Als Alien in der After-Work-Lounge: Dieter Moor

Der Mann mit dem markanten Gesicht nebenan ist Dieter Moor. Er wurde 1958 in Zürich geboren und ist ein im gesamten deutschen Sprachraum tätiger Moderator. Viele werden ihn schon seit seiner „Canale Grande“-Zeit auf VOX kennen, in den letzten Jahren ist er hauptsächlich für das Kulturmagazin „ttt“ tätig und seit letztem Jahr ist er auch als Buchautor aktiv. Er ist neben Harald Schmidt der einzige Moderator in Europa, der eine tägliche Late-Night-Show moderierte (nämlich „Night Moor“ fürs Schweizer Fernsehen). Moors Tochter Miriam Stein hat sich ebenfalls für eine Schauspielkarriere entschieden und feierte an der Seite von Moritz Bleibtreu mit der Kinoproduktion „Goethe“ im letzten Jahr ihren ersten großen Erfolg. Seit 2003 betreibt Dieter Moor mit seiner Frau Sonja einen Demeter-Hof im Berliner Umland, wo er u.a. Galloway-Rinder und Wasserbüffel züchtet. Und so kommt er denn auch direkt von der Weide ans Telefon, um dem XAVER Rede und Antwort zu stehen, denn Ende des Monats ist er mit seinem Buch zu Gast im Stuttgarter Theaterhaus.

XAVER: Hallo Herr Moor, es ist gleich Mittag, Sie kommen eben von der Weide - wann sind Sie denn heute früh aufgestanden?
Dieter Moor: Dieser Tage steh’ ich meist um halb sechs auf.
X: Oha, das ist früh!
DM: Nein, das ist noch human!
X: Waren Sie denn schon immer so ein Frühaufsteher oder erst seit Sie den Hof bewirtschaften?
DM: Ich stehe immer dann so früh auf, wenn Arbeit ruft, die eben früh morgens erledigt sein muss. Und zwar egal ob auf dem Hof oder sonst etwas. Wir betreiben ja keine Milchwirtschaft und müssen normalerweise auch gar nicht so früh raus zum Melken, aber in letzter Zeit kommen einfach so viele Kälber, da muss man, sobald es hell genug ist, um etwas zu sehen, auch direkt den ersten Hofgang machen.
X: Sie leben mit Ihrer Frau ja auf einem Hof am Stadtrand von Berlin. War’s hart am Anfang in dem kleinen Dorf? Das sind ja meist recht eingeschworene Gemeinschaften, da kommt man doch von außen schwer rein...
DM: Dörfer sind wie Clubs oder Familien oder After-Work-Lounges, man kann da nicht hingehen und sagen „Ich bin der Größte und ich bin der Einzige, der weiß, wie es geht!“. Ich kenne das aber alles sehr gut, weil ich ja selbst dörflich aufgewachsen bin. Meine Kindheit hat in einem winzigen Dorf stattgefunden. Das hat auch gar nicht so sehr etwas mit dem Dorf an sich zu tun, es ist einfach so, wenn sie in eine Gruppe reinkommen, wo nicht alles anonym ist wie in einer Millionenstadt, dann muss man sich eben mit dieser Gruppe auseinandersetzen und muss auch akzeptieren, dass die Gruppe sich mit einem selbst auseinandersetzt. Das gehört einfach dazu.
X: Wurden Sie da von Anfang an als Prominenter erkannt?
DM: Gott sei Dank überhaupt nicht, weil ich damals nämlich auch gar nicht prominent war - und prominent sowieso in Anführungszeichen! Ich habe ja lange in Österreich und der Schweiz gelebt und war fast 15 Jahre lang weg vom deutschen Markt. So kannte mich quasi kein Mensch und ich war einfach nur ein neuer Nachbar. Das mit der „Prominenz“ kam dann erst später.
