ich habe zum Verlag allerdings auch gesagt, wenn wir das Buch machen, dann knallt und stinkt das da auch. Das fanden die Lektorinnen direkt gut, hat vielleicht auch damit zu tun, dass das der Verlag ist, der auch die ganzen Astrid Lindgren-Bücher im Programm hat. Die hatten echt die Eier, etwas eher Schräges zu machen. Die haben ein gutes Gefühl dafür, was nicht nur mit dem pädagogischen Zeigefinger wedelt, sondern was die Zielgruppe auch echt begeistert. Sie haben auch wirklich nur zwei Experimente rausgenommen: LSD-Synthese und Atombombenbauen. Da hatte ich zwar echte Anleitungen drin, aber das hätten die Kids doch nie hinbekommen. Plutonium ist nicht im Supermarkt zu haben und bei der LSD-Synthese ist das sehr kompliziert mit den richtigen Temperaturen und Apparaten…

X: Du kannst also offensichtlich auch ganz gut mit Kindern, wie steht es um die eigene Familienplanung, hast Du Kinder?

MB: Nee. Aber ich mag sie sehr und spiele auch gerne mit ihnen und mache gerne Quatsch mit denen. Aber ich bin ja immer unterwegs…

X: In einem Interview, das ich im Vorfeld gelesen habe, wurde auch das Thema DNA-Datenbanken gestreift, Du bist da wohl dafür, warum? Für die Meisten klingt so was immer schnell nach Big Brother…

MB: Sagen wir mal so, ich wäre jetzt nicht außerhalb eines kulturellen, sozialen und politischen Zusammenhangs dafür. Aus wissenschaftlicher Sicht und unter strengsten Sicherheitsauflagen, die sehr schwer zu erfüllen sind, aber sehr wohl. Bei vielen Fällen, mit denen ich zu tun habe, wird ganz oft zur falschen Zeit oder gar nicht spurenkundlich ermittelt. Das tolle an DNA ist, dass man sehr, sehr schnell Hinweise darüber erlangen kann, wer auf gar keinen Fall der Täter sein kann. Im Fernsehen kommt das immer so rüber, als ob der DNA-Hauptzweck wäre, beweisen zu können, wer zur Tatzeit irgendwo war. Das ist aber gar nicht so. Eine Datenbank ist also echt sinnvoll, um Unschuldige auszuschließen. Aus fachlichen Gründen wäre es also sehr gut, aber um das Objektive geht’s leider nur sehr selten auf dieser Welt.

X: Du klärst ja auch gerne vorherrschende Irrglauben über Dein Fachgebiet auf, Leichen sind ja doch nicht so giftig, wie oft behauptet wird…

MB: Genau, wenn Leichen giftig wären, dürfte man keine Buletten, Fleischpflanzerl oder Fleischküchle essen: Das sind gehackte Leichenmuskeln mit Leichenfett und Zwiebeln. Der Irrglaube ans Leichengift hat sich wohl im Laufe der Evolution so ausgeprägt, weil der Tod gruselig ist. Und weil man natürlich generell alles Zersetzte wegen der Bakterien nicht essen sollte. Gilt aber auch für Äpfel...

X: Wenn Du Dir die Darstellungen Deines Berufsstandes in Film und Fernsehen so anschaust, wo siehst Du Dich und Deine Kollegen denn am ehesten richtig dargestellt?

MB: In „Das Schweigen der Lämmer“ gibt es eine Szene: Da sitzen zwei Zoologen mit Karohemden und dicken Brillen am Tisch und spielen Schach mit Kakerlaken. Das passt.

X: Ich war jetzt schon ein paar Jahre nicht mehr bei einer Veranstaltung von Dir. Was erwartet denn den Besucher dieser Tage? Ist der Tierpark gewachsen - ich kann mich nur an mitgebrachte Maden erinnern…

MB: Ja, ich hab‘ jetzt eher Schaben dabei. Und die Hermine, unser weißes Kaninchen. Viele Sachen hab‘ ich wieder abgeschafft; die Maden sind mir oft in Hotelzimmern abgehauen. Das wurde also mit der Zeit brenzlig. Aber die Schaben sorgen auch immer für Erheiterung!

X: Und zum Abschluss die Frage zur Jahreszeit: Schon alle Geschenke im Sack?

MB: Ich habe noch nie was zu Weihnachten verschenkt und nehme auch keine Geschenke an. Ich geh‘ das alles eher gemütlich an und treffe mich vielleicht mit Freunden hier und da auf dem Weihnachtsmarkt.


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