Buddha schlägt den Raab: Moses Pelham

Man mag über den Mann denken und sagen, was man möchte, aber er hat definitiv etwas im Kopf, er hat eine Menge Herz und er kann was. Und er polarisiert, wie das so viele große Künstler vor und nach ihm gemacht haben. Mit 13 Jahren nahm er seinen ersten Song auf, bekannt wurde er später mit dem Rödelheim Hartreim Projekt, seiner Platten- und Produktionsfirma 3P und als Entdecker und Förderer von Talenten wie Xavier Naidoo, Sabrina Setlur und Cassandra Steen (u.a. Glashaus). Und nach wochenlangen verbalen Provokationen des damaligen VIVA-Moderators Stefan Raab hat er ihm bei der Echoverleihung mit einem Kopfstoß die Nase gebrochen - und damit etwas getan, wovon viele nur träumen. Aus dem respekt-versessenen Heißsporn („solang ich zuck mach ich Druck, ich schlag’, tret‘, beiß’ und spuck!“ - vom ersten Teil der „Geteiltes Leid“-Trilogie) ist ein besonnener, fast altersmilder und deutlich gereifter Künstler geworden. Nach acht Jahren Pause erschien dieser Tage sein neues Album, das prompt auf Platz 7 in die Albumcharts stürmte. Das Telefonat geht enorm entspannt, konzentriert und humorvoll über die Bühne, und ganz fleißiges Bienchen signiert er nebenher emsig Limited Edition-Alben.

XAVER: Moses, hat mich da eben eine Frau Setlur mit Dir verbunden?
MOSES PELHAM: Ja, das war meine Kollegin Yvonne Setlur. (lacht)
X: Und die ist nicht zufällig verwandt und/oder bekannt mit einer anderen Frau Setlur aus Deinem Umfeld?
MP: Doch, doch, die sind schon bekannt. (lacht)
X: Sehr sympathisch, Family Business!

X: Moses, zwischen den drei Teilen von „Geteiltes Leid“ liegen jeweils viele Jahre. War das von Anfang an als Trilogie und mit diesen enormen Abständen geplant?
MP: Zur Trilogie wurde das Ganze erst pretty much kurz vor Veröffentlichung. Nach den Rödelheim Hartreim Platten war eigentlich der Plan, dass sowohl ich, als auch mein RHP-Partner Thomas Haas Soloalben machen würden. Meine sollte „Geteiltes Leid I“ und seine dementsprechend „Geteiltes Leid II“ heißen. Als ich mit meinem Album fertig wurde, war dann halt klar, dass es Thomas‘ Platte nicht geben würde. Da gab’s dann kurz Gedanken in die Richtung die I wegzulassen und das Album nur „Geteiltes Leid“ zu nennen, aber dann dachte ich mir kurz vor knapp noch, komm, wir machen eine Trilogie - war halt mal wieder ne Schnapsidee!
X: Schnaps für alle!
MP: Ja, voll! Und ich konnte überhaupt nicht absehen, wie die nächsten beiden Teile werden würden und schon gar nicht, dass es 14 Jahre dauern würde! Das hatte ich mir dann doch etwas anders vorgestellt, kannst Dir ja vorstellen!

X: In der Juice hast Du bei einem Interview zu „Geteiltes Leid II“ damals gesagt, dass der dritte Teil nicht wieder sechs Jahre auf sich warten lassen wird. Das war nicht mal gelogen, stattdessen waren es dann sogar acht!
MP: Oh, ja, da kann ich mich wirklich noch ganz genau erinnern. Sechs Jahre war wirklich eine lange Zeit, aber wie’s Leben eben so is… das schreibt sich halt selbst. Es hat aber auch sein Gutes, denn nur so kann man sich jetzt diese Trilogie anhören, die mich eine so große Zeit meines Lebens begleitet hat und - wie ich an dieser Stelle immer wieder mit Vergnügen anmerke (lacht) - mit anhören, wie ich erwachsen und vernünftig geworden bin!