X: Ihre Erfahrungen mit Land und Leuten haben Sie im Buch „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ gesammelt. Wie definieren Sie denn ein Arschloch?
DM: Das ist natürlich augenzwinkernd gemeint, denn allein wenn man sich anmaßt, dass man definieren kann, wer ein Arschloch ist und wer nicht, ist man ja schon wieder Arschloch. Für mich persönlich ist arschlochfreies Verhalten eine größtmögliche Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Auch mal eingestehen, wenn man mal etwas nicht kann. Handschlagqualitäten auch, und das ist hier alles weitverbreitet, ganz im Gegenteil zu den ganzen Klischees über Brandenburg.
X: Wie kam es denn zu diesem Buchprojekt? Hatten Sie die Idee oder hat der Verlag Ihnen ein Angebot gemacht, das Sie nicht ablehnen konnten?
DM: Eindeutig letzteres. Ich selber hab’ mir nie vorstellen können, überhaupt ein Buch zu schreiben. Und die ganzen Klischees konnte man vielleicht auch am ehesten als Außenstehender, als Alien, korrigieren. Als Fremder erlebt man das einfach anders. Das war dann ein Motiv, als der Rowohlt Verlag auf mich zukam, so dass ich gesagt habe, dann probier’ ich das halt mal. Und in aller Naivität und mit erstaunlicher Selbstdisziplin, ohne mich je für einen Schriftsteller zu halten, habe ich dann alles aufgeschrieben. Und zu meiner eigenen Überraschung wurde das ein relativ großer Erfolg. Das war auch kein Plan, es hat sich so ergeben.
X: Na, so bescheiden, wie Sie jetzt tun, ist der Erfolg doch gar nicht - ich habe etwas von 200.000 verkauften Exemplaren gelesen!
DM: Wir nähern uns tatsächlich der 300.000. Das ist schon prima, wie ein unerwartet schöner Sommer oder etwas in der Art. Bevor es veröffentlicht wurde, habe ich mir Sorgen gemacht, dass der arme Verlag ein Verlustgeschäft macht.
X: Ich denke, da brauchen Sie sich keine Sorgen mehr machen! Und die Geschichten scheinen Ihnen nicht auszugehen, im nächsten Jahr erscheint bereits Teil zwei.
DM: Ja, eigentlich hätte es schon im Herbst soweit sein sollen, aber dann kam ich mal wieder einfach nicht so dazu, wie ich es ursprünglich geplant hatte.
X: Auch ein Kochbuch mit und von Ihnen kam Ende letzten Jahres heraus. Sind Sie denn selbst jemand, der ab und an Kochbücher kauft und daraus kocht?
DM: Ja. Ich bin über lange Zeit ein Fan von Kochbüchern gewesen und habe sicher anderthalb Meter davon im Regal stehen. Ich selbst habe ja das angesprochene Kochbuch auch nicht geschrieben, sondern eine Kochfachfrau, nämlich Sabine Schneider. Ich habe Geschichten geschrieben und wir haben dann gemeinsam Rezepte entwickelt. Es ging eben auch weniger darum, meilenweit für die verschiedenen Zutaten zu reisen, sondern eher darum zu schauen, was habe ich zu Hause oder was kann ich leicht besorgen und was lässt sich daraus machen. So ist das Buch nach Jahreszeiten aufgeteilt, für die Leute, die auch einen Garten haben oder saisonal einkaufen wollen. Es ist auch alles relativ einfach nachzukochen.
X: Es ist auch eine gute Mischung aus Geschichten, Tipps und Rezepten geworden.
DM: Wir wollten eben nicht das 400ste Kochbuch wie so viele andere machen. Und ich darf es auch sagen, weil ich’s nicht gemacht habe: Ich finde die Fotos richtig klasse. Und worauf wir auch besonders stolz sind: Es wurde nicht mit Food-Design gearbeitet. Die Fotos der Gerichte sind alle so, wie sie gekocht sind, wurden also nicht mit Lack oder ähnlichem behandelt und wurden auch alle gegessen! Es wurden zudem bewusst Verbindungen hergestellt - z.B. sieht man auf der einen Seite ein „süßes Schweinchen“ und auf der anderen Seite dann den Schweinebraten. Das Fleisch war mal ein Lebewesen und wird dementsprechend mit dem nötigen Respekt als Nahrungsmittel behandelt.
X: Wobei die meisten Leute ja alles dafür tun, um diese Verbindung eben nicht herstellen zu müssen!
DM: Genau, mit dem verhängnisvollen Resultat, dass wir dann Gammelfleisch-Skandale haben oder Fleisch in großen Mengen wegwerfen.
X: Und in Ihrem Kochbuch geht’s auch ums Thema Resteverwertung.
DM: Genau. Wir verkaufen ja Fleisch, da wir Rinder und Schafe züchten und auch schlachten. Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen, die ich dann frage, was sie für ein Fleisch wollen, oft gar nicht wissen, was da alles dran ist. Die meisten sagen Steak, aber die Kuh besteht nicht nur aus Steak, das ist nämlich nur ein ganz winziger Teil. Ich lerne selbst auch wöchentlich dazu, was man aus einem Rind alles machen kann.
X: Zurück zum Thema Kindheit, dass Sie vorher angesprochen haben. Ihr Vater war Versicherungsvertreter und Sie haben sich nach der Schule für eine Schauspielkarriere entschieden - gab’s da Knatsch daheim?
DM: Mein Vater war ein sehr lebenskluger Mensch, da man ja gerade als Versicherungsmitarbeiter tagtäglich mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert wird. Er hatte also eine recht realistische Einschätzung. Und er war natürlich ein Mensch, der sehr viel von Statistiken hielt, und seine Statistik hat ihm gesagt, dass du als Schauspieler eine recht kleine Überlebenschance hast und als Buchhalter eine recht große; andererseits der Befriedigungskoeffizient beim Schauspieler etwas höher ist als beim Buchhalter - wenn man dementsprechend tickt. Und mein Vater war sehr, sehr großzügig. Nachdem zunächst noch ein Musikstudium im Gespräch war und ich auch schon an der Akademie eingeschrieben war, hat er gesagt: „Meine Kinder sollen zwei Ausbildungschancen kriegen. Musiker war jetzt und wenn Du jetzt Schauspieler werden willst und das dann auch schmeißt, dann war’s das mit den beiden Ausbildungen, also reiß Dich zusammen.“ Ein sehr guter Deal, ich habe mich dann auch angestrengt, nicht wieder von der Schule zu fliegen und mit Diplom abgeschlossen.
X: Gab’s ein auslösendes Moment für diesen Berufswunsch, hatten Sie Vorbilder?
DM: Nein, das war bei mir viel banaler. Ich bin sehr ländlich aufgewachsen und wusste gar nicht, dass man Schauspieler erlernen kann. Ich habe natürlich in unserem alten Schwarzweißfernseher gesehen, dass da Leute „rumhampelten“, aber ich wusste eben nicht, dass man das lernen kann wie Schreiner, Tischler oder Buchhalter. Als ich dann zufällig davon hörte, war ich begeistert von den Fächern, die die Ausbildung beinhaltete. Ich war extrem schulmüde und fand es zunehmend unerträglich in einer Klasse zu sitzen und vorne stand einer, der mir etwas erzählte, von dem ich nicht wusste, wofür ich das brauche. Da kamen dann plötzlich Fächer wie Jazztanz, Filmgeschichte, Literatur, Fechten, Ballett und Rollenstudium, wo ich mir dachte, dass es mir da ganz bestimmt nicht langweilig werden würde. Es haben sich ganz neue Welten aufgetan. Und danach stand ich dann mit diesem Beruf da, der sich Schauspieler nannte und von dem ich tatsächlich leben konnte, denn ich hatte kein Problem damit, Engagements zu finden. Aber es hat mir am Theater nicht gefallen. So hatte ich also ein riesiges Problem, weil ich einen tollen Beruf gelernt hatte, die Ausübung mir aber nur wenig entsprach. Es folgte eine Phase, in der ich verschiedene ungelernte Berufe ausübte.