X: Durch die fast durchgängige Bandinstrumentierung hat das einen überraschend rockigen roten Faden - kannst Du was mit Rock anfangen?
MP: Naja, ich bin mit Rockmusik aufgewachsen, ne. Ich glaub‘ ich kann so mit den meisten Musikrichtungen was anfangen. Ich hab‘ da auch nie so in Genres gedacht und eigentlich ist es ja auch im Hip Hop (wenn er das sagt, klingt das sehr authentisch, und eher nach HipHaapp, Anmerk. d. Verf.) irrsinnig so was zu tun, weil man ja nur mit einem entsprechend breiten Geschmack sich Platten und Teile herholt und sie immer wieder wiederholt und samplet. Lange vor dem Sampler haben wir das mit Plattentellern gemacht, das muss man in dem Kontext mal festhalten! Die Liveumsetzung meiner Musik immer mit einer Band passierte, live war das also schon immer viel rockiger als auf Platte, auch, weil die Musiker alle aus dem Rockbereich kommen.

X: Das neue Album wurde und wird natürlich smart promotet, u.a. gibt’s eine ganze Reihe kurzer Clips mit der vom ersten Album bekannten Frage „Mo, wann kommt die Platte raus?“ - war das Deine Idee?
MP: Ja, klar, aber das ist jetzt fast schon wieder Betrug, denn man muss sagen, dass diese Frage tatsächlich aus der Wirklichkeit genommen wurde. Die Leute haben mich ständig auf der Straße gefragt, wann denn das erste Soloalbum kommt. Und Jahre später haben die das halt wieder zitiert, da hat das Leben wieder die Geschichte geschrieben und so ist das zu einem geflügelten Wort geworden. Das dann aus dem Hut zu zaubern, wenn ich endlich die entsprechende Antwort parat habe, lag ja nahe.
X: In der Kampagne tauchen eine Menge bekannte Gesichter auf, u.a. die Orsons oder auch Sabrina Setlur. Aber wer ist der junge Herr im jüngsten Clip, der da zwischen den Schenkeln einer unbekannten Schönen auftaucht?
MP: Das ist Bayz Benzon. Wobei der Clip so ‘ne Art Nachzügler war. Den haben auch nicht wir gemacht, den hat Dave selbst gemacht und mir geschickt - wobei er da wohl eher nicht an eine Veröffentlichung dachte.

X: Beim Stichwort: Was ist denn aus der Sängerin/Rapperin Sabrina Setlur geworden? Seit dem „Rot“-Album vor ein paar Jahren hab‘ ich da nichts mehr gehört…
MP: Ich auch nicht!
X: Ja, Spaß beiseite. Gibt’s Pläne ihrerseits wieder ein Album zu machen?
MP: Oh, das kann ich Dir nicht sagen. Bock zu haben mal einen Track zu machen ist das eine, aber wieder zwei, drei Jahre deines Lebens in so was zu investieren, ist was anderes.

X: Wie wichtig und/oder effektiv ist kalkulierte Provokation im Zusammenhang mit erfolgreicher Promotion?
MP: Naja, darüber gehen ja die Meinungen auseinander. Ich kann für mich sagen, dass ich noch nie in meinem Leben im Rahmen der Vermarktung einer Platte irgendwie bewusst provoziert hab.
X: Zwischen den Bands Die Ärzte und Die Toten Hosen und auch zwischen ihren Fans, gab’s ja jahrelang einen medienwirksamen Clinch und etwas ganz ähnliches gab’s eine Zeit lang zwischen dem RHP und den Fantastischen Vier. Du sagst also, Ihr habt das nie willkommen geheißen und hier und da etwas Öl ins Feuer geschüttet?