X: Bereits seit 2007 moderieren Sie das ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“. Wie muss man sich Ihre Arbeit abseits der reinen Moderation denn da vorstellen, wie viel Input zu den Inhalten kommt von Ihnen?
DM: Nicht wahnsinnig viel, denn das ist ja eine komplizierte Geschichte mit „ttt“. Es sind insgesamt sechs ARD-Sendeanstalten beteiligt, das heißt, ich verständige mich jede Woche mit einer anderen Redaktion und einem anderen zuständigen Menschen. Da es keine Zentralredaktion gibt, beschränkt sich meine Mitarbeit darauf, dass die Redaktion Themen auswählt, ich natürlich Vorschläge machen kann, aber keine Chefposition habe. Ich fahre also am Vortag hin, und wir sichten die Beiträge, sprechen darüber und überlegen uns, wie man die Dramaturgie der Sendung aufbaut. Danach schreibe ich meine Texte und am nächsten Tag wird aufgezeichnet.
X: Das sind ja schon Extreme, zwischen denen Sie da pendeln, einerseits das Hochgeistige, Hochkulturelle und andererseits die eigene Scholle, Kuhmist und Erde - brauchen Sie diese Gegensätze, so wie z.B. ein Weinkenner zwischen den edlen Tropfen einen Schluck Wasser zum Resetten nimmt?
DM: Die Breite des Spektrums ist sehr angenehm. Darauf habe ich, seit ich schnaufe, immer gekuckt, dass ich nicht nur eines mache, sondern möglichst verschiedene Dinge. Das hält ja auch fit. Auf der anderen Seite ist die Vorstellung, dass die Landwirtschaft das dumpf-tumbe Tun ist, auch falsch. Es heißt ja nicht umsonst Agrikultur; die ganze Landschaft, die wir haben, ist ja das Produkt eines agrikulturellen Tuns. Und für mich ist eine Wiese, die seit Jahrhunderten beweidet wird, gepflegt wird und eine Artenvielfalt darauf hat, mittlerweile genauso viel wert wie eine Barockkapelle. Nur: Die Barockkapelle wollen wir alle erhalten, die Kultur-Landschaft, die wir über Jahrhunderte mit Blut, Schweiß und Tränen geschaffen haben, ist hingegen scheinbar wertlos. Für mich ist das Herstellen von Lebensmitteln, das Halten von Tieren oder das Pflegen von Boden eine uralte Form der Kultur und von daher sehe ich auch keinen Widerspruch zur Kultur- und Medienlandschaft.
X: Schauen Sie selbst eigentlich fern und, wenn ja, was?
DM: Überhaupt nicht mehr, muss ich leider gestehen. Was ich mir ankucke, ist, was ich in Internet-Mediatheken finde oder vielleicht auch mal auf einer DVD, die ich, laut Bekannten, gesehen haben muss. Unser Fernseher hat zwei Jahre vor sich hin gestaubt, nicht weil wir Fernsehgegner sind, sondern weil man einfach nicht dazu kommt. Und so haben wir den Fernseher irgendwann entsorgt. Das ist zwar irgendwie leicht skandalös, weil ich ja vom Fernsehen lebe, aber so ist es nun mal.
X: Dann vielen Dank fürs Gespräch und mal schauen, wie das so weiter geht bei Ihnen!
DM: Ja, schauen wir mal. Ich ahne, wie es weiter geht - Medien werden sukzessive immer weniger mit dem zunehmenden Alter und die Landwirtschaft wird immer mehr und irgendwann wird’s dann eben nur noch die Landwirtschaft geben - soweit der Plan!


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