MP: Als das losging, war das aus meiner Sicht nicht besonders medienwirksam. Für mich war da viel Eifersucht und so dabei. Und in Kombination mit dem traditionellen Battlegedanken, war das halt nur so eine „Und wisst ihr was? Ihr könnt auch heimgehen, dass das mal klar ist!“-Ansage. Und das hat sich dann so hochgeschaukelt. Und so richtig ernst nehmen kann ich das heute natürlich nicht mehr; auch wenn ich mir das heute anhöre, ganz ehrlich. Ob’s nun unbedingt sein musste, kann ich Dir auch nicht so genau sagen (lacht). Aber damals waren offensichtlich beide Parteien dieser Auffassung, aber das Ding ist echt lange um die Ecke, ne.
X: Wie stehst Du heute zu den Fantas, kennt Ihr Euch, habt Ihr Kontakt?
MP: Also überhaupt nicht regelmäßig oder so. Aber ich hab‘ den Kollegen gegenüber überhaupt gar keine harten Gefühle. Und mit Thomas hab‘ ich die letzten Wochen öfter telefoniert, und wir werden einen Track für sein nächstes Soloalbum zusammen machen.

X: Es gab ja auch durchaus etwas Rauschen im Blätterwald wegen des Böhse Onkelz-Sampels in „Für die Ewigkeit“, der ersten Single aus dem neuen Album. Das hast Du natürlich vorher gewusst und Dich bewusst dafür entschieden…
MP: Da sind wir wieder bei dem was ich eingangs sagte. Ich hab‘ das bestimmt nicht gemacht, um irgendjemanden zu provozieren. Ich werd nur einen Teufel tun und es unterlassen, weil es irgendjemand provozieren könnte! Verstehst Du den entscheidenden Unterschied hier aus meiner Perspektive? Und die Onkelz sind nun mal eine Band, mit der ich aufgewachsen bin. Die Band ist ganz stark mit dafür verantwortlich, dass ich überhaupt angefangen habe auf Deutsch zu rappen. Ich hatte sehr lange Zweifel, ob Rap auf Deutsch überhaupt funktionieren könnte. Ich hab‘ mit 16 mal einen Werbespot auf Deutsch gerappt, und das war halt alles mehr so witzig. Und alles, was ich auf Deutsch kannte, war entweder Schlager oder so Faschingsmusik. Als ich die „Es ist soweit“ gehört habe, war ich beeindruckt. Das waren harte, deutsche Texte, es war nicht peinlich und ich hab‘ dem Typ der da gesungen hat, jedes Wort geglaubt. Und wie Du gesagt hast, es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Onkelz-Material arbeite. „Glaubst Du mir?“ von Sabrina, da basiert der Refrain eigentlich auch auf einem Onkelz-Stück! Aber weil Xavier das singt und es auch nicht so vordergründig ist, fiel das auch kaum einem auf.

X: Seit ein paar Wochen bist Du im Fernsehen als Jurymitglied von X-Factor zu sehen. Hast Du die Show denn vorher schon verfolgt, schaust Du Dir Casting-Shows an?
MP: Ich hab‘ überhaupt kein Fernsehen! Und ich hab‘ sie auch dann nicht im Fernsehen gesehen, als das Angebot vorlag, weil die Macher mir gesagt haben, dass alles ganz anders wird.
X: Ich schau‘ an sich kaum Casting-Shows, aber die Kombination von vier derart unterschiedlichen Jurymitgliedern hat mich interessiert. Wie war die Zusammenarbeit mit HP Baxter von Scooter, Sandra Nasic von den Guano Apes und Sarah Connor? Haben die Deine eventuell bestehenden Vorurteile bestätigt oder gab’s vielleicht sogar angenehme Überraschungen?
MP: (überlegt lange) Ach, so ein bisschen von allem. Ich kannte die ja vorher schon flüchtig von Konzerten und irgendwelchen Veranstaltungen. Ich hab‘ anfangs auch gar nicht verstanden, warum man so unterschiedliche Leute in eine Jury setzt. Im Nachhinein ist die Idee aber voll aufgegangen und es war sehr unterhaltsam.
X: Sind die Quoten denn gut, gibt’s eine weitere Staffel in gleicher Besetzung?
MP: Ich kann da nichts zu sagen, ich bin nur für diese Staffel engagiert. Die hatten sich aber wohl höhere Quoten erwartet.

X: Ich kann mir nicht helfen, ich muss immer an Buddha denken, wenn ich Dich dieser Tage im Fernsehen seh.
MP: (lacht aus vollem Herzen) Ich hab‘ wirklich schon viel schlimmere Sachen über mich gehört.
X: Das ist ein ganz anderer Mensch, als der böse Gangsterrapper vom Rödelheim Hartreim Projekt. Hast Du Dich da coachen lassen oder wo kommt diese positive Ausstrahlung her?
MP: (atmet tief durch) Ich versteh‘, wenn man sagt, dass der Mann in Interviews früher schon mal konfrontativer war. Das hat bestimmt was mit erwachsen und vernünftig werden zu tun. Ich sag’s ganz ehrlich, ich bin sehr bemüht einfach glücklich zu sein. Und das Album von dem wir hier immer wieder mal sprechen, das trug sehr lange den Untertitel vom Durchbrechen des Teufelskreises. Ich will mich und die Menschen um mich rum so glücklich wie möglich sehen und bin deshalb eigentlich bemüht, jedes Öl ins Feuer gießen zu vermeiden. Und ich hab mich übrigens noch nie in meinem Leben als Gangsterrapper verstanden.

X: Du bist, wenn man Deine Texte liest, offensichtlich ein gläubiger Mensch, lässt sich das an einer etablierten oder gar organisierten Religion festmachen?
MP: Nee. Ich bin natürlich als Christ aufgewachsen und erzogen worden. Und das war auch das Erste worin ich Gott erkannt hab‘, aber ich kann Gott in allem erkennen. Die verschiedenen Versuche Gott zu erklären in Konkurrenz zueinander zu sehen, macht für mich keinen Sinn. Und ich hab‘ mich mit Buddhismus noch nicht sonderlich auseinandergesetzt, aber alles, was ich darin höre, beschreibt dieselbe Energie.
X: Wenn Du beim Buddhismus so viel Überschneidungen mit Deinem Weg siehst, bist Du denn dann auch Vegetarier?
MP: Ja, klar. (und wenn er das sagt, dann klingt das, als wäre das das allernormalste der Welt!)

X: Auf Deinem neuen Album gibt’s u.a. Gastauftritte von Jan Delay und Xavier Naidoo. Gerade die Teilnahme von Xavier wäre vor ein paar Jahren wohl undenkbar gewesen. Wie kam’s zur Versöhnung zwischen Euch?
MP: Nachdem der juristische Streit ja schon vor Jahren außergerichtlich beigelegt wurde, hatten wir seitdem keinen Kontakt mehr. Bis ein gemeinsamer Freund von uns angeregt hat, uns mal wieder zu treffen. Im März haben wir uns dann tatsächlich bei ihm getroffen. Und ich kann nur immer wieder sagen, wie dankbar ich diesem Freund bin und wie glücklich, dass das passiert ist. Ich empfand das als extrem befreiend und echt jetzt, pfeif‘ mal auf Mucke, ich mein menschlich. Und dann kam dabei auch noch so ein Stück rum, dass das letzte Lied auf der Platte, das letzte Lied der Trilogie ist. Der Song lässt quasi Fleisch werden, wovon auf der Platte die ganze Zeit die Rede ist. Vom Durchbrechen des Teufelskreises, vom Überwinden des Leides und du dann siehst, was mit so einem bisschen guten Willen möglich ist - und Du weißt, die meisten Leute hätten es für komplett unmöglich gehalten, dass wir nochmal einen Track zusammen machen! Das ist schon krass, ein schöneres Ende von dieser Platte hätte ich mir einfach nicht vorstellen können!


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